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Stadt Hannover Stadt darf fensterlose Hotels nicht verbieten
Aus der Region Stadt Hannover Stadt darf fensterlose Hotels nicht verbieten
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00:22 27.01.2019
Bald auch in Hannover: So sieht das Boxhotel von Betreiber Oliver Blume in Göttingen aus. Quelle: Michaela Hundertmark
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Hannover

Hannover bekommt in Kürze zwei Hotels mit Zimmern ohne Fenster. Vor dem Verwaltungsgericht ist die Stadt am Donnerstag gescheitert mit dem Versuch, zwei örtlichen Betreibern das Experiment zu verbieten. Vergeblich hatte das Bauamt mit Brandschutzargumenten und Fragen der Wohnqualität die beiden Projekte zu verhindern versucht – das Gericht sah alle Aspekte als wenig schlüssig an. „Wer sich in solch eine Höhle begibt, tut das freiwillig“, sagte der Vorsitzende Richter Andreas Kleine-Tebbe am Ende flapsig und machte keinen Hehl daraus, dass er selbst nicht ohne Fenster schlafen wolle.

Auch Kreuzfahrtschiffe haben Kabinen ohne Fenster

Der hannoversche Unternehmer Oliver Blume rechnete vor, dass schon „eine Milliarde Kreuzfahrtgäste ihren Urlaub in Innenkabinen ohne Fenster verbracht“ hätten. Sein fensterloses Box-Hotel in Göttingen sei von Gästen 3000 Mal positiv bewertet worden – es sei nach der gleichen Landesbauordnung genehmigt, die auch in Hannover angewandt werden müsse. „Der Baudezernent in Göttingen versteht die Ablehnung des hannoverschen Baudezernenten nicht und hat ihn mehrfach eingeladen, sich unser Projekt anzuschauen“, sagt Blume.

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Fensterlose Hotels sind weltweit nachgefragt

Auch Hotelier Andreas Wienecke möchte sein Hostel in der Osterstraße um fensterlose Zimmer erweitern. Nur so könne er die Räume des ehemaligen Restaurants Naxos sinnvoll nutzen, die sehr tief ins Gebäude hineinragen. Künstliche Belüftungen und zum Teil Tageslichtsimulationen machen Fenster nach Ansicht der Betreiber und vieler Nutzer überflüssig – und die knappe Fläche von rund sechs Quadratmetern verbilligt die Angebote so stark, dass Studenten, Handwerker, Motorrad- und Fahrradtouristen weltweit sie gerne nutzen.

Verwaltungsgericht Hannover hat es sich nicht leicht gemacht

Dass das Gericht er sich leicht gemacht hätte, kann man nicht sagen. Alle Aspekte, die die Stadt bei ihrem Versuch der Ablehnung vorgebracht hatte, wurden intensiv diskutiert.

Brandschutz: „Was ist denn, wenn es genau vor der Zimmertür brennt?“, fragte Richter Kleine-Tebbe gleich zu Beginn provokant. Fenster dienten schließlich nicht nur der Belichtung und Belüftung, wie es die Bauordnung auflistet, sondern auch als zweiter Rettungsweg. Schlüssig erklärt Brandschutzexperte Dirk Schlomann, dass es zahllose Hochhaushotels gibt mit vierfachverglasten, fest eingebauten Scheiben, die von keiner Drehleiter erreicht werden könnten. In Hotels müssten Fluchtwege immer über Flure erfolgen. Peinlich für die Stadt: Beim Box-Hotel hatte sie das gute Brandschutzkonzept sogar ausdrücklich gelobt.

Wohnqualität: Die Bauordnung sieht für Wohnräume zwar zwingend Fenster vor. Urteile aber legen eindeutig dar, dass Wohnräume ausdrücklich dauerhaft genutzte Zimmer seien. Dort müssten Verhältnisse gelten, in denen man sich nicht „soziophysisch unwohl fühle“, zitierte Richter Kleine Tebbe. Die Hotelzimmer hingegen seien eher Nutzräume – insbesondere in fensterlosen Projekten, wo man sich außerhalb der Schlafenszeit kaum aufhalte.

Zimmergröße: Beim Box-Hotel unterschreiten die Pläne das Mindestmaß der Bauordnung von sechs Quadratmetern für Aufenthaltsräume. Die Betten sind über zwei Raumetagen verteilt, was die Boxen größer erscheinen lässt – sie messen aber nur 4,2 bis 5,3 Quadratmeter. Richter Kleine-Tebbe entschied, dass die Stadt hier eine Abweichung von der Norm genehmigen müsse, schließlich seien es reine Schlafboxen, in denen der Platz ausreiche.

Box-Hotel mit viel Licht Lobby und in Fluren

Wieneckes Anwältin Inger Ohlmer argumentiert, nachts gebe es ohnehin kein Tageslicht, und wer die Nacht durchgemacht habe und tagsüber schlafen wolle, „der will gerade dann auch kein Tageslicht“. Und Blumes Anwalt Andreas Koenen beschrieb, dass beim für Hannover geplanten Box-Hotel „in Lobby und Fluren so viel Tageslicht ist, wie ich es lange nicht in Hotels gesehen habe“. Blume will sein Box-Hotel neben dem Astor-Kino einrichten. Das Gebäude hat große Fensterfronten, die 104 Schlafboxen aber sollen im Inneren liegen. Sie sind stylisch eingerichtet und verfügen über Monitore, deren Bilder Fenster simulieren können. Ähnliche Schlafboxen sind weltweit an Flughäfen und in den großen Metropolen längst üblich.

Die Stadt hat vor allem Sorge, dass fensterlose Herbergen Schule machen und künftig auch in heruntergewirtschafteten Kellern Übernachtungen angeboten werden. Michael Zietsch von der Bauaufsicht sagte im Prozess, die Stadt wolle bei Baugenehmigungen „ein Mindestmaß der Erträglichkeit“ sicherstellen. Das sehe sie bei den geplanten Projekten nicht als gegeben an. Sie hatte sich vor dem Prozess beim Land rückversichert, ob ihre Ablehnung in Ordnung sei. Obwohl in Göttingen bereits ein Box-Hotel existiert, gab das Land der Stadt Hannover noch im September Rückendeckung.

Wienecke will Schadenersatz von Hannover fordern

Wienecke, der seit zweieinhalb Jahren um die Genehmigung kämpft, muss nun laut Gericht einen positiven Bauvorbescheid bekommen, Blume sogar schon die fertige Baugenehmigung. „Glücklich“ seien sie nach der langen Wartezeit, sagten beide nach dem Urteilsspruch und fielen sich in die Arme. Wienecke kündigte an, Schadenersatz von der Stadt für die lange Stillstandszeit zu fordern. Blume will möglichst noch in diesem Sommer eröffnen.

Stadt will Urteil „gründlich analysieren“

Rechtskräftig ist das Urteil allerdings noch nicht. Richter Kleine-Tebbe bemerkte schon im Verfahren: „Ich glaube nicht, dass wir hier letztinstanzlich entscheiden.“ Die Stadt kann gegen die Niederlage Berufung einlegen. Sie hält sich das ausdrücklich offen und will das Urteil genau prüfen, „auch deshalb, weil die vorgesetzte Dienststelle des zuständigen Ministeriums unsere Rechtsauffassung zuvor bestätigt hatte“.

Von Conrad von Meding