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Stadt Hannover Fanta 4: Schweinerock im Hip-Hop-Museum
Aus der Region Stadt Hannover Fanta 4: Schweinerock im Hip-Hop-Museum
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00:19 25.01.2019
Die fantastischen Vier, Tui Arena Foto: Samantha Franson Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Es muss eine gruselige Vorstellung gewesen sein: Rapper mit 50? Ne, hör auf. Als die Fantastischen Vier im Juli 1988 in einem Jugendhausclub in Stuttgart bei ihrem ersten Konzert 30 biertrinkende Freunde mit deutschen Sprechgesang überraschten, war nicht klar, ob das überhaupt funktioniert – oder ob vier Kumpels hier einen lustigen, aber kurzen Irrweg beschreiten.

Heute weiß man: es war kein Irrweg. Und man weiß: Rappen mit 50 – läuft. Statt 30 kommen nun 11.000  Fans, zumindest in der hannoverschen Tui-Arena – und das auch nur deshalb, weil nicht mehr reinpassen. Die Rapper Smudo, Michi Beck, Thomas D. und Technikbediener And.Y, der anno 1988 seine ersten Rhythmusmaschinen selbst zusammenlötete, lassen sich feiern. Ihr Einmarsch gleicht einer Jubelfeier, dabei ist das erst der Anfang eines satten, langen, umfassenden Abends, der die meisten Stationen ihres Erfolgswegs beleuchtet, manche nur kurz, manche ein bisschen ausführlicher. „Die da“ ist auch dabei, dieses aus heutiger Sicht harmlose Poprapliedchen, das den Musikhörern hierzulande aber genau das Maß an deutschen Sprechgesang einflößte, das es vertrug. Hier setzt sich Thomas D. die alte Brille auf („aus dem Hip-Hop-Museum in Peine“) und mit einem Schuss Selbstparodie geht es zurück in das Jahr 1992. Einige der damaligen Fans haben ihre Kinder mitgebracht – die Smudo und Michi Beck als „The Voice“-Juroren kennen.

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Jetzt also: Rap-Medleys

Um den Abend nicht bis in den Mittwoch zu ziehen, werden gerade zu Beginn einige Songs in Medleys zusammengefasst. Medleys machen die Alten, haben die Jungen immer gesagt. Jetzt also: Rap-Medleys. Geht aber.

Dass die „Fantas“ live eine Attraktion sind, hat sich nicht verändert. Und auch hier zeigen sie, wie es geht – mit einmal 50 und dreimal 51 Jahren nicht komplett lächerlich zu wirken, wenn man sich als Sprechsänger auf die Bühne stellt. Sie sind alle noch gut in Form, auch wenn sie nicht mehr ganz so hoch hüpfen wie damals, sie reden zwischen den Songs kein dummes Zeug. Nur albernes manchmal, und dagegen spricht nichts.

Wichtigster Punkt: Sie bringen die Energie über die Rampe, von der sie auf der Bühne immer gelebt haben. Unermüdlich am Bühnenrand unterwegs, in ihrem wie gewohnt uniformierten Freizeitoutfit und auf den Abend gerechnet immer noch unfassbaren Output an Worten, Reimen, Sprachspielen und Mitsingrefrains. Vieles könnten sie auch der Halle überlassen. Der harte Kern zieht sich in punkto Textsicherheit bis in die oberen Ränge. Sie tun es bei „Sie ist weg“, ihrem größten Hit, der ersten Deutschrap-Nummer-1 überhaupt. Die „Tolle Rede Mann“-Strophe wogt ohne Vorsingen durch den Saal. Es ist nicht weniger als deutsche Musikgeschichte. Fest steht: Ohne dieses Quartett wäre vieles nicht passiert. Oder wie es in „Fantamera“ heißt: Frag dich mal, wenn nicht den Fantas, wem dann ihr Deutschrap verdammt, äh, verdankt, ach, verdammt!

Neue Songs

Neue Songs vom aktuellen Album „Captain Fantastic“ sind reichlich dabei, es geht also nicht nur um das Abfeiern der eigenen Vergangenheit – was dem Abend guttut. Neben Party und Spaß ist ein bisschen Gesellschaftskritik dazugekommen. „Unser Ding ist nicht, die Leute nach Herkunft zu trennen“, sagt Smudo zwischendurch. „Macht, das nicht, macht das nicht“, sagt er in den Applaus hinein über die AfD und ihre Wählbarkeit. „Wir ernten, was wir säen“ folgt kurz darauf im glutroten Licht. Die Liveband macht Druck. „Könnt ihr auch Schweinerock?“ fragt Michi Beck. Kein Problem. Danach Barhocker, „Pipis und Popos“ mit Mickymausstimmchen aus der Heliumpulle – und die Erkenntnis, dass Smudo die Lüttje Lage kennt.

Thomas D.s Bericht von seinem langen Weg der Erkenntnis heißt diesmal „Weitermachen“, Smudo nimmt ein Bad in der Menge, Michi Beck ist „typisch ich“, und dann singen alle „Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht“, das sie einst mit Grönemeyer aufnahmen und „MfG“. Lange her. Wie so vieles an diesem Abend. Rap mit 50? Passt schon.

Von Uwe Janssen