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Stadt Hannover In dieser Kirche wohnen bald Studenten
Aus der Region Stadt Hannover In dieser Kirche wohnen bald Studenten
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11:09 30.08.2019
Die Form der Kirche ist noch zu sehen – weil die neuen Wohnungen wie eigene Häuser in den Sakralbau eingelassen sind. Die Projektentwickler Dirk Felsmann (li.) und Gert Meinhof (re.) haben den Umbau gemeinsam mit den Architekten Maria Pfitzner und Serge Moorkens realisiert. Quelle: Irving Villegas
Hannover

Von außen kennt fast jeder in Hannover diesen Kirchenbau. Hoch erhebt sich das grün patinierte Kupferdach der einstigen Gerhard-Uhlhorn-Kirche am Rande Lindens über der Leine, daneben ragt schlank der Kirchturm auf. Doch der ehemalige Sakralbau ist schon seit sieben Jahren profaniert, die Gottesdienste werden in der Bethlehemkirche abgehalten.

Jetzt kehrt neues Leben ein. In gut einem Monat ziehen Studenten in die 27 Zimmer, die im Inneren des Kirchenschiffs entstanden sind. Es ist, vermutet Projektentwickler Dirk Felsmann, das erste Wohnheim in einer Kirche weltweit. Und es ist ein ganz besonderes Projekt.

Dieses Gebäude kennt fast jeder in Hannover: Weithin sichtbar ragt die ehemalige Uhlhorn-Kirche am Leine-Ufer in Linden-Nord auf. Quelle: Villegas

Jesus hängt noch am Kreuz in Hannovers einstiger Gerhard-Uhlhorn-Kirche

Immer öfter werden jetzt Kirchen abgerissen oder umgenutzt, weil die Zahl der organisierten Gläubigen sinkt. Meist sind es Nachkriegsbauten. Wenn sie wie die Gerhard-Uhlhorn-Kirche unter Denkmalschutz stehen, dann ist viel Geschick beim Umbau gefragt. Nicht nur von außen, sondern auch von innen sollte das Denkmal weiterhin nach Gotteshaus aussehen – da war der Denkmalschutz hart.

Und tatsächlich: Wer das Kirchenschiff betritt, den erfasst dieser besondere Raumeindruck, der Kirchen zu spirituell-ehrfurchteinflößenden Gebäuden macht. Nicht nur, weil Jesus hoch oben noch am Kreuz hängt und der Altar im Erdgeschoss thront.

Zurück zur Kirche? Ist kein Problem

Gemeinsam mit den Entwurfsarchitekten Marie Pfitzner und Serge Moorkens haben Projektentwickler Felsmann und sein Büropartner Gert Meinhof einen architektonischen Kniff angewandt. Sie haben die Kirche so weit wie möglich Kirche sein lassen und die Studentenzimmer gewissermaßen als Haus-im-Haus ins Gebäude hineingebaut. Architektin Pfitzner sagt: „Wenn irgendwann mal wieder mehr Menschen in Kirchen gehen sollten und die Uhlhorn-Kirche wieder gebraucht wird, dann kann man alles fast rückstandsfrei zurückbauen.“

Das Video: So sieht Hannovers Uhlhorn-Kirche jetzt von innen aus

Etliche sind gescheitert

Im Nachhinein klingt ja immer alles einfach, irgendwie logisch. Wer verstehen will, was der Umbau des Gebäudes für eine Leistung ist, muss sich vergegenwärtigen: Es haben sich vorher etliche dran versucht – und alle sind gescheitert. Sogar Profis wie der Immobilienentwickler David Grojnowski, der ein Haus der Religionen in der profanierten Kirche einrichten wollte.

Jahrelang zog sich der Verkaufsprozess nach 2012 hin, denn alle Entwürfe für Umbauten und Neunutzungen wurden von der Landesdenkmalpflege abgelehnt. „Wir haben es dann einfach mal andersherum gemacht“, sagt Felsmann keck: „Wir sind mit einem leeren Blatt Papier zu den Denkmalpflegern gegangen und haben gefragt: Was soll denn eigentlich bleiben?“

Alle Zimmer mit Bad und Kühlschrank

Und geblieben ist viel. Wer künftig den Kirchbau von 1963 betritt, steht wie früher unter der Orgelempore und blickt hinauf in die Weite des Holzdachs. Ein Gang führt durch das Kirchenschiff, er ist so breit wie früher der Gang zwischen den Bänken. Sechs Zimmer sind im Anbau der Winterkirche untergekommen, zwei in der alten Sakristei, zehn im Erdgeschoss des Hauptbaus, neun im neu geschaffenen Obergeschoss. Alle Zimmer haben ein eigenes Bad und, wie Felsmann betont, „einen geräuscharmen Kühlschrank“. Denn gekocht wird in zwei großen Küchen, und Mundraub ist in Groß-WGs ja oft ein Konfliktthema.

Studenten essen auf früheren Kirchenbänken

Platzmangel hingegen wird wohl kein Anlass sein für Streit. 500 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche gehören zum neuen Kirchen-Wohnhaus, eine große Dachterrasse eingeschlossen. In den Küchen werden derzeit besondere Sitzgelegenheiten vorbereitet: Die alten Bänke werden eingebaut. „Darauf werden Menschen sitzen, die vielleicht ihr ganzes Leben lang noch auf keiner Kirchenbank gesessen haben“, sagt Felsmann.

Feuerwehr wollte mehr Löcher in der Fassade

Bodentief ist die Lochfassade aufgeschnitten, um genug Licht in die Wohnräume zu lassen. Die Breite der Schlitze ist ein Kompromiss zwischen Anforderungen des Denkmalschutzes und der Feuerwehr. Quelle: Villegas

Der Kompromiss war schließlich, vor jedem Zimmer bodentiefe Öffnungen in die Lochfassade hineinzuschneiden, 70 Zentimeter breit (die Feuerwehr hatte sich 90 Zentimeter gewünscht, aber das machte die Denkmalpflege nicht mit). Das Erstaunliche: Die Schlitze fallen kaum auf, sie scheinen bereits zum Gebäude dazuzugehören. Und zwischen Zimmern und Lochfassade sind so sogar kleine Loggien entstanden – Zimmer mit Austritt sozusagen.

Mietpreise wie beim Studentenwerk

Im Erdgeschoss, an der Seite zur Leine, sind zusätzlich vier geförderte Einzimmer-Sozialwohnungen entstanden. Etwa 3,5 Millionen Euro werden Kauf und Umbau am Ende gekostet haben, schätzt Felsmann. Die Mietpreise für die Studentenzimmer sollen sich an denen des Studentenwerks orientieren: je nach Größe zwischen 390 und 600 Euro Warmmiete inklusive Internet-Flatrate. Finanziell, sagt Felsmann, sei die Umnutzung eher ein Liebhaberprojekt. „Es ging nicht darum, alles bis auf den letzten Quadratmeter auszunutzen – auch aus Respekt vor dem ursprünglichen Gebäudezweck.“ Dafür aber sei etwas entstanden, das ganz ungewöhnlich sei – nicht nur für Hannover.

Die Zimmer sind noch nicht eingerichtet, überall wird noch gewerkelt. Doch schon jetzt lässt sich gut erkennen, wie sich die neuen Wohnbereiche in den ehemaligen Sakralbau einfügen. Unsere Bildergalerie.

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März 2016: Die Entscheidung – Studenten ziehen in Lindener Uhlhorn-Kirche

Oktober 2018: Umbau der Uhlhorn-Kirche startet

Diese Kirchen wurden in Hannover schon aufgegeben

In vielen Stadtteilen Hannovers werden frühere Kirchen inzwischen anders genutzt. Manche wurden auch abgerissen. Eine Übersicht:

Gustav-Adolf-Kirche (Leinhausen): Heute Synagoge und Gemeindezentrum mit Kindergarten der liberalen jüdischen Gemeinde.

Messias-Gemeinde (Groß-Buchholz): abgerissen zugunsten von Wohn-Neubauten.

Maria-Magdalenen-Gemeinde (Ricklingen): Dort ist die bucharische jüdische Gemeinde mit ihrer Synagoge untergekommen.

Corvinuskirche (Stöcken): Die Kirche wurde 2011 entwidmet und soll 2020 abgerissen werden, obwohl sie seit 2012 unter Denkmalschutz steht. Ein neues Kirchen- und Gemeindezentrum wird gebaut, das auch Ersatz für die Bodelschwingh-Kirche (siehe unten unter Korrektur) sein soll.

Christophorus-Kirche (Stöcken): Die katholische Kirche am Stöckener Markt ist entwidmet und abgerissen, dort entsteht ein Neubaugebiet.

Bruder Konrad (List): Die katholische Kirche, 1936 in einer ehemaligen Möbelfabrik eingerichtet, wurde 2015 abgerissen.

Johannes-Kirche (List): Seit 2014 profanisiert zugunsten eines Wohnprojekts an der Bothfelder Straße.

Athanasius(Südstadt): Die Nachkriegskirche ist 2013 entwidmet worden. Sie beherbergt unter anderem das Haus der Religionen. Sie wird derzeit von den gleichen Projektentwicklern wie bei der Uhlhorn-Kirche umgebaut, dort entsteht ein Stadtteilzentrum.

Korrektur

In der Ursprungsversion dieses Textes hieß es, die Bodelschwingh-Kirche (Ledeburg) sei nach der Gemeindefusion mit der Corvinusgemeinde ebenfalls entwidmet. Das ist nicht richtig. In der Kirche halten die Pastoren Annette Chabomier und Gerd Peter regelmäßig Gottesdienste ab – voraussichtlich bis Ende 2021. Richtig ist aber, dass das Grundstück voraussichtlich im September verkauft wird. Wenn das neue Kirchenzentrum fertig ist, das ab 2020 gemeinsam mit der ehemaligen Corvinus-Gemeinde auf dem dortigen Grundstück errichtet wird, soll auch die Bodelschwingh-Kirche abgerissen werden. Außerdem hieß es, die Matthias-Kirche in Groß-Buchholz sei abgerissen. Das ist falsch. Es handelte sich nur um das Gemeindezentrum In den Sieben Stücken. Wir bitten, die fehlerhafte Darstellung zu entschuldigen.

Buchhandlung und Kindergarten: Neue Nutzungen in alten Kirchen

Wenn Gotteshäuser aufgegeben werden, ist es oft schwer, sie anders zu nutzen. Die schiere Größe und vor allem die Höhe der Räume sorgen für hohe Unterhaltungs- und Heizkosten, die sich oft nicht rentieren. Umso beeindruckender, wenn es gelingt: Eine der schönsten Kirchennachnutzungen findet sich im niederländischen Maastricht. Dort ist eine Buchhandlung in einer ehemaligen Dominikanerkirche zwischen dem Vrijthof und dem Markt eingerichtet. Mehrere Etagen hoch stapeln sich die Bücher unter dem historischen Kreuzgewölbe mit gut erhaltenen Deckenmalereien – eine Augenweide.

Nüchterner ist die neue Nutzung der einstigen Lukaskirche im Essener Stadtteil Holsterhausen. Eine Wohnungsbaugesellschaft hat das profanierte Gotteshaus zum Quartiersgebäude mit Kita, Arztpraxen und Wohnungen umgewandelt. Das passt zum Sechzigerjahre-Gebäude mit seinen Buntglasfenstern und dem Beton-Kirchturm.

Auch wenn immer mehr Kirchen aufgegeben werden, weil die Gemeinden sie nicht mehr unterhalten können: Was anschließend hineinkommt, da wollen die Kirchenoberen gerne mitbestimmen. Tabu sind in Hannover nicht nur Diskotheken oder Nachtclubs. Auch die Umwandlung in eine Moschee komme für die Evangelische Landeskirche nicht infrage, hatte die langjährige Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann 2012 anlässlich der Profanierung der Gerhard-Uhlhorn-Kirche gesagt. Trotz aller Reden über Ökumene: Beim gemeinsamen Abendmahl mit Katholiken oder einer Nachnutzung nichtgenutzter Kirchenräume durch Muslime sind auch die aufgeklärten Protestanten sehr traditionell.

Von Conrad von Meding

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