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Stadt Hannover Die Oberschule als Wundertüte
Aus der Region Stadt Hannover Die Oberschule als Wundertüte
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09:04 14.11.2011
Von Bärbel Hilbig
Buchführung: Fünfklässler Lukas und seine Mitschüler führen ein Lerntagebuch. Quelle: Finn

Der erste Elternabend hat Klassenlehrer Arne Lechmann so verblüfft, dass er jetzt noch darüber staunt. „Alle Eltern waren da, manche sogar zu zweit. Wir mussten noch Stühle dazuholen.“ Lechmann hat früher an einer Orientierungsstufe gearbeitet, dann an einer Hauptschule. Das Interesse und Engagement der Eltern, wie er es jetzt an der neuen Oberschule in Gehrden erlebt, kannte er so bisher nicht. Es ist Aufbruchsstimmung zu spüren, auch bei den Schülern.

In der fünften Klasse von Arne Lechmann sitzen Kinder mit Sprachstörungen und Lernschwäche neben anderen, die auch an einem Gymnasium gut zurechtkommen könnten. In der Mathestunde ist das nicht auf den ersten Blick augenfällig. Die Fünftklässler sollen selbstständig einige Aufgaben aus ihrem Buch lösen. Als der Lehrer zwei „Experten“ sucht, die ihre Mitschüler bei Fragen beraten, schnellen viele Finger in die Höhe. Joshua und Jana sind stolz, dass sie heute diese Rolle übernehmen dürfen. „Das macht Spaß. Die anderen verstehen es, wenn ich etwas erkläre. Die meisten zumindest“, sagt Joshua. Mit zwei Schülern, die mehr Unterstützung brauchen, beschäftigt sich Förderschullehrer Ralf Siewert, der einige Stunden pro Woche als zweiter Erwachsener in der Klasse unterrichtet.

Am Ende der Stunde kramen die Kinder ihr Lerntagebuch hervor und tragen ein, was sie diese Woche gemacht haben. Außerdem bewerten die Schüler selbst, wie gut sie zurechtgekommen sind. Lukas lässt sich dafür immer mal wieder was anderes einfallen. In Englisch hat er in der Rubrik „Mein Ergebnis“ notiert „außerirdisch gut“. Der Fünftklässler mag seine neue Schule. Er erzählt vom Fußball- und Basketballspielen. Aber damit kein falscher Eindruck entsteht, schiebt er schnell nach: „Die Schule ist allgemein cool. Es gefällt mir hier sehr.“

Die Oberschule, das ist wie eine Wundertüte – es kann alles Mögliche darin stecken. Das macht das Sprechen über die neue Schulform so schwierig. In Gehrden begeistert aber gerade diese relative Unbestimmtheit der Vorgaben aus dem Kultusministerium den Schulleiter Carsten Huge: „Da steht eigentlich nichts drin, das mir was vorschreibt.“ Das Lehrerkollegium hat sich entschieden, Schüler mit unterschiedlichem Leistungsniveau zusammen in einer Klasse zu unterrichten. Und da Gehrden, anders als viele andere Oberschulen, neben Haupt- und Realschülern auch Gymnasiasten aufnehmen darf, ähnelt der Unterricht dem an einer Integrierten Gesamtschule. Zumindest in der fünften und sechsten Klasse sollen die Schüler nach Vorstellung der Lehrer zusammen-bleiben, am liebsten aber länger.

„Wir müssen sehen, was die Kinder in der Lage sind zu leisten“, sagt Huge. Von der siebten Klasse an könnten einzelne Fächer getrennt laufen. Doch wenn es klappt, möchte Huge die Schüler vier Jahre in einer Klasse zusammenlassen, und ihnen unterschiedliche Aufgaben geben, je nach Leistungsstand. Die Gymnasiasten bekommen außerdem Zusatzkurse und werden spätestens in der neunten Klasse getrennt unterrichtet, damit sie auf das Abitur nach zwölf oder auch 13 Jahren Schule vorbereitet sind.

Bei den Eltern kommt das Konzept an. 29 der 90 neuen Fünftklässler haben eine Empfehlung fürs Gymnasium. An der Oberschule bekommen auch sie eine Menge in Sachen Berufsorientierung geboten. Und dann gibt es noch zusätzliche Lehrer für Ganztagsunterricht an drei Tagen bis 15.25 Uhr und einen Sozialarbeiter. Diese Privilegien bekommen andere neugegründete Schulen nicht. „Damit haben wir einfach mehr Möglichkeiten“, sagt Huge.

„Das komplette Lehrerteam stellt viel auf die Beine“

Gute Voraussetzungen hat die Oberschule aber auch aus anderen Gründen. Die Stadt Gehrden hatte die stark geschrumpfte Hauptschule und Realschule vor gut einem Jahr zusammengelegt, die Oberschule ist der nächste Schritt zur Rettung des Standorts. Die Stadt warb auf zahlreichen Veranstaltungen für das neue Modell, sanierte das Gebäude und finanziert einen zweiten Sozialarbeiter. Huge und sein Kollegium haben bereits im Vorfeld viel pädagogisch verändert. So sind die Hausaufgaben abgeschafft. Stattdessen gibt es selbstverantwortliches Lernen in der ersten Schulstunde. „Das komplette Lehrerteam stellt viel auf die Beine“, lobt Babette Huke, die ihre Tochter Leah ohne die neue Oberschule vor Ort per Bus in eine Nachbargemeinde mit Kooperativer Gesamtschule oder IGS geschickt hätte.

Neben Gehrden hat bisher in der Region nur Laatzen ebenfalls die Oberschule eingeführt, dort allerdings allein für Haupt- und Realschüler. Die Erich Kästner Realschule hatte sich die Umwandlung gewünscht. „Die Oberschule lässt viel zu, fast wie eine Integrierte Gesamtschule“, sagt der Erste Stadtrat Arne Schneider. Doch für eine IGS hätten die Schülerzahlen nicht gereicht.

Der Rat hatte bereits 2009 die Schließung der Hauptschule beschlossen, die seit 2010 schrittweise leerläuft. „Seit wir keine Hauptschule mehr haben, ist eine Realschule allein nicht sinnvoll“, sagt Schneider. Laatzener Kinder mit Hauptschulempfehlung konnten nach der Grundschule seit 2010 auf die Kooperative Gesamtschule und auf die Realschule gehen oder den Weg nach Hannover einschlagen. Jetzt gibt es die Oberschule als Alternative. Die Stadt Hannover setzt dagegen weiter auf das Original – auch wenn die neugegründeten Integrierten Gesamtschulen aktuell über Unterfinanzierung durch das Land klagen.

In Gehrden zeigt sich Jens Dosdall, Fachbereichsleiter Bildung, sehr zufrieden. Die steigenden Schülerzahlen sprechen für sich. „Wir sehen die Oberschule nicht als Konkurrenz zum Gymnasium. Eltern, die auf Berufsorientierung setzen und deren Kinder vielleicht Spätzünder sind, erkaufen sich vielleicht etwas Zeit.“

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