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Stadt Hannover „Lüttje Lage“: Alle bewohnt
Aus der Region Stadt Hannover „Lüttje Lage“: Alle bewohnt
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12:37 26.06.2019
Ronald Meyer-Arlt Quelle: HAZ
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Hannover

Der Baum war voll. Die Äste bogen sich unter der Last der Früchte. Meine Frau sagte, dass jetzt die Zeit gekommen sei. Also setzte ich die dreiteilige Leiter zusammen, wuchtete sie an den Baum und pflückte. Ich musste nur irgendwo hingreifen, schon hatte ich die Hand voller Kirschen. Schnell waren ein paar Eimer gefüllt.

Dann ging es ans Entsteinen. Wir wollten Kirschmarmelade herstellen. Kirschen, Zitronenschale, Zitronensaft, Limettensaft, Gelierzucker – fertig. Ganz einfach eigentlich. Aber zuvor mussten die Kirschen entsteint werden. Meine Frau und ich setzten uns an den Gartentisch und begannen die Kirschen zu zerteilen, um an die Kerne zu kommen.

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„Igitt“, sagte meine Frau, nachdem sie die erste Kirsche aufgeschnitten hatte. Eine Made hatte es sich neben dem Kern gemütlich gemacht. Bei mir auch. So gut wie jede Kirsche hatte einen tierischen Bewohner. Von außen sahen die Kirschen hervorragend aus. Von innen aber: total verwohnt. Neben den Maden befand sich merkwürdiges Krümelzeug im Fruchtfleisch. Madennahrung? Oder das Gegenteil? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich das nicht mitessen wollte.

Ich hatte mein Küchenmesserchen geschärft und schnitt Maden, Krümelzeug und befallenes Fruchtfleisch heraus. Dazu legte ich die Kirschen einzeln auf ein Schneidebrett und rollte sie so, dass ich die Maden gut erwischen konnte. Jede meiner Kirschen war das Ergebnis einer Operation. Die Kirschenstücke, die ich in die Schüssel in der Mitte warf, waren Fetzen, winzige unbefallene Stückchen Fruchtfleisch und Reste roter Schale. „Nenn’ mich Professor Süßbruch“, sagte ich zu meiner Frau, weil wir es ja mit Süßkirschen zu tun hatten.

Meine Frau arbeitete freihändig. Von ihrer Seite wanderten Kirschenhälften in die Schale.

„Willst Du Dir nicht auch ein Brettchen holen?“ fragte ich.

„Nö. Das geht schon.“

„Aber man muss auch genau arbeiten.“

„Mhm.“

Meine Frau drehte die Früchte kurz in der Hand, fummelte den Stein heraus, kratzte ein bisschen im Inneren herum – und schwupps, landete die Kirsche in der Schale.

„Das geht ja ganz schön flott bei Dir“.

„Mhm.“

„Ich kann auch allein weitermachen ...“

„Besser nicht“, sagte meine Frau und schnippte wieder eine Kirschhälfte in die Schüssel: „Wenn Du in dem Tempo weiterarbeitest, sitzen wir morgen früh noch hier.“

So lange hat’s dann doch nicht gedauert. Aber als der Fruchtbrei kurz vor Mitternacht im Topf zu kochen begann, konnte ich drei Kerne von der Oberfläche fischen.

Ich habe das Ganze dann noch einen Moment länger kochen lassen.

Von Ronald Meyer-Arlt