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Stadt Hannover Wie vier Menschen Jutta Schulz das Leben retteten
Aus der Region Stadt Hannover Wie vier Menschen Jutta Schulz das Leben retteten
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00:15 19.06.2017
Von Bärbel Hilbig
„Wir hatten an dem Tag gerade Reanimation geübt“: Jutta Schulz (2. v. li.) mit den Rettern Leonie von Saß (v. li.), Johann Matas, Theresa Beermann und Fynn Nickels.   Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Was ihr tatsächlich am 23. Dezember zugestoßen ist, weiß Jutta Schulz nur vom Hörensagen. Die Steuerfachangestellte war auf dem Weg aus dem Büro nach Hause, als sie – wohl bei Rot – mit dem Auto quer über die Kreuzung unter der Raschplatzhochbrücke fuhr. Sie selbst erinnert sich bis heute an nichts, auch nicht daran, dass sie vorher im Büro noch Umzugskisten gepackt hatte. Ärzte stellen später fest, dass Jutta Schulz’ Herz aufgehört hatte zu schlagen.

Die Polizei bekommt 
alles mit

„Aus der List laufen zu dieser Zeit normalerweise Mütter mit Kindern und kleinen Rädern über die Straße. Ich habe so viel Glück, dass ich niemanden verletzt habe“, sagt sie heute. Zwei Autos rammt ihr Wagen, bevor er am Container der Drogenhilfe Neues Land zum Stehen kommt. Ein Streifenwagen steht an der Ampel direkt hinter ihr, wie Jutta Schulz später erfährt. Die Polizisten rufen den Rettungsdienst. Aus dem Container stürzen zwei Ehrenamtliche zum Unfallwagen und schalten den Motor ab, Johann Matas klettert auf den Rücksitz und stützt den Kopf der Verunglückten.

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Schnell sammeln sich Passanten um die Unfallstelle. Und es nähern sich vier junge Leute, ohne die Jutta Schulz nicht überlebt hätte. Theresa Beermann, Leonie von Saß, Crispin Lenger und Fynn Nickels kommen an diesem Nachmittag von ihrer Fortbildung zum Rettungssanitäter. Sie haben soeben vier Wochen Vollzeitschulung an der Johanniter-Akademie abgeschlossen, zwei Monate Praktikum liegen noch vor ihnen. Die Abiturienten haben sich erst in dem Kurs kennengelernt, als Helfer für die Notfallsanitäter im Rettungswagen wollen sie später im Studium jobben.

„Wir hatten an diesem Tag noch die Reanimation an einer Puppe trainiert“, erinnert sich Theresa Beermann. Die vier hören den Unfall, zögern aber, hinzugehen. Schließlich steht da bereits ein Pulk von rund 15 Menschen. Sie ahnen nicht, wie dramatisch Jutta Schulz’ Lage ist. Als die Abiturienten dazukommen, sagt jemand in Panik: „Sie atmet nicht mehr“, was zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht zutrifft. Bis auf die beiden Ehrenamtlichen bleiben aber alle passiv. Die 19-jährige Theresa steigt ins Auto und bemerkt, dass Jutta Schulz nur noch schwach atmet. Crispin Lenger und Fynn Nickels ziehen die Frau aus dem Wagen und bringen sie in stabile Seitenlage. „Aber nach 30, 40 Sekunden lief sie blau an und atmete nicht mehr“, berichtet Theresa.

Im Wechsel mit Leonie startet sie eine Herzdruckmassage. Crispin leistet Mund-zu-Mund-Beatmung, eine namenlose Passantin löst ihn ab. Fynn redet seinen Freunden gut zu und beruhigt sie damit. „Ich habe Jutta im Endeffekt Rippen gebrochen, denn man muss eine gewisse Tiefe und den richtigen Rhythmus haben“, sagt Theresa. Doch wenn das Herz nicht mehr schlägt, kann nur die Druckmassage den Blutkreislauf in Schwung halten, damit sich weiter Sauerstoff im Körper verteilt. Das reicht, bis nach rund zehn Minuten der Notarzt kommt.

Auch die beherzten Helfer sind sich trotz ihres Trainings nicht absolut sicher, was zu tun ist. „Wir haben sie eindeutig nicht professionell aus dem Wagen gezogen, ihr Kopf schlackerte. Aber bei Jutta konnte man nichts mehr verkehrt machen“, bilanziert Theresa. Es habe sehr geholfen, dass sie sich miteinander absprechen konnten, erinnert sich Leonie.

Einige Passanten machen Fotos

Dennoch sind die jungen Leute auch befremdet, wie erstarrt die Umstehenden sind. Damit sie die Kollabierte nicht im Winter auf den eiskalten Boden legen müssen, erbeten sie Jacken. „Wir mussten die Leute direkt ansprechen, bevor sie reagierten.“ Einzelnen Zuschauern fällt nichts Besseres ein, als Fotos mit dem Handy zu machen. Ein Radfahrer versucht, in den offenen Krankenwagen filmen. Er lässt es, als ihn zwei junge Frauen beschimpfen. Fassungslos erzählt Theresa davon. „Niemand möchte später sehen, wie er selbst mit dem Tod gekämpft hat.“

Vor Kurzem hat Jutta Schulz ihre Lebensretter zum Essen eingeladen. Die inzwischen 54-Jährige wollte alles wissen über diese entscheidenden Minuten unter der Hochstraße. Nach dem Zusammenbruch hatte sie in der Medizinischen Hochschule eine Woche lang im künstlichen Koma gelegen. Sie hat einige Zeit in Krankenhaus und Reha verbracht. Eine handfeste Ursache für den Herzstillstand haben die Mediziner bei der schlanken Frau, die Sport treibt, niedrigen Blutdruck hat und auf ihre Ernährung achtet, nicht gefunden. Zur Sicherheit wurde Jutta Schulz ein Defibrillator transplantiert, der einspringt, sollte das Herz noch einmal versagen.
Von 100 Menschen überstehen nur rund 30 einen Herzstillstand, hat sie später von einem Arzt gehört. „Und die haben oft Folgeschäden.“ Dass es bei ihr anders lief, erscheint Jutta Schulz unglaublich. Und sie weiß, wem sie es zu verdanken hat: „Ich habe Glück gehabt, dass die richtigen Leute am richtigen Fleck waren.“

Conrad von Meding 16.06.2017
16.06.2017