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Stadt Hannover Flughafen Hannover wird zur Auffangstation für Passagiere
Aus der Region Stadt Hannover Flughafen Hannover wird zur Auffangstation für Passagiere
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23:33 09.12.2010
Manche der in Hannover gestrandeten Fluggäste campierten vor dem Schalter der Fluggesellschaften.
Manche der in Hannover gestrandeten Fluggäste campierten vor dem Schalter der Fluggesellschaften. Quelle: Christian Elsner
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Eine richtige Abenteuerreise hatte Lars Jörgensen seiner Frau Susanna versprochen. Gemeinsam mit den vier Kindern Emil, Emma, Jeppe und Johann wollten sie das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel mit einem Streifzug durch die tropischen Regenwälder Neuseelands verbringen. Keiner von ihnen ahnte, dass ihr Abenteuer bereits im tief verschneiten Deutschland, mit einer außerplanmäßigen Zwischenlandung in Hannover, beginnen würde.

Am frühen Donnerstagmorgen, etwa gegen 1.30 Uhr, saß die Familie aus Kopenhagen völlig erschöpft auf ihren Feldbetten, die kurz zuvor von den Helfern der Johanniter im Gepäckrückgaberaum in der Ankunfthalle des Terminal C aufgestellt worden waren. Die sechs Dänen gehörten zu den rund 200 Passagieren, die die Nacht wegen des Schneechaos auf dem Flughafengelände verbringen mussten.

Für sie standen, anders als für den größten Teil der insgesamt etwa 800 in Hannover gestrandeten Passagiere, keine freien Hotelzimmer mehr zur Verfügung. Eigentlich hätten sich die Jörgensens zu diesem Zeitpunkt längst auf dem Interkontinentalflug nach Wellington befinden sollen. „Wir sind in Kopenhagen schon mit zwei Stunden Verspätung losgeflogen, vielleicht hätte uns das zu denken geben sollen“, sagte das 45-jährige Familienoberhaupt. Lars Jörgensen hatte trotz der widrigen Umstände seine Vorfreude auf das Land seiner Träume noch nicht verloren: „Man hat uns gesagt, dass die Langstreckenflüge starten werden, also haben wir durch den Schnee nur ein paar Stunden verloren.“

Acht Maschinen mit insgesamt rund 800 Passagieren an Bord sowie drei Frachtflugzeuge hatten in dieser Nacht unvorhergesehen Hannovers Landebahnen ansteuern müssen. Sie kamen unter anderem aus Marseille, Las Palmas, Berlin, Kopenhagen und Helsinki. Fast alle hatten das gleiche Ziel: den Fraport-Flughafen in Frankfurt. Der aber war wetterbedingt gesperrt.

„In einem solchen Fall entscheidet der Pilot, welchen Flughafen er als Ersatz ansteuert“, erklärt ein Sprecher der Deutschen Flugsicherung. Dabei spielten neben den Wetterverhältnisse unter anderem die Nähe zum ursprünglichen Ziel eine Rolle. Dass vergleichsweise viele Maschinen nicht etwa in den Westen, sondern nach Hannover auswichen, dürfte nach Einschätzung von Experten noch einen anderen Grund haben. Der Flughafen ist im Gegensatz zu anderen jeden Tag rund um die Uhr geöffnet, sodass keine größeren Vorkehrungen für außerplanmäßige nächtliche Landungen getroffen werden müssen.

Gegen 23 Uhr hatte der erste Pilot den Tower in Langenhagen um eine Sonderlandeerlaubnis gebeten, weil die Pisten in Hessen schneebedeckt und die Sichtverhältnisse dort katastrophal waren. Da sich schnell abzeichnete, dass es nicht bei der einen Maschine bleiben würde, ließ Eric Silver, der Leiter Terminalmanagement in Hannover, den Notfallplan anlaufen. Mitarbeiter des Airports und der betroffenen Fluggesellschaften erkundigten sich bei den Hotels in der Umgebung nach freien Zimmern für die Gestrandeten.

Für etwa 480 Fluggäste reichten die Kapazitäten aus, auch wenn einige dafür eine Fahrt bis nach Soltau in Kauf nehmen mussten. Für weitere 120 Reisende, die dringende Termine nicht verschieben konnten, organisierte die Lufthansa noch in der Nacht zwei Busse. Die restlichen 200 Passagiere konnten nur noch in dem provisorischen Feldbettenlager unterkommen. Dort wurden sie auch mit Essen und Getränken versorgt.

Auch die beiden Finnen Harald und Johanna, die sich im Flugzeug kennengelernt hatten, griffen zu. Sie waren sehr verwundert über die Entscheidungen der deutschen Flugbehörden. „Bei uns zu Hause in Helsinki liegt im Winter viel mehr Schnee als hier, aber der Flughafen ist noch nie geschlossen worden“, erklärte der 40-jährige Reisende.

Doch nicht alle nahmen das Hilfsangebot an. Einige zogen es vor, die Nacht auf eigene Faust in der Abflughalle im Terminal A zu verbringen. Einige kampierten sogar direkt auf dem Boden vor den Schaltern der Fluggesellschaften. Sie wollten offenbar sicherstellen, sich am Morgen so schnell wie möglich um ihren Weiterflug kümmern zu können.

Auch die Amerikanerin Carol, die aus beruflichen Gründen in Frankfurt lebt, hatte sich gegen eine Nacht im Bettenlager entschieden. Stattdessen saß sie mit aufgeklapptem Laptop auf dem Fußboden in der Nähe einer Steckdose und arbeitete. „Ich war schon fast zu Hause, eine Stunde lang sind wir über Frankfurt gekreist, dann hat uns der Kapitän mitgeteilt, dass wir umkehren“, berichtete sie.

Am Morgen entspannte sich die Lage schnell. Die Gestrandeten hatten die Nacht den Umständen entsprechend überstanden. Sie konnte auf andere Maschinen umgebucht werden oder ihre Fahrt mit der Bahn fortsetzen. Bereits um 8 Uhr hatten die Johanniter das Notbettenlager wieder abgebaut.

Als anschließend Beamte der Bundespolizei wegen der immer noch bestehenden Terrorgefahr mit Sprengstoffspürhunden das Areal wie an anderen Tagen zuvor absuchten, war die Routine nach dem Schneechaos wieder vollständig ins Gebäude des Flughafens zurückgekehrt.

Tobias Morchner und Bernd Haase

Andreas Schinkel 09.12.2010
Bärbel Hilbig 09.12.2010