Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadt Hannover Flughafen Langenhagen ist gelähmt und schreibt rote Zahlen
Aus der Region Stadt Hannover Flughafen Langenhagen ist gelähmt und schreibt rote Zahlen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:58 19.04.2010
Von Heinrich Thies
Weiterreise nach Hongkong ungewiss: Dong Song und Tian Da Suo müssen sich in Geduld üben.
Weiterreise nach Hongkong ungewiss: Dong Song und Tian Da Suo müssen sich in Geduld üben. Quelle: Kunzfeld
Anzeige

Mit leisem Knirschen bewegen sich die Rolltreppen auf und ab. Doch niemand nimmt ihren automatisierten Dienst zwischen Ankunft- und Abflughalle in Anspruch. Die langen Gänge sind nahezu menschenleer, die meisten Schalter geschlossen. In der verwaisten Ladenpassage sortieren Verkäuferinnen ihre Waren oder plaudern mit den Kolleginnen von nebenan. Die Gepäckbänder stehen still, das Rollfeld döst in der Sonne, vor den Gangways warten die Flugzeuge auf das ersehnte Startsignal.

Die Vulkanasche lässt den Betrieb des Flughafens Langenhagen beinahe leerlaufen. Nur zwei Maschinen hoben am Montag von der Startbahn ab, eine um 17.55 Uhr nach Mallorca, die andere um 20.05 Uhr nach Stuttgart. Immerhin vier Landungen wurden für den späten Abend angekündigt: Zwei Flieger aus Mallorca, eine Maschine aus dem türkischen Antalya und eine aus dem ägyptischen Hurghada sollten zwischen 22 Uhr und Mitternacht aufsetzen. „Die Piloten fliegen alle auf Sicht, deshalb kann die Deutsche Flugsicherung bei schlechten Sichtverhältnissen jederzeit veranlassen, dass die Maschinen den nächst gelegenen Flugplatz ansteuern“, erläuterte eine Flughafensprecherin. Ob die Maschinen tatsächlich in Hannover angekommen sind, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

So herrscht überwiegend gespenstische Stille auf den Gängen und in den Abfertigungshallen. Im Friseursalon Apel ist nur ein Sessel besetzt. Ein Mann, der kaum mehr Haare auf dem Kopf hat, lässt sich in aller Ruhe frisieren. Normalerweise würde der Kunde in dieser Zeit auf dem Flughafen arbeiten. Denn Rudolf Marchetti ist eigentlich in der Gepäckabfertigung tätig. Doch das Flugverbot verurteilt ihn wie viele seiner Kollegen zum Nichtstun. Nun hat immerhin die Friseurin Laura Nerlich ein bisschen Arbeit. Denn bis der nächste Kunde kommt, kann es ein, zwei Stunden dauern. „Das ist schon ziemlich langweilig“, sagt die 24-Jährige. „Man kann ja nicht immer nur putzen.“ Hinzu kommt der Verdienstausfall. Denn bei einem eher niedrigen Festgehalt ist die Friseurin auch auf das Trinkgeld angewiesen. „Das geht jetzt natürlich flöten“, sagt Laura Nerlich. „Dabei war die Hannover Messe für uns immer das beste Geschäft des Jahres.“ Das gilt auch für Sezgin Özke. Der Kellner im Café Sichtbar ist die meiste Zeit damit beschäftigt, Tresen und Tische zu wischen. Nur ein einzelner Mann nippt an einem Kaffee und starrt aufs leere Rollfeld. „Das haut ganz schön rein“, sagt er. „Sogar Sonntag, wo es sonst immer brechend voll ist, war hier tote Hose.“

Mövenpick hat sein großes Marché-Restaurant bereits seit Tagen geschlossen. „Der Tagungs- und Eventbereich dagegen läuft prima“, sagt Mövenpick-Betriebsdirektorin Gabriela Schmidt. „Weil die Geschäftsleute nicht wegkommen, machen sie ihre Tagungen halt hier. Für Donnerstag sind wir schon total ausgebucht.“ Ein dicker Umsatzeinbruch werde dennoch am Ende der Aschewolken-Bilanz stehen, sagt die Direktorin. Aber man mache das Beste daraus. „Die ganze Food-Abteilung hat sich heute freiwillig zum Großputz getroffen, danach wird gegrillt.“

Manche Passagiere, die sich dieser Tage in den Flughafen verirren, sind weniger entspannt. Der iranische Arzt Daryousch Naviafar (45) sitzt neben seinem Gepäck verloren auf eine der vielen Wartebänke und denkt an die Patienten, die in Teheran auf ihn warten. „Einige haben einen Operationstermin, ich müsste da ganz dringend hin“, sagt der Hirnchirurg, der in Hannover gerade an einer Fortbildung bei Prof. Majid Samii teilgenommen hat. „Sie haben mir gesagt, dass der nächste Flug erst am Sonnabend geht. Aber das ist zu spät, und mit dem Zug bis Teheran würde es viele Tage dauern.“ So bleibt der Mann mit der leisen Stimme einfach sitzen – hoffend, dass vielleicht doch noch ein Wunder geschieht. Ähnlich denken die beiden Chinesen Dong Song (37) und Tian Da Suo (27), die nach einem Geschäftsbesuch in Braunschweig eigentlich an diesem Tag ihre Heimreise nach Hongkong antreten wollten. Jetzt müssen sie sich darauf beschränken, ihre Tickets zu tauschen. „Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, was wird“, sagt Dong Song.

„Buchen Sie ihren Traumurlaub“, lockt eine freundliche Lautsprecherstimme alle paar Minuten. Es klingt wie ein Witz. Denn hinter sämtlichen Flügen, die auf der großen Anzeigentafel akribisch mit Uhrzeit und Flugnummer aufgeführt sind, steht „gestrichen“. Tanja Vielguth hat die Konsequenz daraus gezogen und sich ihr Flugticket nach München in eine Bahnkarte umtauschen lassen. „Das war ganz unproblematisch“, sagt die 36-Jährige, die zur Konfirmation ihres Patenkindes in Hannover war. „Dabei wäre die Bahnkarte eigentlich teurer gewesen.“

Die Gespräche an den Kartenschaltern verlaufen ruhig und freundlich. „Die Leute wissen, dass es sich um ein Naturereignis handelt und keiner was dafür kann“, sagt Heike Pacheco bei der Ticketagentur der Lufthansa. Hier ist an diesem Tag fast mehr Betrieb als üblich. Viele, die zuvor stundenlang vergeblich die Hotline angerufen oder es übers Internet versucht haben, ziehen es vor, ihre Tickets auf dem Flughafen persönlich umzutauschen.

Manche erfahren hier auch zu ihrer Verblüffung, dass keineswegs der gesamt Flugverkehr lahmgelegt ist. „Probleme?“ Ein Mitarbeiter der Gesellschaft Spherus Aviation weist Wartende der gehobenen Einkommensklassen darauf hin, dass kleine Maschinen mit Sichtflug durchaus abheben dürfen – etwa die ein- und zweimotorigen Cessnas von Spherus oder Aerowest. Alles nur eine Preisfrage. Ein Hin- und Rückflug nach München zum Beispiel wird mit knapp 4000 Euro berechnet – dafür steht dem Kunden aber auch eine komplette Maschine mit vier Sitzen zur Verfügung. Für einen wie VW-Chef Martin Winterkorn, der am Montag einen der Jets bestieg, ist dies natürlich eine gute Alternative. Die Geschäfte auf dem kleinen Flughafen, heißt es, laufen derzeit gut wie nie.

Für die Flughafen-GmbH in Langenhagen gilt das genaue Gegenteil. „Katastrophal“, so fasst Flughafen-Sprecher Sönke Jacobsen die Misere zusammen. „Die täglichen Einnahmeeinbußen liegen im sechsstelligen Bereich. Uns fehlen die Start- und Landeentgelte, die Passagierentgelte, die umsatzabhängigen Konzessionsabgaben der Ladenbetreiber und Gastronomen, die Einnahmen aus dem Frachtgeschäft und den Parkhäuser.“ Trotz der massiven Ausfälle sei es nicht möglich, den Flughafenbetrieb komplett einzustellen. „Wenn der Luftraum freigegeben wird, müssen wir sofort bereit sein“, sagt Jacobsen. „Die Fixkosten laufen also weiter – auch wenn wir einen Teil unserer Leute nach Hause schicken.“

Auch die Polizei führt ihren Flughafendienst mit voller Besetzung fort. Schließlich habe man nicht vollkommen ausschließen können, dass wütenden Fluggästen der Kragen platzt, sagt Oberkommissar Helmut Hentschel. „Aber Randale hat es nicht gegeben.“ Ganz im Gegenteil. „Es ist tagsüber stiller als sonst nachts.“ Besonders still ist es auf der Ankunftsebene. Hier warten derzeit nur einige Dutzend gestrandete Koffer auf den Weitertransport – natürlich per Lastwagen.

Conrad von Meding 19.04.2010
Conrad von Meding 19.04.2010
Conrad von Meding 20.04.2010