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Stadt Hannover General-Wever-Straße - Enkel kämpft gegen Umbenennung
Aus der Region Stadt Hannover General-Wever-Straße - Enkel kämpft gegen Umbenennung
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00:20 07.01.2019
„Alle Fakten fair gegeneinander abwägen“: Walther Wever ringt um eine Ehrenrettung seines gleichnamigen Großvaters. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Diese Ecke des Sahlkamps ist ein ziemlich bodenständiger Teil der Stadt. Döner-Imbiss, Handy-Shop, schmucklose Mehrgeschossbauten. Der Mann, der hier an der Ampel steht, wägt seine Formulierungen sorgsam. Er schaut nach oben, zum Straßenschild, auf dem sein Familienname steht. „Es kann schon geboten sein, Straßen umzubenennen – das ist dann auch nicht schlimm“, sagt Walther Wever zögerlich, „doch bei einer solchen Entscheidung sollten alle Fakten fair gegeneinander abgewogen werden.“

Walther Wever ist 63 Jahre alt, kein junger Mann, und doch steht er als Enkel hier. Nach seinem gleichnamigen Großvater ist die General-Wever-Straße benannt. Seinen Opa hat der Barsinghäuser, der früher Finanzvorstand bei der Varta war, nie kennengelernt. Sein Vater Günther war ja selbst erst 16, als General Wever 1936 starb; doch bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 2004 hielt der Generalssohn das Andenken an ihn in Ehren.

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Dies setzt der Enkel jetzt fort. Als er hörte, dass ein städtischer Beirat die Umbenennung der General-Wever-Straße empfiehlt, wegen dessen Rolle in der NS-Zeit, schrieb Walther Wever einen offenen Brief an den Oberbürgermeister. Tenor: Die Behauptung, General Wever wäre ein Verfechter der NS-Diktatur gewesen, sei ehrenrührig.

Karriere unter Göring

Walther Wever, Soldat seit 1905, hoch dekoriert für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, war Generalstabsoffizier – und er machte im Dritten Reich Karriere. Vom 1. September 1933 an war er als Chef des Luftkommandoamtes der drittwichtigste Mann in Görings Reichsluftfahrtministerium. Er baute die Luftwaffe mit auf; unter seiner Ägide wurden hochmoderne Kriegsflugzeuge entwickelt.

Mitglied der NSDAP war Wever jedoch nicht. Ein Gutachten, das die Stadt jetzt erstellen ließ, bescheinigt ihm, er sei „kein Nationalsozialist im Parteisinne“ gewesen. Gleichwohl hielt er bei der Eröffnung der Luftkriegsakademie in Berlin-Gatow 1935 eine schneidige Rede: „Unser Offizierkorps wird nationalsozialistisch sein, oder wir werden nicht sein“, predigte er Offizieren.

Als Wever am 3. Juni 1936 bei einem Flugzeugabsturz starb, besuchten Göring und seine Frau Emmy noch am gleichen Nachmittag seine Witwe. Der Sarg wurde im Luftfahrtministerium aufgebahrt, Hitler persönlich erschien zur Trauerfeier. „Einer der Allerbesten ist von uns gegangen“, erklärte Göring. Sogar ein Kampfgeschwader wurde nach Wever benannt – und im Jahr 1938 die Straße in Hannover.

„Er war Demokrat“

Sein Enkel hingegen schildert den General vor allem als ausgesprochenen Familienmenschen: „Er war ein liebevoller Vater, ein Denken in Extremen war ihm fremd“, sagt Walther Wever. Der General habe es zu Görings Befremden sogar abgelehnt, mit „Heil Hitler!“ zu grüßen. Dass demokratisch gewählte Männer und Frauen jetzt über den Straßennamen entscheiden müssen, hätte der General gewiss begrüßt: „Er war ja Demokrat“, versichert der Enkel.

Tatsächlich veröffentlichte der Generalstabsoffizier nach dem Ersten Weltkrieg einen Artikel in der Zeitschrift „Deutscher Offizier-Bund“. Als das Gros der Militärs massiv mit der Republik fremdelte, verlangte er, die Offiziere sollten künftig „jeder aus der Mehrheit des Volkswillens hervorgegangenen gesetzmäßigen höchsten Staatsgewalt dienen“, und zwar „mit derselben Treue, wie sie bisher der Kaiserlichen Regierung gedient haben“.

„Von vielen Rechtsgesinnten im Offizierskorps wurde er dafür jahrelang angefeindet“, sagt sein Enkel. „Ich hatte immer gedacht, die Straße sei wegen seines zivilgesellschaftlichen Einsatzes nach ihm benannt worden.“

„Stütze des Systems“

Der Enkel müht sich um eine reflektierte Sicht der Dinge; ein unkritischer Bewunderer seines Großvaters ist er nicht. „Er hat sich nicht gegen den Zeitgeist gestellt“, sagt er. Der 63-Jährige weiß natürlich, dass Angehörige tendenziell befangen sind und dass Familienüberlieferungen nicht die Forschungsarbeit von Historikern ersetzen können. Meist klaffen ja große Lücken zwischen dem Bild, das Verwandte sich von historischen Persönlichkeiten machen, und den nüchternen Fakten. Doch gerade im Fall Wever lässt sich auch die Faktenlage höchst unterschiedlich interpretieren.

Der irische Historiker Dermot Bradley nannte den General einen „genialen Mann“ und eine „vorbildliche Führungspersönlichkeit“, doch Bradley hegte ein Faible für alles Militärische. Der Militärhistoriker Horst Boog beschrieb Wever als versierten Offizier, der sich aber „dem Nationalsozialismus gegenüber verpflichtet“ sah. Im Gutachten der Stadt heißt es, Wever habe die „Grundlagen für die deutsche Eroberungspolitik“ und den „vernichtenden Einsatz“ der Luftwaffe mit geschaffen, er sei eine „Stütze des Systems“ gewesen. Von ihm seien „nach 1933 keine widerständigen Äußerungen bekannt“. Der später hingerichtete Widerstandskämpfer Ludwig Beck indes nannte Wever eine „Zierde des Generalstabs“.

General Wever gehörte offenkundig zu jener patriotisch-konservativen Elite, die das Militärhandwerk exzellent beherrschte, aber politisch mindestens naiv war. Er diente dem NS-Staat – allerdings Jahre vor Angriffskrieg und Holocaust. Ob er zum Kriegsverbrecher oder zum Widerständler geworden wäre, weiß niemand. Die Debatte um den Straßennamen zeigt, wie schwer es ist, sich angesichts der Grautöne einer facettenreichen Persönlichkeit für Schwarz oder Weiß zu entscheiden.

Anderswo war man beim Abschrauben von Straßenschildern weniger zimperlich. Die General-Wever-Straße in Dresden wurde gleich 1946 umbenannt. In August-Bebel-Straße.

Hunderte Anwohner betroffen

Insgesamt sollen 17 Straßennamen in Hannover umbenannt werden. So hat es ein vom Rat eingesetzter Beirat, dem neben Vertretern der Kirchen und der jüdischen Gemeinden auch Gewerkschafter, Historiker und Lehrer angehören, im Herbst empfohlen. Meist handelt es sich um kleinere Wege, deren Namensgeber durch ihre Rolle in der NS-Zeit ins Zwielicht geraten sind. Die General-Wever-Straße hingegen durchquert den Bezirk Bothfeld-Vahrenheide auf einer Länge von rund zwei Kilometern.

„Etwa 500 Anwohner wären von einer Umbenennung betroffen“, sagt Bezirksbürgermeister Harry Grunenberg (SPD). Er selbst stehe einem Namenswechsel „sehr skeptisch“ gegenüber, sagt der Sozialdemokrat. Er könne sich vorstellen, es bei der Anbringung von Hinweistafeln an den Straßenschildern zu belassen, die über Wevers Biografie informieren. In einer der kommenden Bezirksratssitzungen soll ein Sachstandsbericht der Verwaltung über Wever informieren.

Von Simon Benne

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