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Stadt Hannover Bischof will neuen Kurs für katholische Kirche
Aus der Region Stadt Hannover Bischof will neuen Kurs für katholische Kirche
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00:19 22.02.2019
„Wir sind gemeinsam unterwegs“: Bischof Heiner Wilmer in der Basilika St. Clemens. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Die Basilika ist überfüllt. Obwohl Propst Martin Tenge und sein Team zusätzliche Stühle in die Clemenskirche schleppen, müssen viele der rund 500 Besucher stehen. Zuerst gibt es ein Abendgebet mit stimmungsvollen Taizé-Gesängen; fast herrscht Kirchentagsatmosphäre – und dann folgt etwas, das viele der Katholiken so noch nicht erlebt haben. In einer Winterjacke, den Schal lässig über den Schultern, tritt Heiner Wilmer ans Mikrofon, der neue Bischof von Hildesheim. „Im ersten Jahr möchte ich möglichst viele Menschen kennen lernen und ihnen zuhören“, sagt er. Hannover ist die erste Station seiner Dialog-Tour durch das Bistum.

Seit dem 1. September ist Wilmer Bischof des Bistums, zu dem auch die Landeshauptstadt gehört. Seither hat der Bauernsohn aus dem Emsland, der mehrere Sprachen fließend spricht, ein paar Pflöcke eingeschlagen; für viele Liberale in seiner Kirche ist er zu einer Art Lichtgestalt geworden. In einem Interview in der HAZ forderte er angesichts des Missbrauchskandals ein radikales Umdenken in der Kirche und kritisierte Fehler im System. Den suspendierten Theologen Eugen Drewermann würdigte der 57-Jährige als „von der Kirche verkannten Propheten unserer Zeit“ – was ihm postwendend Kritik konservativer Kirchenfürsten einbrachte.

Kritik an Männerbünden

Als er in der Clemenskirche mit seiner eindringlichen Stimme von der Kraft des Gebets spricht und von der Schönheit, die in jedem Menschen liegt, herrscht absolute Stille. Da steht ein Menschenfischer. Beim Pilgern hätten ihm Jugendliche gesagt, sie wünschten sich eine Kirche, „für die man sich nicht fremdschämen muss“, sagt er – und spricht sich für einen grundlegenden Kurswechsel seiner Kirche aus.

„Wir leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts – die Zeit ist vorbei, in der in der katholischen Kirche allein von oben nach unten agiert werden konnte“, sagt er. Es könne nicht von oben bestimmt werden, wie die Menschen glauben sollten. „Wir sind gemeinsam unterwegs, Schulter an Schulter“, sagt er. Und: „Es geht nicht mehr, dass die Theorie die Praxis dominiert. Die Erfahrung jedes einzelnen Menschen ist heilig.“ An solchen Stellen brandet immer wieder Applaus auf.

Die Regionsdezernentin und frühere Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer ist beim Bistum als externe Expertin für Fälle sexualisierter Gewalt zuständig. Sie berichtet in der Basilika von der Aufarbeitung und vom Kurswechsel der Kirche. Wilmer findet für die Missbrauchsfälle klare Worte: „Wir müssen die inneren, männerbündischen Zirkel der Kirche aufbrechen“, fordert er.

Vor allem aber will Wilmer wissen, was die Gläubigen selbst denken. Fragen und Zuhören stehen an diesem Abend auf seiner Agenda, nicht Predigen und Bescheidwissen. Jeder Besucher darf an die Mikrofone treten und etwas sagen. Ein Mann plädiert dafür, angesichts des Priestermangels „bewährte Männer“ aus den Gemeinden zu Priestern zu weihen – es geht also um den Zölibat, die Verpflichtung für Pfarrer zur Ehelosigkeit. „Es kann nicht sein, dass wir sagen, darüber darf nicht gesprochen werden“, sagt Wilmer.

Debatte um Zölibat

 Eine Frau spricht sich dafür aus, auch Frauen zu Priestern zu weihen. „Ich bin gespannt, auf welche Wege uns der Heilige Geist noch führen wird“, sagt Wilmer zurückhaltend – und verweist darauf, dass er selbst jetzt in Gestalt der Theologin Dagmar Stoltmann-Lukas zum ersten Mal in der 1200-jährigen Geschichte des Bistums Hildesheim eine Frau zur engsten Bischofsberaterin ernannt hat. „Ich werde weitere Schritte in diese Richtung gehen“, verspricht er.

Der Abend bietet die Momentaufnahme einer Kirche, die sich angesichts von Mitgliederschwund und Missbrauchskandal polarisiert. Auf der einen Seite gibt die Bewahrer, die jetzt erst recht zurück zu den alten Werten wollen. In der Clemenskirche sind jedoch die Reformwilligen in der Mehrheit – und sie fühlen sich von ihrem Bischof verstanden. Etwa, wenn er eine Lanze für die Ökumene bricht. „Die Zeit ist vorbei, dass wir uns in Deutschland leisten konnten, unter uns Christen die Gegensätze zu betonen“, ruft Wilmer – und erntet erneut Beifall.

Der Bischof ist ein Intellektueller; er hat Theologie und Romanistik in Freiburg und Paris studiert sowie französische Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Der promovierte Theologe arbeitete mit Behinderten in Toronto, als Lehrer in der New Yorker Bronx und leitete ein Gymnasium im Emsland. Er wirft immer mal wieder englische, französische oder italienische Brocken in der Debatte ein, und trotzdem redet er so, dass ihn alle verstehen.

Die Besucher fordern stärkeren Einsatz für Menschenrechte, bessere Kirchenmusik, mehr Jugendarbeit. Eine Obdachlose berichtet von der Ausgrenzung, die sie erlebt. Wilmer hört zu, fragt nach, findet für jeden ein nettes Wort. Ein Mann berichtet, dass er sich in der Reformgruppe „Wir sind Kirche“ engagiert, deren bloße Erwähnung bei manch anderem Bischof Schnappatmung auslöst. „Ich möchte Sie ermutigen, den Weg weiterzugehen“, sagt Wilmer. Als ein Mann aus Burgdorf ihm eine Flasche Wein kredenzt, reagiert er schlagfertig: „Den werden wir nachher alle gemeinsam trinken“, sagt er in Richtung der rund 500 Besucher.

„Ich erlebe es zum ersten Mal, dass ein Bischof sich dafür interessiert, was wir so sagen“, sagt eine Frau aus der Pfarrei St. Heinrich am Ende fast verwundert. Eine andere Besucherin ist skeptisch: „Alles, was er sagt, klingt gut – es ist nur die Frage, was er umsetzen kann.“

Von Simon Benne

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