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Stadt Hannover Keine Gedenktafel für Stauffenberg in Hannover?
Aus der Region Stadt Hannover Keine Gedenktafel für Stauffenberg in Hannover?
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00:15 27.01.2019
„Ich werde immer nur vertröstet“: Historiker Wolfgang Leonhardt vor Stauffenbergs früherem Wohnhaus im Lister Kirchweg. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt. Seit fast acht Jahren schreibt Wolfgang Leonhardt immer wieder Briefe an die Stadt, er spricht mit Bundestagsabgeordneten und Bezirksratsmitgliedern. Sein Schriftwechsel füllt inzwischen eine dicke Mappe. „Aber ich werde immer nur vertröstet“, sagt der 76-Jährige, der den Arbeitskreis Stadtteilgeschichte List leitet. Sein Anliegen: Er will, dass am Haus im Lister Kirchweg 37 eine Gedenktafel installiert wird, die an den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg erinnert. Vor dem Krieg hatte dieser mit seiner Familie dort gewohnt.

„Eine Tafel wäre besonders für Schüler und Jugendliche interessant“, sagt Historiker Leonhardt. Stadtrundgänge könnten dann vom Lister Turm, wo die Nazis einst die Sozialdemokraten Wilhelm Hesse und Willi Großkopf ermordeten, zu verschiedenen Stolpersteinen in der List führen – und eben zur früheren Wohnung Stauffenbergs.

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Gedenktafel hatte keine Priorität für die Stadt

Schon vor zwei Jahren kündigte die Stadtverwaltung an, dem zuständigen Bezirksrat einen Text für eine Gedenktafel vorzuschlagen. Danach geschah lange nichts. Auf Anfrage erklärt eine Stadtsprecherin jetzt, dass leider andere Aufgaben vor der Tafel Priorität gehabt hätten: „Aus heutiger Sicht wird eine Umsetzung im Jahr 2020 angestrebt.“ Inzwischen hat jedoch die AfD das Thema für sich entdeckt. Im Bezirksrat hat sie jetzt beantragt, eine Gedenktafel für Stauffenberg vor dem Haus aufzustellen, versehen mit einem QR-Code, der zum Wikipedia-Eintrag Stauffenbergs führt. Schließlich sei dieser „mit seiner heroischen Opferbereitschaft ein Vorbild für jetzige und künftige Generationen im Widerstand gegen ein Regime, dass sein Volk in den Abgrund führt“.

Der Antrag wird nun erst einmal in den Fraktionen beraten. Die SPD reagiert eher verhalten: „Stauffenberg hatte zwei Seiten; er war auch aktiver Offizier der Wehrmacht“, sagt Bezirksbürgermeisterin Irma Walkling-Stehmann (SPD). Der Umgang mit dem Widerstandskämpfer sei „eine Gratwanderung“, den Text für eine Gedenktafel müsse man sehr sorgfältig formulieren. Am 11. Februar will der Bezirksrat um 18 Uhr im Freizeitheim Vahrenwald erneut über das Thema beraten.

Hauseigentümerin reagiert zurückhaltend

Stauffenberg war bereit, sein Leben zu riskieren - grundsätzlich wäre es sinnvoll, an dem Haus eine Stadttafel für ihn anzubringen“, sagt CDU-Fraktionschef Lars Pohl. Er würde allerdings am liebsten einen eigenen Antrag gemeinsam mit der SPD auf den Weg bringen – und natürlich bräuchte man die Zustimmung der Hauseigentümerin.

Inge Wollbrink lebt selbst in dem Gebäude, das schon ihrem Großvater gehört hat. Dieser war Stauffenbergs Vermieter. Die 89-Jährige ist eher zurückhaltend, was eine Gedenktafel anbelangt: „Das müsste ich zunächst mit meiner Familie besprechen“, sagt sie.

Wolfgang Leonhardt gibt indes die Hoffnung nicht auf, dass doch noch Bewegung in die Sache kommen könnte. Am 20. Juli jährt sich Stauffenbergs Attentat auf Hitler zum 75. Mal. „Das wäre ein guter Anlass, um seine Angehörigen nach Hannover einzuladen“, sagt er, „zur Enthüllung der Gedenktafel.“

Stauffenbergs Jahre in Hannover

Der aus Süddeutschland stammende Stauffenberg war als junger Soldat zweimal in Hannover stationiert. Am 17. August 1929 bestand der 21-jährige Kavallerist hier als Jahrgangsbester seine Offiziersprüfung. Nachdem er zwischenzeitlich anderswo eingesetzt war, lebte er dann von 1934 an für zwei Jahre mit seiner Frau Nina und dem gerade geborenen Sohn Berthold im Erdgeschoss des schmucken Hauses am Lister Kirchweg (damals noch Nr. 21).

„Stauff“, wie Kameraden ihn nannten, tat Dienst an der Kavallerieschule, deren Gebäude nahe der heutigen Husarenstraße lagen. Mit ihren rund 400 Pferden war diese damals der Stolz der Stadt, Hannover galt als „Hauptstadt der Reiterei“. Die Pferdeställe waren im späteren Acanto untergebracht, in die Reithalle zog später das Cavallo ein. Als Bereitoffizier war Stauffenberg dafür zuständig, mehrere Pferde täglich zu bewegen. Nebenbei lernte er in Hannover Englisch, las den „Daily Telegraph“ und besuchte die Technische Hochschule. Als die deutsche Reitermannschaft vor den Olympischen Spielen in der Kavallerieschule trainierte, trainierte der passionierte Reiter mit. Im Military besiegte Stauffenberg sogar die Reiter jener Mannschaft, die dann die Goldmedaille gewann.

Angangs sympathisierte er mit dem NS-Regime, im Verlauf des Krieges wandelte er sich jedoch zum Widerstandskämpfer. Am 20. Juli 1944 deponierte er eine Aktentasche mit einer Bombe unter dem Kartentisch im Führerhauptquartier. Der Offizier Heinz Brandt, den Stauffenberg aus Hannover kannte, schob die Tasche jedoch mit dem Fuß hinter einen Sockel, um besser auf die Karte sehen zu können. So überlebte Hitler die Detonation, der Umsturzversuch scheiterte, Stauffenberg wurde hingerichtet. Brandt starb und wurde auf dem Engesohder Friedhof beigesetzt.

Von Simon Benne