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Stadt Hannover Opfer sucht monatelang Frauenhausplatz in Hannover
Aus der Region Stadt Hannover Opfer sucht monatelang Frauenhausplatz in Hannover
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00:15 27.09.2018
Besuch im Frauenhaus Hannover. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Das Ausmaß an Demütigungen, an Brutalität und Gewalt, könnte kaum größer sein. Am Ende ist Nesrin fast täglich den Misshandlungen ihres Lebensgefährten ausgesetzt. Monatelang. Er schlägt sie ins Gesicht, wirft sie zu Boden und tritt zu, manchmal so lange, bis sie fast das Bewusstsein verliert. Er würgt sie, bis sie keine Luft mehr bekommt, und flößt ihr dann Wasser ein, damit sie wieder zu sich kommt. Er reißt ihr die Kleider vom Leib, zwingt sie – nur noch mit Unterwäsche bekleidet-, sich in den Hausflur zu setzen. Er zerrt sie wieder in die Wohnung, wenn Nachbarn Fragen stellen. Bloß keine Polizei. Nesrin ist schwanger, das Baby ist von ihm, aber das hindert ihn nicht. „Ich bringe Euch beide um“, brüllt er einmal, während er die zierliche Frau mit Schlägen traktiert: Im siebten Monat ist sie damals. „Ich habe mein Ende gesehen“, sagt Nesrin leise.

Das Schlimmste ist: Hilfe findet die 20-Jährige dennoch nicht, trotz der Gefahr für sie und ihr ungeborenes Baby. Drei, vier Monate lang versucht sie per Telefon einen Platz in einem Frauenhaus zu finden. Immer steht sie dabei unter großem Druck: Wenn ihr Peiniger merkt, dass sie von ihm loskommen will, nimmt er ihr das Handy weg, schlägt im schlimmsten Fall wieder zu. Dann versuchen es Freunde für sie. Aber die drei Frauenhäuser in der Region sind chronisch überfüllt. Ein- bis zweimal täglich müssen sie Frauen abweisen. Rund 400mal im Jahr. Auch Frauen wie Nesrin.

Angst vor dem Entdecktwerden

Die junge Türkin, die an diesem Tag im Frauen- und Kinderschutzhaus Hannover liebevoll über den Mittagsschlaf ihres Babys wacht, möchte ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. Eng ist es in dem Zimmer, das seit Monaten ihr Zuhause ist. Jedes Fleckchen Stellfläche ist genutzt. Rund ums Waschbecken sind Schminksachen und Babycremes gleichmäßig verteilt. Gleich am Eingang hängt der Morgenmantel wie selbstverständlich neben der Winterjacke. Bett, Kinderbett, Schrank, Spiegel, mehr gibt es nicht. Nesrin hat Angst, dass ihr früherer Freund sie erkennt. Dass er sie möglicherweise findet, in dem unauffälligen Mehrfamilienhaus irgendwo in der Region Hannover. Einmal hat sie deswegen sogar schon das Frauenhaus gewechselt. Die Adressen halten die Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen sorgfältig geheim. Aber erzählen möchte Nesrin ihre Geschichte. Die Öffentlichkeit soll erfahren, was Frauen zurzeit manchmal für ein Leid erdulden, ehe sie einen Platz in einem Schutzhaus finden. „Ich musste es so lange ertragen“, sagt sie mit ihrer sanften Stimme. „Das darf nicht so weiter gehen.“

Wie fühlen Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser sich, wenn sie Frauen wie Nesrin abweisen müssen? „Wir geben ihnen Nummern von anderen Frauenhäusern, verweisen auf Beratungsstellen, das bundesweite Hilfstelefon, versuchen herauszufinden, ob es nicht Platz bei Freunden, Bekannten oder Verwandten gibt“, sagt Ute Vesper, Abteilungsleiterin Frauen der Arbeiterwohlfahrt. Aber sie sagt auch: „Ich kann kein Zimmer fünffach belegen. Wenn ein Frauenhaus voll ist, ist es voll.“ Bittere Routine sei es, dass man nicht allen helfen könne. Dennoch: „Da ist oft eine irrsinnige Hilflosigkeit.“

Bilder an der Wand. Quelle: Katrin Kutter

Schicksale bleiben in Erinnerung

Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass kaum jemand besser weiß, welchen Gefahren die Frauen ausgesetzt sind. Barbara, Gerda, Moghadassa, Feya, Saniye, Zarieta, Lezime: Dorit Rexhausen, Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Hannover, erinnert Namen und Schicksal jeder Frau, die irgendwann einmal in „ihrem“ Frauenhaus wohnte und am Ende nicht überlebte. Da war Gerda, eine ältere Dame, die zurück in ihre Wohnung ging, weil sie den Platz im Frauenhaus nicht länger blockieren wollte. Sie wurde im Suff von ihrem Lebensgefährten mit einem Aschenbecher erschlagen. Moghadassas Tod war ein Ehrenmord. Feya, Mutter zweier Kinder, prophezeite immer: „Irgendwann erwischt er mich“. Bei einem von Verwandten arrangierten Versöhnungsversuch wird sie von ihm erschossen. Saniye geht am Abend vor ihrer Abreise in die Schweiz ein letztes Mal in ihre Wohnung zurück, um Sachen zu holen. Ihren Mann wähnt sie im Ausland. Aber er ist in Hannover, passt sie ab und sticht zu. Zarietas Mann ist längst neu verheiratet, als er hört, dass seine Ex-Frau es wagt, sich mit einem anderen Mann zu unterhalten. Er ersticht sie auf offener Straße. Der jüngste, tragische Fall: Lezime, wird von ihrem Kampfhund Chico totgebissen. Eigentlich sollte er sie schützen. Auch sie hatte früher eine Zeitlang im Frauenhaus gelebt. „Sie saß im Rollstuhl, weil ihr Mann ihr ein Beil in den Schädel getrieben hat“, sagt Dorit Rexhausen bitter.

Frauenhäuser sind gesichert

In ein Frauenhaus der Region gelangt, sind die Männer, vor denen die Frauen fliehen, so gut wie nie. Einmal, ganz am Anfang, 1978, wird Barbara auf den Stufen des Frauen- und Kinderschutzhauses Hannover erschossen. Seitdem viele Sicherheitsvorkehrungen dort: eine Kamera, eine Alarmanlage. Die Tür lässt sich nur mit einem Code öffnen. „Unsere Frauenhäuser sind geschützte, sichere Orte, für Frauen und Kinder“, sagt Rexhausen: „Orte, an denen es oft laut und lebendig und manchmal auch lustig zugeht.“

Was bislang aber schmerzlich fehlt, ist eine Notaufnahme, die Frauen wie Nesrin sofort Hilfe bietet. 24/7 nennt sich ein Projekt, das es in Hamburg bereits gibt – und das jetzt möglicherweise in ähnlicher Form auch hier realisiert werden soll. Ende Oktober wollen die drei Frauenhäuser der Region ihr neues Konzept präsentieren. Nur noch eine einheitliche Telefonnummer sollen Gewaltopfer künftig wählen müssen, um sich aus ihrer Gefährdungssituation zu befreien, sagt Ute Schimpf vom Frauenhaus Hannover. In einer Art Übergangshaus sollen sie kurzfristig zur Ruhe kommen und mit fachlicher Hilfe herausfinden können, welche Unterstützungsmöglichkeiten es für sie gibt, statt wie bislang monatelang alleine Listen mit Nummern von Hilfsangeboten abzutelefonieren. „Jede Frau soll sofort Hilfe bekommen, dann wird gegebenenfalls gemeinsam ein Frauenhaus gesucht“, sagt Schimpf. „Wir glauben, das entzerrt die Lage.“ Eine Wohnung oder ein Haus zur Miete suchen die Frauenhäuser dafür derzeit, 6-7 Zimmer, zwei Badezimmer, eine Küche, ein bisschen Lagerraum, barrierefrei, zentral gelegen.

Für Nesrin kommt diese Initiative zu spät. Aber sie hat, anders als viele andere Frauen, auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung gefunden. Hat sie Angst, zum ersten Mal seit langer Zeit alleine zu leben? Sie hat sich während der Frauenhauszeit stabilisiert. Sie hat aber auch am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie gefährlich ihr Expartner auch jetzt noch ist, – lange, nachdem sie einen Arztbesuch erfand und stattdessen endlich ins Frauenhaus ging. Sie trifft sich nach der Geburt des Kindes mehrmals mit ihm, an öffentlichen Plätzen. „In der Öffentlichkeit“, sagt sie, „hat er immer den Schein gewahrt“. Ist es Gutgläubigkeit, Naivität, Erinnerung an die frühere, große Liebe? Sie findet, trotz allem, dass ein Vater mit seinem Kind Zeit verbringen soll. Ein paar Mal geht es gut, dann entreißt der Mann ihr das Baby und verschwindet spurlos. Erst am nächsten Tag bekommt sie es zurück. Jetzt ist sie gewarnt, fürs Erste – und freut sich auf die neue Selbständigkeit. Hat sie Angst? „Höchstens vielleicht nachts“, sagt Nesrin. Ihr Peiniger dürfe sich ihr laut gerichtlicher Verfügung nicht mehr nähern. Frieden, Gesundheit für ihr Kind, das wünscht sie sich: „Ich möchte nur in Ruhe leben.“

Frauenhäuser bieten Platz für 96 Frauen und Kinder

Die drei Frauenhäuser der Region verfügen zurzeit über Unterkunftsplätze für 96 Frauen und Kinder. Das Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt wird derzeit jährlich mit rund 440000 Euro, das Frauen- und Kinderschutzhaus mit rund 435000 Euro von der Region gefördert. Das Autonome Frauenhaus erhält rund 350000 Euro von der Stadt Hannover und rund 75000 Euro von der Region. Die Regionsverwaltung hat auf die chronische Überfüllung der Häuser mittlerweile reagiert. Anfang des kommenden Jahres will sie der Regionsversammlung ein Gesamtkonzept zur Sicherung und Weiterentwicklung der Hilfen für Frauen aus gewaltgeprägten Lebensumständen zur Beschlussfassung vorlegen. Das von den Frauenhäusern selbst erarbeitete und Ende Oktober präsentierte Konzept einer Notaufnahme für von Gewalt betroffenen Frauen soll darin Berücksichtigung finden. jr

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