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Stadt Hannover „Klosterkammer stützte NS-Regime“
Aus der Region Stadt Hannover „Klosterkammer stützte NS-Regime“
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17:18 22.11.2018
Kein Hort des Widerstands: die Klosterkammer in der Eichstraße vor dem Krieg. Quelle: Klosterkammer Hannover
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Hannover

Es war ein Jahr voll Glanz und Glamour: Mit einer Fülle von Veranstaltungen hat die Klosterkammer 2018 ihr 200-jähriges Bestehen gefeiert. Ganz am Ende des Jubeljahres steht jetzt ein düsteres Kapitel: Forscher haben die NS-Vergangenheit der Behörde aufgearbeitet – mit wenig schmeichelhaften Ergebnissen. „Wir konnten so ein Jubiläum nicht feiern, ohne uns dieses Themas anzunehmen“, sagt Klosterkammer-Präsident Hans-Christian Biallas.

Die traditionsreiche Klosterkammer ist ein weltweit einzigartiges Konstrukt: Als Landesbehörde, die von politischen Weisungen unabhängig ist, verwaltet sie frühere Kirchengüter; sie unterhält mehr als 800 Gebäude, betreut 15 noch heute belebte evangelische Frauenklöster und ist der größte Waldbesitzer Deutschlands.

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Bisher ging die Mär, bei der Zerstörung ihres schmucken Verwaltungssitzes in der Eichstraße seien 1943 praktisch alle Akten aus der NS-Zeit verbrannt. Albrecht Stalmann, der von 1931 bis 1955 durchgängig als Kammerpräsident amtierte, kolportierte gern, dass es ihm gelungen sei, die widerständige Kammer mutig gegen alle NS-Angriffe zu verteidigen. „Eine sehr subjektive Deutung“, wie Detlef Schmiechen-Ackermann sagt.

Einsatz von Zwangsarbeitern

Der Historiker hat mit einem Team vom Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz-Uni die NS-Vergangenheit der Kammer durchleuchtet. Um den Ruch zu vermeiden, die Klosterkammer habe ein wohlwollendes Gutachten bestellt, überwachte ein wissenschaftlicher Beirat das dreijährige Forschungsprojekt. Als unabhängigen Geldgeber holte man die Volkswagen Stiftung ins Boot, die mit rund 200 000 Euro immerhin fast die Hälfte der Projektkosten übernahm. Im Dezember erscheint nun „Die Klosterkammer Hannover 1931-1955“ (Wallstein, 29,90 Euro).

„Die Klosterkammer war keine Behörde, in der rassistische Gewalt vorangetrieben wurde“, resümiert Schmiechen-Ackermann, „ihre Mitarbeiter legten in der Regel keine besondere Begeisterung für die NS-Ideologie an den Tag.“ Gleichwohl habe die Behörde das System stabilisiert, ihr Personal stand loyal zum NS-Staat. Bis 1939 trat die Mehrheit der leitenden Mitarbeiter der NSDAP bei, Präsident Stalmann schon 1937.

Die Klosterkammer unterstützte NS-Schulungsstätten; die alte Klosterschule in Ilfeld am Harz wurde zu einer „Nationalpolitischen Lehranstalt“ (Napola) umfunktioniert. In Lamspringe stellte die Kammer den Garten des Klosterguts für die Anlage einer „Thingstätte“ zur Verfügung. Bis zu 1500 Zwangsarbeiter schufteten auf verpachteten Gütern und in Forsten der Klosterkammer.

Nach dem Krieg war Stalmann auch für die Entnazifizierung seiner Behörde zuständig – die entsprechend halbherzig ausfiel: Nur ein einziger Mitarbeiter wurde entlassen. Dafür stieg Waldemar Rilke zum Kammerdirektor auf, der „aufgrund seines Kriegseinsatzes in der Ukraine ganz erheblich belastet war“, wie Schmiechen-Ackermann sagt. Rilke war dort für jene Treuhandverwaltung tätig, die unter anderem das Vermögen ermordeter Juden verwertete.

Auch die späteren Kammerpräsidenten Theodor Parisius (1959-1961) und Hans Helmut zur Nedden (1961-1968) seien während des Krieges in besetzten Ländern für Verwaltungen tätig gewesen, die „mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gewalthandlungen verstrickt“ gewesen seien. Weitere Forschungen sollen folgen – das Thema wird Historiker noch lange beschäftigen.

Am 28. November beginnt um 8.45 Uhr in der VHS, Burgstraße 14, eine ganztägige , öffentliche Abschlusstagung des Forschungsprojekts. Um Anmeldung unter tagung-klosterkammer@idd.uni-hannover.de wird gebeten.

Von Simon Benne