Hannover: Queere Bar "Schwule Sau" wird 30 Jahre alt
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Stadt Hannover Szene-Bar „Schwule Sau“ wird 30 Jahre alt – doch geht ihre Geschichte auch weiter?
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Hannover: Queere Bar "Schwule Sau" wird 30 Jahre alt

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18:41 01.02.2021
Im Januar 1991 wurden in der „Sau“ in rustikalem Ambiente erste Biere und Kaffee ausgeschenkt (Bild links). 2010 wurde eine Lena-Party gefeiert.
Im Januar 1991 wurden in der „Sau“ in rustikalem Ambiente erste Biere und Kaffee ausgeschenkt (Bild links). 2010 wurde eine Lena-Party gefeiert. Quelle: Archiv
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Hannover

Die SPD ging an die irgendwie schräge Angelegenheit mit einem konsequenten Einerseits/Andererseits heran. Da gab es die Fraktion derjenigen, die diesem neuen Lokal in Hannovers Nordstadt schon etwas abgewinnen konnte. Und ein Lokal war es doch, das die Leute am und vom besetzten Sprengelgelände im Januar 1991 aus dem Nichts gezimmert hatten.

Gut, der Name war gewöhnungsbedürftig, das schon. „Schwule Sau“ galt üblicherweise als Beschimpfung für Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe. Doch für die Gründer galt: Die dürfen das. Und nach einem Besuch im Kellerlokal und einer offenbar beeindruckenden Theateraufführung sagte ein damals führender Sozialdemokrat: „In Berlin würde dieser Treff in jedem Reiseführer stehen.“

Selbermachen, auch darum ging es bei der Gründung 1991. Quelle: Archiv

„Schwule Sau“ wurde zum Politikum

Einerseits. Andererseits sollte in Hannover dieser Treff erst mal 100 Meter weiter weg. 100 Meter nach links oder rechts, das waren die ungefähren Vorstellungen unter Sozialdemokraten. Jedenfalls meinten skeptische Genossen, die Schwule Sau würde den Bau von Wohnungen behindern, deswegen müsse sie raus aus dem Sozialtrakt des Sprengel-Gebäudes.

Weil der grüne Koalitionspartner strikt dagegen war, die Betonköpfe in der Angelegenheit jedoch ausschließlich auf Seite der abwägenden Genossen sah, platzten, angeblich wegen der Schwulen Sau, zunächst Koalitionsverhandlungen. Die Alternativen hatten sie sogar in ihr Wahlprogramm geschrieben, dass die Kellerkneipe eine Zukunft haben müsse. (Weitere Forderung in einer aufwendig gestalteten Broschüre der Grünen: autofreie Innenstadt. Belit Onay war damals zehn Jahre alt.)

Alexander Lawiszus (rechts), Vereinsvorsitzender, Sascha Oppermann (links), Kassenwart und Kathrin Pohl. Quelle: Tim Schaarschmidt

Die „Sau“, wie Kenner abkürzen, blieb. Beinahe von Beginn an war Alexander Lawiszus, 43, dabei. Er leitete eine Gruppe junger Schwuler, die sich regelmäßig freitags traf und hinterher ging es noch geschlossen zum Sprengelgelände, zu den „Saupartys“. Die Musik war besser und die Getränke billig. 1994 begann sein Verhältnis mit der Kneipe, es hält bis heute an und führte ihn in den kleinen Kreis von Ehrenamtlichen, die die Schwule Sau stabil am Leben halten.

Lena-Party 2011 beim Eurovision Song Contest. Quelle: Uwe Dillenberg

30 Jahre ohne öffentliche Förderung

„Es war da immer anders als in anderen Läden. Es war immer ein bisschen egal, wer man ist und wie man aussieht“, sagt Lawiszus. Nicht nur schwule Menschen kamen zu Partys, Lesungen und Konzerten. Dem 43-Jährigen gefällt, dass sich eine familiäre Atmosphäre entwickelt hat. Seit Ende der Neunzigerjahre war die Kneipe durch einen Mietvertrag mit der Stadt abgesichert, finanzielle Zuschüsse gab es in 30 Jahren nie, man wolle unabhängig sein. In Corona-Zeiten ohne Veranstaltungen lebt die Schwule Sau von Rücklagen und einer Spendenaktion, die innerhalb von fünf Tagen 7000 Euro einbrachte.

Doch ausgerechnet zum Jubiläum droht dem Treffpunkt der queeren Gemeinschaft das Aus. Die Räume müssen saniert werden, doch die Stadt kann die nötigen 1,2 Millionen Euro nicht aufbringen. Es ist offen, wie diese Geschichte ausgeht. Alexander Lawiszus kann sich einen Umzug kaum vorstellen. „Die Sau gehört in die Nordstadt.“ Und aufs Sprengelgelände ergänzt er noch, in dieses Gebäude, das den Charme des Ladens ausmache.

Von Gunnar Menkens