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Stadt Hannover Mieser Trick mit Adressdaten in wildem Müll
Aus der Region Stadt Hannover Mieser Trick mit Adressdaten in wildem Müll
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17:27 15.07.2019
„Jetzt merke ich, wie es ist, in den Fängen der Bürokratie zu sein“: Jürgen Schrader hat Ärger mit Aha. Quelle: Conrad von
Hannover

Wer macht so etwas – und warum? Jürgen Schrader kann es nicht fassen. Ihm steht ein Verfahren wegen illegaler Müllentsorgung ins Haus, dabei ist gerade er jemand, der auf der Wertstoffinsel gegenüber seiner Wohnung häufig aufräumt und andere auch schon mal auf Fehlverhalten hinweist. „War es vielleicht ein Racheakt?“, fragt er. Irgendjemand hat den Adressaufkleber eines Pakets, den Schrader ordentlich im blauen Altpapiercontainer entsorgt hat, in einem wilden Müllhaufen platziert und die Abfallfahnder von Aha informiert. Die gehen jetzt gegen Schrader vor – unerbittlich, bis vor Gericht.

Dokumentiert von Aha: In einem wilden Müllhaufen in der Großen Barlinge findet sich ein Adressaufkleber von Jürgen Schrader. „Ich werfe keinen Müll an den Straßenrand“, sagt der. Quelle: Conrad von Meding (Repro)

Aha: Verstoß gegen Abfallsatzung

Schrader traute seinen Augen kaum, als er Ende Mai einen Brief von Aha erhielt: Er sollte sich wegen „Verstoßes gegen die Abfallsatzung“ dazu äußern, dass in der nahen Große Barlinge 28 etwa ein Dutzend Gelbe Säcke herumstanden. Die waren gefüllt mit Unrat – und einem „an Sie adressierten Brief“. Gemeint war der Paketaufkleber, wie mehrere von Aha mitgelieferte Bilder zeigten.

Schrader machte sich zunächst nicht wirklich Sorgen. Er antwortete ausführlich, es sei in der Nachbarschaft bekannt, dass ein Nachbar aus der Großen Barlinge 28 ständig seinen Restmüll vor dem betroffenen Haus illegal entsorge. Er könne zur Aufklärung beitragen und Zeugen benennen. Aha lehnte den Einspruch im Juni mit einem Formbrief ab und erließ einen Bußgeldbescheid über 108,50 Euro. Auch dagegen legte Schrader Einspruch ein und benannte jetzt namentlich den mutmaßlichen Täter und mehrere Zeugen, darunter eine Hausverwaltung. Aha interessiert das nicht.

Montag gegen Verfahren um illegale Müllentsorgung vor Gericht

„Sie haben zur Begründung Ihres Einspruchs keinerlei neue Tatsachen vorgetragen“, heißt es Ende Juni. Wenn Schrader bis Mitte Juli – also Montag – nicht zahle, gehe der Vorgang zum Amtsgericht. „Was soll ich denn noch tun, um mich zu wehren?“, fragt Elektromeister Schrader. Es gehe ihm nicht so sehr um die 108 Euro. „Aber dass mich jemand so reinlegt und ich dann dafür auch noch bezahlen soll, das sehe ich nicht ein.“

Aha will sich zu dem Einzelfall aus Datenschutzgründen nicht äußern. Im Grundsatz aber müsse das Unternehmen immer damit rechnen, dass es sich „auch um eine Schutzbehauptung handeln kann. Ansonsten könnte nahezu jedes Verfahren direkt eingestellt werden, da sich Beschuldigte in Ordnungswidrigkeitsverfahren oftmals entsprechend äußern“.

„In den Fängen einer Bürokratie“

Der Müllhaufen vor dem Haus in der Großen Barlinge – Aha hat dokumentiert, wie die Säcke mit Unrat und dem Adressaufkleber von Schrader aufgefunden wurden. Quelle: Conrad von Meding (Repro)

Erst kürzlich habe es einen zweiten Vorfall gegeben. Wieder lagen illegal Müllsäcke vor dem betreffenden Haus, diesmal sei eine DHL-Karte mit der Adresse eines anderen Nachbarn auf dem Haufen drapiert gewesen. „Ich habe sie zum dem Nachbarn gebracht,“, sagt Schrader: „Der war glücklich – denn ihm hätte wahrscheinlich das nächste Bußgeld gedroht.“

Aha verhängt 366 Bußgeldverfahren wegen wilden Mülls

Aha hat im Auftrag der Stadt mit der Kampagne „Hannover sauber“ die Zahl der Müllfahnder aufgestockt. 366 Bußgeldverfahren wurden in den vergangenen drei Monaten eingeleitet, weil die Fahnder wilde Müllhaufen auf verwertbare Adressen durchstöbern – ein Einfallstor für Menschen, die anderen Böses tun wollen. Aha aber hat ein Rezept dagegen: Persönliche Daten sollten nicht ungeschreddert in öffentlichen Papiercontainern entsorgt werden. Das gebiete die Sorgfaltspflicht.

Für Schrader klingt das zynisch. Das wird er in Kürze vor Gericht erklären müssen. „Wenn ich nicht doch noch einknicke und Montag bezahle.“ Aktualisierung am 15. Juli 2019: Drei Tage nach Erscheinen des Artikels hat Jürgen Schrader den Betrag zähneknirschend gezahlt – weil er keine zusätzlichen Gerichtskosten riskieren wolle, wie er der HAZ mitteilt.

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Von Conrad von Meding

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