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Stadt Hannover Eltern sind empört, weil Land Japanisch-, Spanisch- und Farsi-Stunden streicht
Aus der Region Stadt Hannover Eltern sind empört, weil Land Japanisch-, Spanisch- und Farsi-Stunden streicht
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09:00 19.06.2019
Kein Japanisch mehr: An der Grundschule am Goetheplatz dürfen ältere Kinder nicht mehr in ihrer Herkunftssprache unterrichtet werden. Die Eltern kritisieren das. Quelle: Saskia Döhner
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Hannover

Noch vor drei Jahren hat die damalige rot-grüne Landesregierung Türkisch und Polnisch als reguläres Unterrichtsfach an den Schulen verankern wollen. Auch mündliche Abiturprüfungen in Arabisch oder Russisch sollten möglich sein für Kinder, die aus diesen Ländern stammen. Jetzt streicht die Landesschulbehörde in Hannover überraschend den sogenannten herkunftsprachlichen Unterricht für Kinder ab Jahrgang 5. Stadtweit haben knapp 2000 Kinder Unterricht in der Sprache ihrer Eltern, wie viele von der Streichung betroffen sind, ist unklar.

„Sprachunterricht von heute auf morgen gestrichen“

Die Eltern sind auf den Barrikaden, stoßen mit ihrem Protest aber auf taube Ohren. „Ich finde es nicht in Ordnung, dass das Land einfach von heute auf morgen den Unterricht verbietet“, sagt Riho Taguchi, Mutter eines Sechstklässlers, der ein Gymnasium besucht und bislang Griechisch an der Eichendorffgrundschule und Japanisch an der Grundschule am Goetheplatz gelernt hat.

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Noch im Halbjahreszeugnis stand dafür zweimal die Note 1. Man habe den Familien angeboten, doch in eine Arbeitsgemeinschaft an ihrer weiterführenden Schule zu wechseln. Die steht jedoch allen Schülern, nicht nur den Muttersprachlern offen. „Das ist doch dann viel zu leicht“, sagt Sohn Philipp Akira.

1000 Kinder lernen Türkisch

An den Grundschulen ist herkunftsprachlicher Unterricht ein reguläres Fach, das auch benotet wird. An den weiterführenden Schulen ist es ein Zusatzangebot, das benotet werden kann, aber nicht muss. Viele Grundschulen stellen Räume für den Muttersprachenunterricht zur Verfügung, an dem dann auch ältere Kinder von weiterführenden Schulen teilnehmen.

Türkisch als herkunftsprachlichen Unterricht nehmen 947 Kinder wahr, es wird an 35 von 60 Grundschulen angeboten. Auch die Gesamtschulen Linden und Vahrenheide/Sahlkamp bieten Türkisch für 44 Schüler an.

Arabisch wird für 122 Schüler an sieben Grundschulen angeboten, an der Gerhart-Hauptmann-Realschule gibt es eine Arbeitsgemeinschaft für 17 Schüler.

Farsi gibt es an drei Grundschulen und an der Goetheschule. Griechisch wird an drei Grundschulen vermittelt, Italienisch an vier, Polnisch (266 Schüler) an sieben, Russisch an sechs, Spanisch an fünf. An der IGS Stöcken gibt es eine Polnisch-AG für Muttersprachler.

Auch für Matthias Freischütz, dessen Tochter die fünfte Klasse besucht und bislang an der Grundschule Auf dem Loh Spanisch lernte, ist der reguläre Fremdsprachenunterricht am Gymnasium ab Klasse 6 keine Alternative. „Da verlernen die Muttersprachler doch alles wieder.“

„Es ist schade, dass das Angebot abgeschafft wird“, sagt Yukiko Bordtheiser, Mutter einer Tochter, die ebenfalls Japanisch an der Grundschule am Goetheplatz gelernt hat. Zuhause könne sie ihren Kindern nicht das beibringen, was sie im herkunftsprachlichen Unterricht lernten, betont Junko Miki, Mutter von zwei Kindern im Alter von zehn und acht Jahren. Es gehe auch um das Lernen mit Gleichaltrigen, die aus dem selben Land stammten.

Entscheidung ohne Begründung

Eine Begründung, warum die älteren Kinder nach vielen Jahren auf einmal nicht mehr den herkunftsprachlichen Unterricht an einer Grundschule absolvieren dürfen, bekamen die Eltern nicht. Es sei nebulös etwas von versicherungstechnischen Gründen die Rede gewesen, sagt Freischütz. Dabei finde der Sprachunterricht doch außerhalb der regulären Unterrichtszeit oft am Nachmittag statt. Viele Eltern bringen ihre Kinder selbst zum Sprachunterricht, der teils an einer Grundschule weit entfernt vom Wohnort stattfindet. Christina Riebes Tochter, eine Fünftklässlerin, hat bislang Farsi an der Grundschule Am Sandberge gelernt. Auch das Angebot sei plötzlich gestrichen worden, berichtet die Mutter. Im Halbjahreszeugnis war der Sprachunterricht noch mit Note 2 benotet worden.

Rocio Ormeno-Bruns, Mutter eines Sechstklässlers, der Spanisch an der Grundschule Feldbuschwende lernt, berichtet, dass das Angebot erst gestrichen worden sei, dann aber nach zwei Woche Pause doch wieder weiterlaufen soll. Was nach den Sommerferien sei, wisse man aber noch nicht. Andere Angebote, etwa Portugiesisch und Griechisch, sollen weiterlaufen.

Landesschulbehörde ist verwirrt

Bei der Pressestelle der Landesschulbehörde in Lüneburg hieß es zunächst, von diesen Vorgängen in Hannover wisse man nichts. Auch nichts von einer neuen versicherungstechnischen Vorgabe, wonach Kinder weiterführender Schulen nicht mehr Sprachunterricht an Grundschulen haben dürften. Bei einer erneuten Nachfrage erklärte dann ein Sprecher, die Einzelfälle seien doch bekannt, man suche nach Lösungen. Eine Arbeitsgemeinschaft, in der Muttersprachler Japanisch oder Spanisch mit Anfängern lernen, ist für die Eltern jedenfalls keine Lösung.

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Von Saskia Döhner