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Stadt Hannover „Ich habe Angst hoch zehn“
Aus der Region Stadt Hannover „Ich habe Angst hoch zehn“
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21:40 08.10.2014
Von Veronika Thomas
Bianca Jäkel mit Ihrem ehrenamtlichen Betreuer Oswald Schmitt. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Bianca Jäkel hat den Zuckerkuchen in Häppchen geschnitten und zwei Kaffeetassen bereitgestellt. Gleich kommt Herr Schmitt, wie jede Woche. Mal für eine Stunde, mal länger. Mit ihm kann die 45-Jährige über all das sprechen, worüber sie mit ihrer Familie nicht reden mag, weil sie die nicht zu sehr mit ihren Problemen belasten will. „Manchmal brennt halt die Seele durch.“ Die Köchin ist unheilbar an Krebs erkrankt, seit Februar wird sie von Oswald Schmitt, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Ambulanten Palliativ- und Hospizdienstes der Diakoniestationen Hannover (APHD), begleitet.

„Bei meiner Familie versuche ich, so normal wie möglich zu sein“, erzählt die alleinlebende Mutter einer erwachsenen Tochter. „Da möchte ich nicht nur Negatives erzählen.“ Die schwierigen Gespräche, in denen sie sich ihre Todesangst und Alpträume von der Seele reden kann, hebt sie sich für Oswald Schmitt auf. „Das hilft mir sehr“, sagt sie. Der 50-Jährige absolvierte vor fünf Jahren einen Kursus zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter. „Sterben ist ein Tabuthema, es wird überall verdrängt. Dabei gehört es doch zum Leben dazu“, sagt der zweifache Vater.

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Seit 2010 hat er fünf todkranke Menschen während der letzten Wochen und Monate ihres Lebens begleitet. Er hat ihnen zugehört, Besorgungen erledigt, ist mit ihnen spazieren gegangen. Mehr möchte er nicht erzählen. „Das, was dort zur Sprache kommt, bleibt unter uns.“ Mit Bianca Jäkel geht er hin und wieder Eis essen, und wenn es ihr schlecht geht, kauft er für sie ein. „Sie kann mich immer anrufen. Ich bin ja da“, sagt der selbstständige Zimmermann. Oswald Schmitt ist einer von rund 580 Ehrenamtlichen in der Region, die im vergangenen Jahr bei zwölf ambulanten Hospizdiensten und -vereinen fast 850 Schwerstkranke begleitet haben. Neben dem APHD bieten im Stadtgebiet noch die Johanniter, Malteser und das Diakoniewerk Kirchröder Turm Begleitungen an. Im Umland sind es acht Begleitdienste, darunter einer für Kinder und Jugendliche.

Mit zahlreichen Veranstaltungen während der zweiten Hospizwoche in der Region vom 9. bis 17. Oktober wollen die Einrichtungen über die Möglichkeiten der ambulanten Versorgung Schwerstkranker und Sterbender informieren. „In Hannover gibt es drei stationäre Hospize mit insgesamt 24 Plätzen“, sagt Ulrike Struwe, hauptamtliche Koordinatorin beim APHD. Für die Region sei das eine gute Quote. „Doch die meisten der schwerstkranken Patienten möchten nach Möglichkeit zu Hause sterben.“ Deshalb sei die ehrenamtliche Betreuung ebenfalls wichtig. Die Hospizbetreuer kommen aus fast allen Alters- und Berufsgruppen. Meistens wird ein fester Besuchstermin pro Woche verabredet. Während ihres zehn- bis zwölfmonatigen Befähigungskurses müssen sich die Ehrenamtlichen intensiv mit den Themen Sterben und Tod, dem Umgang mit ihren eigenen Grenzen und ihrer Ohnmacht auseinandersetzen - durch Gespräche, Selbstreflexion, Rollenspiele. In einer Praktikumsphase besuchen sie eine Palliativstation, einen Bestatter und nehmen an ersten Begleitungen teil. Zum Training gehört auch aufmerksames Zuhören und Hinschauen. „Ehrenamtliche müssen lernen, sich selbst zurückzunehmen“, sagt Koordinatorin Struwe. „Wir gehen nicht mit der Fahne vorweg und sagen wo es langgeht.“ Eine Begleitung endet nicht automatisch mit dem Tod des Patienten, viele Angehörige wünschten sich auch danach noch unterstützende Gespräche - wenigstens eine Zeit lang.

„Ich habe mir einen männlichen Begleiter gewünscht“, erzählt Bianca Jäkel. Schon während ihres Berufslebens hat sie lieber mit zehn Männern als mit zwei Frauen zusammengearbeitet. Oswald Schmitt, den sie siezt und er sie, hat sie von Anfang an sympathisch gefunden. Als sie während ihres Krankenhausaufenthalts vom Angebot der Begleitung erfuhr, dachte sie, so etwas sei noch viel zu früh für sie. Im September 2013 war bei ihr Nierenkrebs festgestellt worden. Vor einem Jahr wurde ihr eine Niere entfernt, da hatte der Krebs schon Metastasen in den Knochen gebildet.

Inzwischen erhält sie dauerhaft Chemotherapie und Infusionen zur Stabilisierung ihrer Knochen. Man merkt ihr nicht an, wie krank sie wirklich ist, stünde in ihrem Wohnzimmer nicht ein Tablett randvoll mit Medikamenten. „Wir reden hier nicht mehr über zehn oder 15 Jahre“, sagt Frau Jäkel tapfer. Zur Ruhe kommt sie jetzt sowieso noch nicht. Gerade hat sie den Bescheid über ihre Erwerbsunfähigkeitsrente erhalten, die Krankenversicherung aber zahlt keinen Cent mehr. Jetzt weiß sie nicht, wovon sie in den nächsten Wochen leben soll. „Jeder Tag ist ein Kampf“, sagt sie mit leiser, stockender Stimme. „Und ich habe Angst hoch zehn.“ Gut, dass es Oswald Schmitt in ihrem Leben gibt.

Weitere Informationen zur Pallitiv- und Hospizversorgung in der Region unter www.palliativ-und-hospizdienst-hannover.de.

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