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Stadt Hannover Diese Studentin soll Strafgebühr für doppeltes Engagement zahlen
Aus der Region Stadt Hannover Diese Studentin soll Strafgebühr für doppeltes Engagement zahlen
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00:18 04.11.2018
In der Lehrerausbildung ist Inklusion zu wenig Thema: Elin Scheel studiert deshalb zusätzlich zum Lehramtsstudium auch noch Sonderpädagogik. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

 Innovative Schulprojekte will Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) fördern, mit seinem Dialog „Bildung 2040“ quer durch Land neues Denken anstoßen. Wer allerdings aus eigenem Antrieb schon jetzt Wege abseits des Vorgegebenen geht, scheitert allzu oft an bürokratischen Vorgaben. So wie die Studentin Elin Scheel. Die 27-jährige angehende Gymnasiallehrerin ist von dem Grundgedanken der Inklusion, dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf, überzeugt. „Ich glaube, dass das für unsere Gesellschaft der richtige Weg ist, wir müssen Teilhabe für alle sichern“, sagt sie.

Inklusion kommt in Lehrerausbildung zu wenig vor“

In ihrem allgemeinen Lehramtsstudium fühlte sie sich allerdings nur unzureichend auf diese neue Aufgabe vorbereitet. „Ich hatte mal ein Seminar in Englisch und in evangelischer Religion, die den Begriff Inklusion im Titel trugen“, erzählt die junge Frau, „aber das, was inhaltlich dabei herausgekommen ist, hat mir nicht gereicht“, erzählt die junge Frau. Nachwuchskräften werde in der Ausbildung zum Regelschullehrer allzu oft vermittelt, Inklusion sei eine Aufgabe, die man jetzt auch noch machen müsse, für die man im hektischen Arbeitsalltag aber eigentlich gar keine Kapazitäten habe. Im Kultusministerium dürfte man Aussagen wie diese ungern hören, seit Jahren heißt es dort, Inklusion ziehe sich als großes Thema quer durch die gesamte Lehrerausbildung.

Elin Scheel jedenfalls hatte das Gefühl, dass sie nicht genug für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung lernt, und entschloss sich vor drei Jahren, neben dem Gymnasiallehramt auch Sonderpädagogik an der Leibniz-Universität Hannover parallel zu studieren. Ziel sei es dabei nie gewesen, Förderschullehrerin zu werden, sondern nur vertiefte Einblicke in den Unterricht mit Förder-Kindern zu bekommen: „Ich möchte an die Regelschule, ich möchte auch Oberstufenkurse geben und Menschen zum Abitur führen, ich möchte aber kein Kind aus dem Blick verlieren und mich auch um die kümmern, die vielleicht Probleme oder eine schon festgestellte Beeinträchtigung haben, ich möchte allen gerecht werden können.“

„Inklusion muss in Ausbildung eine stärkere Rolle spielen“

Wie schätzt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Laura Pooth, den Fall ein?

Frau Pooth, eine hannoversche Studentin hat noch Sonderpädagogik studiert, weil sie sich in dem allgemeinen Lehramtsstudium zu wenig auf das Thema Inklusion vorbereitet fühlt. Welche Rückmeldung bekommen Sie in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft von angehenden Lehrern?

„Ähnliche. Viele melden zurück, dass sie zu wenig über Inklusion erfahren. In der Lehrkräfteausbildung muss dies eine größere Rolle spielen, und zwar für alle Schulformen, denn alle werden sich damit auseinandersetzen müssen. Vereinzelt machen sich Universitäten bereits auf den Weg, aber längst nicht alle. Überhaupt müsste viel mehr über heterogene Lerngruppen gesprochen werden. Pädagogen müssen wissen, wie sie mit unterschiedlichen Lernniveaus in einer Klasse umgehen sollen. Die Zeiten, in denen alle im Gleichklang das Gleiche gelernt haben, sind längst vorbei.“

Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf ist seit 2013 als Ziel im Schulgesetz verankert. Warum hinkt die Lehrerausbildung immer noch hinterher?

„Generell dauert es immer ein bisschen, bis die Dinge, die in den Schulen sind, irgendwann auch in den Unis ankommen. Das ist auch bei der Digitalisierung so.

Die Inklusion ist unter der Großen Koalition in Niedersachsen aber auch ins Stocken und aus dem Fokus geraten, in den sie eigentlich gehört. Der längere Bestandsschutz für die Förderschulen Lernen, den das Schulgesetz jetzt ermöglicht, trägt sicher seinen Anteil daran. Außerdem fehlt vermutlich auch das Personal in den Hochschulen, also Professoren und Dozenten.“

Inklusion geht ja nicht nur die Studenten an, sondern auch die Lehrer, die schon im Job sind.

„Natürlich, es geht nicht nur um Ausbildung, sondern auch um Fort- und Weiterbildung. Die älteren Kolleginnen und Kollegen müssen genauso mitgenommen werden. Es darf nicht nur die Sache von einzelnen sein, gut ist es, wenn sich das ganze Kollegium mal einen Tag dem Thema widmet. Aber viele Schulen haben Angst, dass dann Unterricht ausfällt.“

Doppeltes Studium bedeutet doppeltes Arbeitspensum

Durch das doppelte Studium sei sie auch doppelt belastet gewesen, sagt Elin Scheel: „Doppelte Prüfungen, doppelte Scheine, doppelte Klausuren, doppeltes Arbeitspensum.“ Immer wieder sei ihr von Kommilitonen, aber auch von Lehrern und Rektoren an Schulen, bei denen sie Praktika gemacht habe, Anerkennung für ihr Parallelstudium bescheinigt worden. Im 13. Semester hat sie ihr Masterstudium für das Gymnasiallehramt beendet. Nun macht sie ihren Bachelor in Sonderpädagogik. Jetzt – im 14. Semester – muss Elin Scheel 500 Euro Langzeitstudiengebühren bezahlen. Das versteht sie nicht. Zum einen, weil diese Strafgebühren nicht fällig gewesen wären, wenn sie erst den Bachelorstudiengang beendet hätte und dann das Masterstudium, zum anderen weil 500 Euro für sie eine Menge Geld ist: „Das ist zwei Drittel von dem, was ich monatlich zur Verfügung habe.“

Mechthild von Münchhausen, Sprecherin der Uni Hannover, erläutert die rechtlichen Hintergründe: „Das Studienguthaben ergibt sich aus der Zahl der Semester der Regelstudienzeit für den gewählten Studiengang plus sechs weitere Semester.“ Im Falle von Elin Scheel wären das zehn Semester Regelstudienzeit für Bachelor und Master Gymnasiallehramt und weitere sechs Karenzsemester, also insgesamt 16. Durch den Abschluss des Masters und den noch laufenden Bachelor Sonderpädagogik falle sie auf die Regelstudienzeit des Bachelorstudiengang (sechs Semester plus sechs Karenzsemester, insgesamt zwölf Semester) zurück und müsse nun leider Langzeitstudiengebühren bezahlen.

Strafgebühr, weil das falsche Studium zuerst beendet wurde

Der Studentin will das nicht recht einleuchten: „Da werde ich quasi dafür bestraft, weil ich den einen Studiengang zu schnell beendet habe.“ Auch das Argument des Wissenschaftsministeriums, man erhebe Strafgebühren für Langzeitstudenten, weil man möglichst vielen Menschen ein Erststudium ermöglichen wolle, findet sie nicht schlüssig.

Die 27-Jährige hat Briefe an die Uni, den Asta, das Wissenschafts- und das Kultusministerium geschrieben, aber bislang mit mit ihrem Einspruch keinen Erfolgt gehabt. Das Doppelstudium sei schließlich ihre eigene, freie Entscheidung gewesen, teilt man ihr vonseiten des Landes mit. „Das ist kein persönlicher Luxus“, sagt Elin Scheel, „sondern aus meiner Sicht pädagogische Notwendigkeit.“

Und wollte Kultusminister Tonne nicht eigene, neue pädagogische Ideen fördern? Man sei in Verhandlungen, doch noch eine Lösung im Sinne der Studentin zu finden, heißt es auf Nachfrage der HAZ. Gefunden wurde die bislang nicht, Elin Scheel hat die 500 Euro erstmal bezahlt.

Von Saskia Döhner

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