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Stadt Hannover Bürger warnen vor Hetzjagd auf „Feuerteufel“
Aus der Region Stadt Hannover Bürger warnen vor Hetzjagd auf „Feuerteufel“
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00:15 21.07.2013
Von Tobias Morchner
16-mal soll der 17-jährige Berufsschüler Henrik S. innerhalb eines Jahres Feuer gelegt haben. Quelle: Hannover-Reporter
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Hannover

Die Menschen in Isernhagen N.B. haben die Nachricht von der Aufklärung der unheimlichen Brandserie in ihrem Dorf zum großen Teil mit Erleichterung aufgenommen. „Wenn der Verdächtige tatsächlich auch der Täter ist, bin ich froh, dass es endlich vorbei ist“, sagt beispielsweise eine junge Mutter. 16-mal soll der 17-jährige Berufsschüler Henrik S. innerhalb eines Jahres Feuer gelegt haben. Die Flammen richteten einen Schaden von rund 1,3 Millionen Euro an. Menschen oder Tiere kamen nicht zu Schaden. Der Verdächtige ist, wie auch sein Vater, Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr. Gerade hat er seine Grundausbildung abgeschlossen.

Henrik S. schweigt bisher zu den Vorwürfen

Doch die Menschen in Isernhagen N.B. atmen nicht nur auf, einige Bewohner mahnen auch zur Vorsicht: „Wir dürfen jetzt keine Hetzjagd veranstalten, die Familie ist schon genug gestraft“, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Henrik S. und seine Eltern sind bereits seit Tagen nicht mehr im Ort gesehen worden - weder beim Einkaufen, noch an den üblichen Treffpunkten der Jugendlichen. Auch im Internet ist der junge Mann, der nach eigenen Angaben ohne seine Facebook-Seite nicht auskommen kann, nicht mehr aktiv.

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Durch die Taten, die ihm angelastet werden, hat er nicht nur seine Freunde und die Kameraden bei der Feuerwehr gegen sich aufgebracht. Auch seine Kollegen beim Nebenjob sind davon betroffen. Henrik S. verdiente sich etwas Geld in einem Supermarkt in der Straße am Ortsfelde dazu. Anfang März soll der Berufsschüler dieses Geschäft für eine weitere Brandstiftung ausgewählt haben. In einem Aufenthaltsraum wurde Feuer gelegt. Der Ruß vernichtet beinahe die Gesamte Ware des Marktes. Schon damals wunderten sich die Brandermittler der Polizei über die genauen Ortskenntnisse des Täters. Sie befragten die Mitarbeiter detailliert über den 17-Jährigen, zeigten ihnen Fotos von Hendrik S. und kamen offenbar dem mutmaßlichen Täter immer dichter auf die Spur.

Henrik war bei den Löscharbeiten dabei

Nur über das Motiv des Feuerwehrmannes herrscht weiter Rätselraten. Henrik S. soll zwar bei den Löscharbeiten, die er selbst hervorgerufen hatte, dabei gewesen sein. Allerdings agierte er selten in der ersten Reihe, sondern war oft mit dem Verlegen von Schläuchen befasst.

„Das ist ungewöhnlich, denn das Hauptmotiv von Brandstiftern aus den Reihen der Feuerwehr ist der Umstand, dass sie beim Löschen zeigen wollen, was für ein Held sie sind“, sagt Frank Dieter Stolt. Er ist Feuerwehrmann, Brandsachverständiger und Kriminologe und hat ein Buch mit dem Titel „Brandstiftung durch Feuerwehrangehörige“ verfasst.

Seinen Recherchen zufolge wurden bundesweit im Jahr 2011 rund 400 Brände durch Angehörige der Feuerwehr gelegt. Tendenz steigend. Dafür tragen, aus Sicht des Experten, auch die Funktionäre bei den Feuerwehren die Verantwortung. „Dort herrscht zum Teil immer noch eine Macho-Kultur vor, in der kein Platz ist für Warmduscher und Turnbeutelvergesser“, sagt Stolt. Um gegen den anhaltenden Mitgliederschwund gerade bei den Freiwilligen Feuerwehren anzugehen, würden die Einsatzkräfte immer noch zu Helden stilisiert.

„Wenn die jungen Feuerwehrleute dann mit der Realität konfrontiert werden, die mehrheitlich aus den Beseitigungen von Ölspuren auf der Straße und dem Retten von Katzen aus Bäumen besteht, kann schnell Frust aufkommen“, erklärt der Kriminologe. Stolt rät den Brandbekämpfern, in ihren Organisationen Mentoren für die neuen Mitglieder einzusetzen, die den Neulingen das echte Bild der Arbeit als Feuerwehrmann vor Augen führen. „Nur so bekommt man das Problem langfristig in den Griff“, sagt Frank Dieter Stolt.

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