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Stadt Hannover „Wir brauchen weniger Bürokratie“
Aus der Region Stadt Hannover „Wir brauchen weniger Bürokratie“
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07:31 09.01.2015
Von Bernd Haase
Das Jobcenter der Region Hannover feiert sein zehnjähriges Bestehen. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Nach Mitarbeiterzahl und bewegtem Finanzvolumen ist das Jobcenter der Region Hannover ein großer mittelständischer Betrieb. Hilfsbedürftige, seit einiger Zeit Kunden genannt, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten können, kennen es als Anlaufstelle, wenn sie staatliche Finanzhilfen nach den Hartz-IV-Gesetzen erhalten.

Sie haben mit ihm als Vermittlungsstelle in Arbeit oder in Förderprogramme zu tun - und als Einrichtung, die ihnen mit bürokratischen Regelungen einiges abverlangt, bis hin zur Überforderung. Manchmal bekommen das die Mitarbeiter zu spüren. „Nicht jeder Kunde ist einfach. Die physischen und psychischen Belastungen unserer Leute sind hoch. Sie leisten sehr gute Arbeit“, sagt Geschäftsführer Michael Stier. Das Jobcenter hat zu Jahresbeginn Geburtstag gefeiert.

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Wer Geld will, muss Gegenleistungen bringen

Der 1. Januar 2005 war ein einschneidendes Datum für die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in Deutschland. Seinerzeit wurden die Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe im Zuge der Hartz-IV-Gesetzgebung zur Grundsicherung zusammengelegt. Ziel war es, einheitliche Fördermöglichkeiten für alle Arbeitssuchenden zu schaffen. Die Jobcenter sollen seitdem den Lebensunterhalt von Menschen sichern, deren Einkommen nicht ausreicht. Und es unterstützt sie bei der Suche nach Arbeit. Allerdings nicht nur: „Fördern und fordern“ lautet die Maxime. Wer Geld beziehen will, muss Gegenleistungen bringen - Jobangebote auch dann annehmen, wenn sie nicht passen oder an Förder- und Qualifizierungsprogrammen teilnehmen.

In Hannover hat nicht viel gefehlt, und der Geburtstag hätte unter anderen Vorzeichen stattgefunden. Die Region hätte 2005 auch optieren können, was bedeutet, dass sie das Jobcenter komplett in Eigenregie führen würde. Man hat sich aber für eine gemeinsame Einrichtung zusammen mit der hiesigen Arbeitsagentur entschieden - und damit für einen Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen.

„Die ersten fünf Jahre waren nicht einfach“, sagt Erwin Jordan, damals wie heute Sozialdezernent der Region und immer mit dabei, wenn es wieder einmal rummste. Man stritt um Personal, um die Kosten dafür und irgendwie immer auch um Einfluss. Das ging solange, bis die Region ernsthaft den Ausstieg erwog und doch noch die Optionskarte ziehen wollte. Dafür gab es in der Regionsversammlung sogar eine Mehrheit, aber nicht die erforderliche von zwei Dritteln.

Halb so viele Jugendliche ohne Job

Die Querelen sind überwunden, mittlerweile ziehen die Beteiligten an einem Strang. Das ist auch nötig. Zwar kann das Jobcenter durchaus auf Erfolge verweisen - etwa bei der Zahl der Arbeitslosen, die im Bereich der Jobcenter binnen zehn Jahren von 52.857 auf 37.334 zurückgegangen ist. Auch gibt es nur noch halb so viele Jugendliche ohne Job wie 2005. Auf der anderen Seite stehen aber diejenigen, die von derartigen Entwicklungen nur bedingt oder gar nicht profitieren. So zählt das Jobcenter 22.844 sogenannte Aufstocker; Männer, Frauen und Jugendliche also, die zwar arbeiten, aber dafür so wenig Geld bekommen, dass sie trotzdem auf staatliche Finanzhilfen angewiesen sind. Stark in den Fokus gerückt sind zuletzt Langzeitarbeitslose. Mit 57.922 Betroffenen stellen sie 70 Prozent aller Arbeitslosen im Raum Hannover; einen ähnlich hohen Anteil weist kaum eine andere westdeutsche Großstadtregion auf.

„Wir müssen den Betroffenen dauerhafte Perspektiven beschaffen und gesellschaftlich verkrustete Langzeitarbeitslosigkeit aufbrechen“, sagt Bärbel Höltzen-Schoh, Geschäftsführerin der Arbeitsagentur Hannover. Entsprechende Konzepte werden von Region und Arbeitsverwaltung gerade entwickelt. Jobcenter-Geschäftsführer Stier hat da ein Anliegen, sozusagen einen Geburtstagswunsch. „Es wäre schön, wenn die Personalentscheider in den Unternehmen unsere Klientel stärker berücksichtigen würden.“ Dazu beitragen könne auch, wenn sich ganz allgemein der Ruf der Jobcenter bessern würde und man diese nicht mehr als Bedrohung empfinde.

Interview mit dem Sozialdezernenten der Region

Das Jobcenter ist zehn Jahre alt geworden. Kann man von einer Erfolgsstory sprechen?

Ja, in Teilbereichen.

Was steht auf der Habenseite?

Wir haben uns zuerst mehr mit uns selbst beschäftigt, vor allem wegen der schwierigen Personallage. Diese Baustelle ist abgeschlossen. Positiv ist auch, dass die Zahlen der Arbeitslosen im Bereich der Jobcenter und die der arbeitslosen Jugendlichen deutlich gesunken sind, um Beispiele zu nennen.

Aber ...

... es gab mit der Arbeitsmarktreform und der Gründung der Jobcenter das Versprechen, den früheren Sozialhilfebeziehern bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu verschaffen und dadurch ihre Lage zu verbessern. Dieses Versprechen wurde nicht eingelöst. Für mich ist das mehr als nur ein Wermutstropfen.

Woran liegt es?

Es wird immer einen Personenkreis geben, dessen Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt äußerst gering sind. Auch für diese Menschen müssen wir mehr tun. Außerdem kämpfen wir mit Grundsatzproblemen.

Welche sind das?

Die Verhältnisse sind in Deutschland regional sehr unterschiedlich. Beispielsweise haben wir in der Region Hannover einen sehr hohen Anteil an Alleinerziehenden mit ihren speziellen Anforderungen und Problemen. Demgegenüber sind die Hilfsprogramme, die die Jobcenter anbieten dürfen, sehr stark durchreguliert. Wir brauchen mehr Beweglichkeit vor Ort und weniger übergeordnete Bürokratie.

Bürokratie ist ein gutes Stichwort. Hilfsempfänger klagen oft über den hohen Aufwand und den Papierkrieg, den sie führen müssen, um Leistungen zu erhalten. Kann man das vereinfachen?

Grundsätzlich ist die Materie kompliziert, und das spüren auch die Betroffenen. Es gibt aber durchaus Punkte, an denen man eingreifen sollte. Wir würden es sehr begrüßen, wenn ein Bescheid für einen Hilfsempfänger nicht mehr wie bisher sechs, sondern zwölf Monate gültig wäre. Das würde unseren Mitarbeitern mehr Zeit verschaffen, sich um den Bereich Arbeitsmarkt und Integration zu kümmern. Und es bedeutete weniger Stress für die Leistungsempfänger.

Was steht an?

Wir legen einen Schwerpunkt darauf, die Situation der Langzeitarbeitslosen zu verbessern. Klar ist, dass wir abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage sind. Letztendlich lautet die Kardinalfrage immer, ob überhaupt Arbeit da ist.

09.01.2015
Mathias Klein 11.01.2015