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Stadt Hannover Kälteeinbruch bringt Obdachlose in Gefahr
Aus der Region Stadt Hannover Kälteeinbruch bringt Obdachlose in Gefahr
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00:18 24.01.2019
Kältezeit: Wo schlafen Obdachlose in der City? Philipp, 20, sitzt am Abend auf dem Kröpcke und schläft dann irgendwo. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Philipp hat kein Alkoholproblem, der 20-Jährige hat ein Familienproblem. „Es klappt zuhause einfach nicht, ich habe schon viermal auf der Straße gelebt“, sagt der junge Mann mit der modischen Brille aus Bayern, der gerade erst in Hannover angekommen ist. Sein Lager hat er in der Bahnhofstraße in der Nähe des Kröpcke aufgeschlagen. „Leider hat mir irgendwer meine Isomatte geklaut, das dürfte ungemütlich werden bei dem Wetter.“

Tagsüber Dauerfrost und bitterkalte Nächte mit bis zu zweistelligen Minusgraden: Der Wintereinbruch bedeutet derzeit für viele Obdachlose in Hannover eine echte Gefahr. In Berlin ist am Wochenende ein Wohnungsloser tot auf einer Parkbank aufgefunden worden, in der Landeshauptstadt werden die Hilfsangebote für die Menschen ohne Dach über dem Kopf angeschoben. Johanniter, Malteser und Caritas haben ihr Angebot bezüglich der Einsätze von Kältebussen aufgestockt – mittlerweile sind die Fahrzeuge von montags bis freitags zwischen 17 und 20 Uhr vornehmlich rund um den Raschplatz und den Kröpcke unterwegs.

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„Bis zu 30 Prozent mehr Wohnungslose auf Hannovers Straßen“

„Wir verteilen nicht nur Schlafsäcke, Isomatten sowie heiße Getränke und Mahlzeiten, sondern leisten vor Ort auch soziale Arbeit“, betont Ramona Pold von der Caritas. Das bedeute, die Wohnungslosen auch mit Informationen zu versorgen – von Adressen der Notunterkünfte bis zu Anlaufstellen für Beratung oder im Krankheitsfall. „Wir schätzen, dass in diesem Winter bis zu 30 Prozent mehr Wohnungslose auf Hannovers Straßen unterwegs sind“, sagt Pold.

Viele von ihnen stammen aus Lettland und Polen, aber auch etliche Deutsche gehören zu der Gruppe der Obdachlosen. Viele Betroffene wollen bereits am frühen Abend eine Unterkunft aufsuchen, „die Nacht auf der Straße ist für die meisten keine Option“, so Pold. Allerdings seien auch immer mehr Menschen mit Tieren ohne Bleibe. „Und da etwa Hunde in den Notunterkünften nicht gestattet sind, müssen die Halter auch die Nächte draußen verbringen.“

So geht es Moni, die ihren Hund in Hamburg zurück gelasssen hat, weil er in keine Unterkunft durfte. Zusammen mit ihrem Freund hat sie ihr Gepäck bereits in einer Nische neben einem Geschäftseingang in der City abgestellt. „Allein würde ich niemals draußen schlafen.“ Claudia muss oft alleine auf der Straße übernachten. Die junge Frau ist drogenabhängig, „da kommt man nirgends rein.“ Und auch wenn sie nichts konsumiert habe, seien die Schlafplätze für Frauen schnell vergeben. „Ich habe nicht einmal mehr Schlafsack oder Isomatte.“ Die letzten vier Wochen hat sie mit verschleppter Lungenentzündung im Krankenhaus gelegen – „wenigstens warm und trocken.“

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Die Zentrale Beratungsstelle Wohnungslosenhilfe der Diakonie geht von rund 400 Menschen aus, die derzeit auf der Straße leben – etwa 4000 sind ohne feste Bleibe. Die Stadt hat zwar eine zusätzliche Unterkunft am Alten Flughafen in Vahrenheide mit 150 Plätzen für alle Personengruppen eingerichtet, viele Obdachlose aber scheuen Mehrbettzimmer und die damit verbundene Angst vor Übergriffen und Diebstahl.

Helfer: Notobdachstelle zu weit weg vom Schuss

Im Tagestreff Kompass an der Lister Meile weiß Sozialarbeiter Markus Herre, wer in dieser kalten Nacht irgendwo in der Stadt „Platte“ machen muss. „Wir haben viel zu wenig Fahrkarten für die Leute, die nach Vahrenheide fahren könnten.“ Er plädiert für einen Shuttle oder eine andere organisierte Mitfahrgelegenheit in die Notunterkünfte. „Viele sind nicht in dem Zustand, eigenständig dorthin zu gelangen,“ so Herre. Die Notobdachstelle sei einfach zu weit weg vom Schuss.

Seit Januar rollt der Bus der Caritas bis zum Ende der kalten Nächte jeweils am Dienstag, die Malteser fahren donnerstags zu den Obdachlosen der Stadt. Da die Johanniter mit ihrem Kältebus an den anderen Abenden auf Tour sind, ergibt sich eine lückenlose Hilfe von montags bis freitags. Während die Malteser mit einem Mannschaftswagen und ausgebildeten Sanitätern in die Kälte fahren, hat die Caritas neben Ehrenamtlichen auch einen syrischen Arzt als Helfer mit an Bord. Die Caritas setzt bei ihren Ehrenamtlichen auch auf ehemalige Obdachlose, die sich engagieren möchten und den Zugang zu den Hilfsbedürftigen erleichtern.

„Es ist wichtig zu wissen, dass wir mit den Bussen keine Obdachlosen einsammeln“, betont Pold. „Wir versorgen die Betroffenen vor Ort.“ Die Caritas hat jetzt zusätzlich die Öffnungszeiten im Tagestreffpunkt für Wohnungslose ausgeweitet und werktags bereits ab 7 Uhr geöffnet. „Der Winter 2017/2018 hat uns gezeigt, wie sehr diejenigen, die kein festes Zuhause haben, unter den kalten Temperaturen leiden. Diese Situation möchten wir nicht noch einmal erleben“, erklärt Andreas Schubert, Vorstand des Caritasverbandes in Hannover. „Die Menschen auf der Straße brauchen unsere Hilfe.“

Hilflose Personen direkt ansprechen

Wer draußen schläft, sucht sich Wärmeschächte, Hauseingänge oder steigt in die Tiefen der U-Bahn-Station Kröpcke hinab, um seinen Schlafsack auszurollen. Der Zentralen Wohnungslosenhilfe zufolge kann jeder Bürger insbesondere in den kommenden Tagen und Nächten den Obdachlosen helfen. Wichtig sei dabei, nicht einfach eine Geldspende zu geben, sondern den direkten Kontakt zu suchen. So kann man etwa nachfragen und die Betroffenen beispielsweise auf eine gemeinsame Erbsensuppe oder einen Cappuccino einladen. Voraussetzung ist, aufmerksam durch die Stadt zu laufen, um Hilfsbedürftige auch wahrzunehmen. Helfer sollten versuchen, die Situation und Hilflosigkeit der Betroffenen einzuschätzen, die Ansprechbarkeit prüfen und gegebenenfalls Hilfe rufen. Über die Notrufnummern 110 sowie 112 können professionelle Retter informiert werden. Bis diese eintreffen, sollte man bei dem betroffenen Menschen bleiben. sub

In den städtischen Anlaufstellen in Hannover sind derzeit rund 1246 Obdachlose untergebracht. Notschlafplätze für Männer und Frauen würden vorgehalten, die Zahl der Belegung variiere allerdings von Nacht zu Nacht. „Die Stadt hält Notschlafplätze vor, in denen Obdachlose – ohne die, für die anderen Unterkünfte erforderliche Zuweisung – übernachten können“, sagt Stadtsprecherin Michaela Steigerwald. Notschlafplätze gebe es derzeit in den Unterkünften Wörthstraße 10 (36 Plätze), Vinnhorster Weg 73 a (für Frauen), Langensalzastraße 17 (Frauen mit Kindern, 9 Plätze) sowie am Alten Flughafen. „Aufgrund der derzeitigen Kälte wurden die Öffnungszeiten von 17 Uhr bis 9 Uhr ausgeweitet“, erklärt Steigerwald.

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Von Susanna Bauch