"Karate-Werner" tot: Zugbegleiter trauern um Lieblingsfahrgast Werner Meyer
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"Karate-Werner" tot: Zugbegleiter trauern um Lieblingsfahrgast Werner Meyer

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14:05 27.01.2021
Kerzen und Blumen: Im Hauptbahnhof erinnert eine Gedenkecke an Werner Meyer.
Kerzen und Blumen: Im Hauptbahnhof erinnert eine Gedenkecke an Werner Meyer. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

In ganz Deutschland kannten sie „Karate-Werner“. Kaum ein Lokführer, keine Zugbegleiterin und kein Bahnhofsmitarbeiter, der nicht irgendwann einmal mit ihm geplaudert hätte. Er war ja auch schwer zu übersehen, der alte Herr mit den wallenden, weißen Haaren, der meist einen Karate-Anzug mit Dutzenden bunten Anstecknadeln trug.

Auch für viele Menschen in Hannover gehörte Werner Meyer, der früher meist mit einen Schäferhund an seiner Seite am Hauptbahnhof zu sehen war und oft Pfandflaschen auflas, zum Stadtbild. Ein Unikat war er. Eine schillernde Persönlichkeit. Ein Original, zuhause in der Welt der ICEs und der Bahnhöfe.

Wallende Haare und Karate-Anzug: So kannte man den verstorbenen Werner Meyer. Quelle: Kutter

Jetzt ist der Mann, der in einer kleinen Wohnung in der Schmiedestraße lebte, einen Monat vor seinem 79. Geburtstag gestorben – und sein Tod erschüttert viele Bahnbedienstete tief.

„Wir kannten ihn seit Jahren“

„Wir alle kannten ihn seit Jahren, er war unser Lieblingsfahrgast“, sagt Zugbegleiterin Vanessa Rohs. Mit einer Bahncard 100, die er sich das ganze Jahr über zusammen sparte, reiste der Rentner quer durch Deutschland. Der freundliche Mann, der von 1983 bis 2007 als Zusteller von HAZ und „Neuer Presse“ in der List gearbeitet hatte, speiste in DB-Lounges, durchstreifte die Bahnhöfe und reiste weiter.

Erinnerung an einen Reisenden: Die Gedenkecke im Hauptbahnhof. Quelle: Katrin Kutter

Seine Lieblingsstrecke fuhr er zeitweise täglich: Hannover-Berlin-Hamburg-München und wieder zurück. Mehr als 30 Jahre lang war er so auf Achse. Vielleicht, weil ihm die Züge eine Heimat waren. Vielleicht auch, weil man unterwegs weniger allein ist als daheim.

„Er war ein wunderbarer Mensch, für jeden aus unserer Bahnfamilie hatte er ein freundliches Wort“, sagt Zugbegleiterin Vanessa Rohs. Wenn andere Fahrgäste sich über Verspätungen beschwerten, blieb der Mann, der früher tatsächlich aktiver Karate-Sportler gewesen sein soll, gelassen. Um Weihnachten, so erzählte er einer Bahnmitarbeiterin, habe er einen Schlaganfall gehabt. Es ging ihm sichtlich schlecht. Seine letzte Reise trat er passenderweise in der Bahn an. In einem Zug im Münchener Hauptbahnhof brach er zusammen. Helfer versuchten noch, ihn am Gleis zu reanimieren – vergebens. Er starb am 22. Januar, 20.10 Uhr.

Ein Ort der Andacht mitten im Getümmel: die Gedenkecke für Werner Meyer im Hauptbahnhof. Quelle: Katrin Kutter

Kerzen und Blumen im Hauptbahnhof

In sozialen Netzwerken machte die Nachricht von seinem Tod rasch die Runde. Bei Facebook posteten Bahnbedienstete bewegende Worte: „Werner, wir sind uns sicher – in Gottes Händen schläft es sich schöner als in unseren Zügen“, schrieb ein Mitarbeiter. Spontan richteten Bahner und Bekannte von Werner Meyer eine kleine Gedenkecke im hannoverschen Hauptbahnhof ein, mit Blumen, Kerzen und Fotos.

Immer wieder legen Menschen an der Gedenkecke für Werner Meyer Blumen nieder. Quelle: Katrin Kutter

„Noch an seinem Todestag haben wir begonnen, Geld für einen Kranz zu sammeln, um ihm die letzte Ehre zu erweisen“, sagt eine Bahnmitarbeiterin. Eigentlich sollten 200 Euro zusammen kommen, binnen weniger Tage wurden dann rund 4000 Euro daraus. Sollten sich keine Angehörigen bei den Behörden in München melden, wollen Vanessa Rohs und ihre Mitstreiter davon die Beisetzung bezahlen. „In Hannover war seine Heimat, hier soll sein Grab sein, damit wir es pflegen können“, sagt sie. Einer, der immer unterwegs war, käme so zu einer würdigen Endstation.

Von Simon Benne