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Stadt Hannover „Es hat nicht mal Mut gebraucht“
Aus der Region Stadt Hannover „Es hat nicht mal Mut gebraucht“
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16:35 04.01.2019
Wiebke und Johannes Thomsen im Eingang ihres Eckkinos „Lodderbast“. Ihr Fazit nach einem Jahr: „Super. In jeder Hinsicht.“ Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Wenn nur drei Polstersessel besetzt sind, dann ist selbst Hannovers kleinstes Kino vom ausverkauften Zustand weit entfernt. Für diesen Tag war ein eher schwer zugänglicher Film angekündigt, entsprechend überschaubar war der Andrang. Doch auch drei Gäste können ein bunt gemischtes Publikum bilden. Zur Vorführung erschien nach Einschätzung von Betreiber Johannes Thomsen, der jeden Gast wie üblich per Handschlag begrüßte, „ein schwuler türkischer Tänzer, eine pensionierte Lehrerin und eine bisschen verhuschte Studentin“. Auch in diesem sehr sehr kleinen Lichtspieltheater mit nur 20 Plätzen hätte sich nun jeder Besucher separieren können, doch was taten sie? „Haben sich nebeneinandergesetzt und später Telefonnummern ausgetauscht.“

So stellten sich Johannes und Wiebke Thomsen ihr Unternehmen vor, als sie Anfang Januar 2018 die einzige Tür ihres Betriebs öffneten. „Lodderbast“, das Eck-Kino mit Bier und Buletten an der Berliner Allee, soll ein intimer Ort sein, wo Menschen ins Gespräch kommen und nicht in anonymer Menge vor, während und nach einem Film durch Smartphones zappen. „Hier ist man gleich mit anderen zusammen“, sagt Wiebke Thomsen. Das stimmt erstens schon aus baulichen Gründen, denn es gibt kein Foyer und natürlich kein Kassenhäuschen. Wer das kleine Kino betritt, steht praktisch in der ersten Reihe.

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Zweitens begrüßt Johannes Thomsen im persönlichen Stil des Hauses, „wir duzen eisern“. Das führt bei älteren Besuchern schon mal zu Irritationen. Wiebke Thomsen erzählt von verschlosseneren Gästen, „die sich vielleicht überrumpelt fühlen, aber manche haben wir auch geknackt“. Das merken die beiden zum Beispiel daran, dass im Kino heimisch gewordene Besucher selber an den Kühlschrank gehen, um ein zweites Bier zu holen.

Nach einem Jahr „Lodderbast“ haben die Thomsens nun Bilanz gezogen. 5000 Besucher sind gekommen, etwa zehn pro Vorstellung. Das Kino trage sich inzwischen, auch wenn 40 Prozent jeder verkauften Eintrittskarte an den Filmverleih geht. Oft gibt es zwei Vorstellungen am Tag. Für mittwochvormittags haben sie sich eine Art Babytag ausgedacht, dann kommen meist Mütter, sehen einen Film und passen gleichzeitig auf ihr Kind auf. Es gibt Kooperationen mit Eisfabrik und der Cumberlandschen Galerie. Und die Thomsens haben überraschend bemerkt, dass an Sonnabenden nicht viele Leute kamen, deshalb ist Sonnabend, eigentlich ein weltweiter Ausgehtag, das „Lodderbast“ zu.

Einmal sorgte das Kino sogar für eine Debatte in der Stadt, die sich zum Teil in scharfem Ton gegen die Kinobetreiber selbst wandte. Die Thomsens glaubten, eine Diskussionsrunde zum Rockerfilm „Easy Rider“ mit Steintor-König und Motorradfahrer Frank Hanebuth besetzen zu müssen. Geht das? Oder war das nur eine billige Provokation zu Werbezwecken? Die Meinungen gingen auseinander. Heute, sagt Johannes Thomsens, würden wir Hanebuth wieder einladen, „aber wir würden es auch kritischer kommunizieren“.

Eine Zeit lang war das „Lodderbast“ nur eine Idee in den Köpfen der heutigen Betreiber. Wiebke Thomsen hatte einen Job in Berlin, wo die frühere Mitarbeiterin der Raschplatz-Kinos in Wedding ebenfalls ein Kino führt, Johannes Thomsen war Werbetexter. Der Sprung in die Selbstständigkeit war deshalb abgefedert, zudem gab es Unterstützung von regionaler Wirtschaftsförderung und Arbeitsagentur. Das Risiko, mit dem Projekt zu scheitern, hielten sie für überschaubar. Ihre übereinstimmende Meinung: „Das Schlimmste, was hätte passieren können, wenn das Kino nicht funktioniert: Schulden, die man mit einem normalen Arbeitsverhältnis abbezahlen könnte. Es hat nicht mal Mut gebaucht. Man muss nur so leben wollen.“

Deshalb entschieden sie sich damals, keine Eigentumswohnung zu kaufen, sondern „mit dem ’Lodderbast’ für Eigentumsjobs“. In der Mietwohnung ist jetzt unten Kino und Wohnzimmer, darüber wohnt das Paar auf nicht sonderlich viel Platz. Ihre alten Jobs haben sie behalten.

Von Gunnar Menkens

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