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Stadt Hannover 40.000 Fans feiern Phil Collins
Aus der Region Stadt Hannover 40.000 Fans feiern Phil Collins
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00:22 17.06.2019
Phil Collins bringt sein Konzert in Hannover im Sitzen über die Bühne. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Phil Collins stützt sich auf einen Stock, während er langsam zu seinem Platz geht. „Good Evening Hannover“, ruft er den 40.000 Fans im Stadion zu, nachdem er seinen Stuhl und das Mikro erreicht hat. Rechts von ihm ein kleiner Tisch mit Wasserflasche. Dann erklärt er das Offensichtliche: „Foot is fucked.“ Langes Stehen hält er nicht aus. Collins singt jetzt im Sitzen.

Was hat ihn nur so ausgebremst? 68 ist er mittlerweile, eigentlich kein Alter. In den Achtzigern war niemand agiler als er. Er war, so schien es, überall dabei und immer mittendrin. Er war der Überschall-Popstar. 1985 trat er – dank eines Fluges mit der Concorde – beim Live-Aid-Konzert sowohl in London als auch in Philadelphia auf.

Humor und Singen hilft

Wer seine Autobiografie „Not Dead Yet“ gelesen hat, kennt die Krankengeschichte. Seit einer Rücken-OP hat Collins kein Gefühl mehr im rechten Fuß. Schlagzeug spielt er nicht mehr, weil er die Stöcke nicht mehr fest genug halten kann. Seit einer Virusinfektion ist er auf dem linken Ohr halb taub. Aber ganz taub sei er ja nicht, schreibt er. Und auch noch nicht tot. Humor hilft. Singen auch.

Die Stimme, darauf kommt es letztlich an, ist intakt. Irgendwie passt das Sitzen auch zur Musik. Einige seiner beliebtesten Songs sind ja softer Sofarock. Los geht’s mit zwei Sofarock-Superhits: „Against All Odds (Take a Look at Me Now)“ und „Another Day in Paradise“.

Die Bilder des Abends

„Oh think twice, it’s another day for you and me in paradise.“ Hannover singt sich ein; und jeder, der in den Achtzigern dabei war, weiß, dass Collins noch jede Menge Greatest Hits in petto hat. Von sich und von Genesis. Schon Lied fünf und sechs sind von seiner legendären Band: „Throwing It All Away“ und „Follow You Follow Me“.

„I will follow you. Will you follow me?“ Na klar! Das Publikum hat voll Lust auf Collins, noch dazu bei diesem perfekten Open-air-Wetter. Vermutlich sind viele Fans sogar ein wenig ergriffen. Es ist bewundernswert, dass der 68-Jährige mit seinen Handicaps so offen umgeht und seine Zerbrechlichkeit zeigt. Er macht das Beste draus. In Wahrheit ist er gar kein Überschallmensch, sondern genauso verletzlich wie jeder der 40:000, die ihm hier zujubeln.

Zum zwölften Mal tritt er bereits in Hannover auf. Das Zusatzkonzert am Sonnabend, auch Sheryl Crow singt dann ihren lässigen, sonnigen Flower-Power-Rock wieder im Vorprogramm, wird die 13. Show sein.

Drei gescheiterte Ehene, fast totgesoffen

Man kann sich gut vorstellen, dass Collins Comeback Teil einer Selbstrettungsstrategie ist. Nach drei gescheiterten Ehen hatte er sich vor Schuldgefühlen und Einsamkeit fast tot gesoffen. Die Trennung von seinen fünf Kindern, die bei ihren Müttern lebten, konnte er kaum ertragen.

Mit seiner dritten Frau Orianne ist er inzwischen wieder zusammen. Sohn Nicholas, 18 Jahre alt, spielt heute in der Band seines Vaters Schlagzeug. Er hält mit den langjährigen Collins-Weggefährten wie Gitarrist Daryl Stuermer und Bassist Leland Sklar locker mit. Bei seinem Drum-Duell mit dem Percussionisten Richie Garcia steigt der Vater mit einer Mini-Cajón kurz mit ein. Man sieht Phil an, wie stolz er auf Nic ist. Die Show ist offensichtlich für ihn auch eine Vater-Sohn-Aktion.

Es klingt so schön nach Achtzigern

Irgendwann in den Neunzigern wurden es immer mehr, die den allgegenwärtigen Collins nicht mehr hören konnten; so wie man auch keinen Bock mehr auf Buntfaltenhosen hatte. Nun, die meisten im Publikum sind im nostalgiefähigen Alter, ist es anders. Einige Lieder gehören zum Soundtrack des eigenen Lebens. Ein Titel ganz besonders: „In The Air Tonight “ vom Solodebüt „Face Value“. Kein anderer Song klingt so schön nach Achtzigerjahren.

Collins bringt ihn nach Zweidritteln des Konzertes. Die Bühne leuchtet in tiefem Lila. Zuerst hört man den Plastik-Beat, einst von einem der ersten Drumcomputer erzeugt. Dann schiebt sich die verzerrte Gitarre ins Intro wie eine unüberwindbare Mauer. Schließlich setzt der dunkle, kühle Synthesizer ein. So klingt für Collins Trennung. Voller Wut hatte er den Song 1981 seiner ersten Frau Andrea hinterhergesungen, nachdem sie ihn verlassen hatte. Das berühmte Drum-Break spielt jetzt Nic. Er ist wie sein Vater ein Powerdrummer.

„Die Menschen hassen Trennungen, aber sie lieben Trennungssongs“, schreibt Collins in seinem Buch. Er ist Experte in beidem und besingt das traurige Thema Verlust an diesem Abend häufig. Dem ziemlich pathetischen „Separate Lives“ folgt das fetzige„Something Happened on the Way to Heaven“. Die tollen Bläser verzieren Collins Pop mit funkelnden Soul-Girlanden. Bei „You Know What I Mean“ begleitet Nic den Vater auf dem Klavier.

Wie es zu den Trennungen kam, ist ihm heute klar. In seinem Buch gibt er sich geläutert. Seine extrem erfolgreiche Doppel-Karriere als Genesis-Frontmann und Solokünstler beschreibt er als einen einzigen Egotrip. „Die Musik hat mir alles gegeben, aber auch alles genommen.“

Nach „In The Air Tonight “ folgen die Fetenhits. Die Schlussgerade beginnt mit dem Supremes-Cover „You Can’t Hurry Love“. Dann „Dance Into the Light“ und der Genesis-Knaller „Invisible Touch“. Fast alle im Stadion stehen jetzt und tanzen. Und Collins? Der groovt im Sitzen.

Von Mathias Begalke

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