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Stadt Hannover 15 Füchse für einen Mantel: Müssen Pelzträger ein schlechtes Gewissen haben?
Aus der Region Stadt Hannover 15 Füchse für einen Mantel: Müssen Pelzträger ein schlechtes Gewissen haben?
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16:02 11.10.2019
Christian Larisch ist Kürschnermeister und verkauft seine Pelzmode mit seiner Lebensgefährtin Andrea Zemann an der Marienstraße. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

25 bis 30 Marder brauchen Christian Larisch und seine Mitarbeiter, um aus den Fellen einen flauschigen Mantel zu schneidern. Für ein Exemplar aus Fuchsfell werden etwa 15 Tiere benötigt. Obwohl von außen keine Naht am Mantel zu sehen ist, kann Larisch an der Haarschattierung genau erkennen, wie viele Füchse für diesen Mantel aneinandergenäht wurden.

Die Kellerwerktstatt des Kürschnerbetriebs Fur+Fashion an der Marienstraße ist ein skurriler Ort: Auf einem Tisch liegt das, was später mal ein Mantel aus Marder werden soll. Die einzelnen Felle sind bereits kirschrot gefärbt angeliefert worden. Die kleinen Pfoten sind noch dran. Schwer vorstellbar, dass eines dieser Tiere zu Lebzeiten als Fuchs durch den Wald gestreift ist. In Regalen lagern Kisten, die mit „Iltis“ oder „Kanin“ beschriftet sind, und in denen die entsprechenden Fellteile aufbewahrt werden. Darunter sind auch Felle vom Zobel, der wertvollste Stoff des hannoverschen Kürschners.

Christian Larisch ist Kürschnermeister und verkauft seine Pelzmode mit seiner Lebensgefährtin Andrea Zemann an der Marienstraße.

Ein Zobelmantel kostet 20.000 Euro

Eine Etage darüber, im Verkaufsraum des Luxusgeschäfts, hängt ein Pelzmantel, der aus den Edelmardern geschneidert ist. 20.000 Euro soll er kosten. Mit diesem Ferrari unter den Kleidungsstücken durch Linden, in den nächsten Discounter oder in eine verrauchte Fußballkneipe zu gehen, wäre eine Provokation. Das weiß auch Kürschnermeister Larisch: „Wer so einen Mantel trägt, bewegt sich in entsprechenden Kreisen“, sagt er. Er spielt auf das Klischee von aufgetakelten Damen fortgeschrittenen Alters an, die ihre flauschigen Mäntel im Schweizer Luxus-Skiort St. Moritz zur Schau tragen. „Pelze sind ein Nischenprodukt aus dem Luxusbereich. Sie erzeugen Neid“, sagt Larisch.

Langlebig und kostspielig: Diese Mäntel aus Zobel kosten bis zu 20.000 Euro. Quelle: Katrin Kutter

„Wir wurden als Tiermörder beschimpft“

Für den Deutschen Tierschutzbund und Organisationen wie Peta oder Vier Pfoten sind Pelzträger wie auch Produzenten ein rotes Tuch. Als der 53-jährige Christian Larisch die erste Filiale von Fur+Fashion vor genau zehn Jahren gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Andrea Zemann im Zooviertel eröffnete, protestiere eine Gruppe von Tierschützern vor dem Geschäft. Mit dem Umzug an die Marienstraße vor fünf Jahren legten die Aktivisten noch eine Schippe drauf: Kunden wurden beim Betreten des Ladens fotografiert, so der Unternehmer. Ein Foto von Larischs damals elfjährigem Sohn sei sogar auf der Internetseite einer der Tierschutzorganisationen gelandet. „Nach der Eröffnung wurden wöchentliche Mahnwachen vor dem Geschäft abgehalten. Wir wurden als Tiermörder beschimpft“, erzählt er.

Damit Pelze weich und glänzend sind, werden sie in einer Maschine geglättet. Quelle: Katrin Kutter

Unwahrscheinlich, dass solche Aktionen bei der Eröffnung eines Lederwarengeschäfts über die Bühne gehen würden. „Kleidung, an der noch Haare sind, ist verpönt“, glaubt Larisch. Über viele Jahre haben sich Tierschützer gegen die dramatischen Zustände in deutschen Pelztierfarmen eingesetzt: Nerze, Füchse und andere Tiere, die in Käfigen auf engstem Raum gehalten werden, nur um nach einem kurzen Leben für einen Mantel aneinandergenäht zu werden. Laut Vier Pfoten wurden vor 30 Jahren noch 800.000 Pelze in deutschen Farmen produziert. Dieses Jahr hat wegen der strengen Vorschriften und Veterinäramtskontrollen die letzte Pelztierfarm in der Bundesrepublik geschlossen. Längst vorbei sind auch die Zeiten, in denen Leoparden, Panther und andere Wildtiere für die Pelzproduktion gejagt wurden. „Sowas wollen unsere Kunden überhaupt nicht tragen“, sagt Zemann.

„Es wird so viel verwendet, wie es nur geht“

Müssen Pelzträger trotzdem ein schlechtes Gewissen haben? „Kürschner ist wahrscheinlich das älteste Handwerk der Geschichte“, sagt Larisch. Pelze sind seit Beginn der Menschheit das Ende einer Wertschöpfungskette: Nach der Jagd wurde das Fleisch gegessen, und das Fell zu Kleidung verarbeitet und getragen. So arbeitet das Unternehmen auch heute noch: Lammfelle bezieht Fur+Fashion aus der Fleischindustrie. Nerze, Füchse und Marder werden bei der Jagd geschossen – die wertvollen Stoffe werden bei Auktionen verkauft. „Wir schmeißen nichts weg. Es wird so viel verwendet, wie es nur geht“, sagt Andrea Zemann.

Traditionelles Handwerk, traditionelles Werkzeug: Kürschner arbeiten größtenteils per Hand. Quelle: Katrin Kutter

Pelze mögen als protziges Statussymbol gelten – dass sie biologisch komplett abbaubar sind, ist unbestritten. „Trage ich Klamotten aus Plastik oder Jeans, für deren Produktion unglaublich viel Wasser benötigt wird? Oder nutze ich Stoffe aus der Natur?“, fragt Larisch. Und so findet Pelzmode seinen Platz in der heutigen Zeit: als besonders nachhaltige und umweltschonende Kleidung.

So kommen inzwischen immer mehr junge Menschen in das Geschäft. Viele haben den Mantel ihrer Eltern oder Großeltern für sich entdeckt, wollen ihn reparieren lassen und tragen. „Die Leute haben eine ganz emotionale Bindung zu diesen Stücken“, sagt Zemann. „So ein Mantel begleitet einen das ganze Leben lang.“

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