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Stadt Hannover Bezirksrat tauft Wohnstraße Neutral-Moresnet
Aus der Region Stadt Hannover Bezirksrat tauft Wohnstraße Neutral-Moresnet
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00:19 17.06.2019
Siegfried Egyptien vor dem Eingang zum künftigen Neutral-Moresnet. Der nächste Schritt: Siegfried Egytien möchte nun auch die Bushaltestelle Freboldstraße in Neutral-Moresnet umbenennen. Im Juni wird darüber im Bezirksrat abgestimmt. Quelle: Mario Moers
Davenstedt

Waren Sie schon einmal in Neutral-Moresnet? „Neutral was?!“, dürfte die Antwort der allermeisten Menschen lauten – sogar derjenigen, die direkt entlang Neutral-Moresnet wohnen. Mit der Benennung eines bislang namenlosen Weges in Neutral-Moresnet hat der Bezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt jüngst einen der wohl kuriosesten Straßennamen in Hannover beschlossen.

Ein Kuriosum der Geschichte

Etwa 400 Meter lang ist Neutral-Moresnet. Die Grünverbindung im Westen Davenstedts ist gespickt mit Bäumen und Sträuchern – es gibt Bänke und einen Spielplatz. Bislang gab es nichts Ungewöhnliches zu entdecken in dem beschaulichen Wohngebiet nördlich der Bushaltestelle Freboldstraße.

Das ändert sich nun. Verantwortlich dafür sind der 64-jährige Bezirksratsherr Siegfried Egyptien und sein großes Interesse an einem Kuriosum der europäischen Geschichte, genauer gesagt an dem historischen Kleinststaat Neutral-Moresnet. Der existierte von 1816 bis 1919 südlich von Aachen, war nur etwas mehr als drei Quadratkilometer groß und ist seitdem in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, wie offenbar nicht nur der Piratenvertreter Egyptien findet. Einstimmig beschloss der Bezirksrat, nach einigem Schmunzeln und vermutlich ausgiebigem Googeln des seltsamen Namens, dem leidenschaftlich vorgetragenen Widmungsantrag Egyptiens zuzustimmen.

Zwischen Belgien, den Niederlanden und Preußen lag von 1916 bis 1919 Neutral-Moresnet. Quelle: Mario Moers

Otto von Emmich brachte den Krieg

Das echte Neutral-Moresnet entstand infolge der Neuaufteilung Europas nach dem Wiener Kongress (1815). Weil die Niederlande und Preußen sich nicht einig wurden, wem eine Erzmine auf dem Territorium gehören sollte, entschied man, das ganze Dorf samt Umgebung zur staatenlosen Zone zu erklären. Und weil in Neutral-Moresnet lange keine Wehrpflicht herrschte, wurde es schnell ein Zufluchtsort für viele junge Männer, die den Frieden dem Dienst an der Waffe vorzogen. Neben dem Abbau von Zinkspat gehörte der schwungvolle Handel mit Alkohol dort zu den blühenden Geschäften. 71 Schnapsbrennereien und entsprechend viele Kneipen gab es zeitweise. 1907 unternahmen Anhänger der Plansprache Esperanto den Versuch, in dem Zwergstaat einen eigenen Esperantostaat zu bilden. „Amikejo“ (Ort der Freunde) sollte er heißen. „Das mit dem Esperantostaat gelang nicht, aber hier bei uns ist aus der Grünverbindung mit ihren Sträuchern, Bäumen, Bänken und dem Spielplatz ein Ort für Freunde geworden“, sagt Egyptien, der nicht zufällig selber aus Aachen stammt.

Das Wappen des heutigen Ortes Kelmis erinnert an die Geschichte. Der preußische Adler trifft hier auf den Löwen (Belgien) und Werkzeuge aus dem Bergbau. Quelle: Mario Moers

„Aber warum in Hannover?“, fragte ihn neulich die Aachener Zeitung, die umfangreich über die Straßenbenennung berichtete. Schließlich gebe es, schreibt die Zeitung, im neuen Neutral-Moresnet „kein Spielcasino, keinen Puff und keine illegale Schnapsbrennerei, höchstens im angrenzenden Kleingartenverein gern mal einen Korn“.

Das größte Bauwerk in Neutral-Moresnet war eine Eisenbahnbrücke. Sie wurde unter deutscher Aufsicht von Zwangsarbeitern errichtet. Quelle: Mario Moers

Ein bisschen Anarchie

Für Egyptien steht das entmilitarisierte und neutrale Territorium für eine positive Anarchie. „Wir haben das Glück, eigentlich gar nicht regiert zu werden. Ich hoffe im Interesse der Bürger, dass dieser Zustand erhalten bleibt“, zitiert er den ehemaligen Bürgermeister von Neutral-Moresnet, Hubert Schmetz. Dass in dem Zwergstaat de facto der Betreiber der Erzmine regierte, Gewerkschaftsverbot galt und ausgerechnet der Namensgeber der ehemaligen Emmich-Cambrai-Kaserne (heute Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne) das Ende des Landes besiegelte, lässt er dabei nicht unerwähnt. Am 4. August 1914 besetzten deutsche Truppen des Generals Otto von Emmich Neutral-Moresnet, nach fast hundert Jahren Frieden.

„Von daher ist die Namensgebung eine Erinnerung und Mahnung und ein Bekenntnis zu Europa“, sagt Egyptien. Beschwingt durch seinen „historischen“ Erfolg im Bezirksrat hat er nun auch die Umbenennung der Bushaltestelle Freboldstraße in Neutral-Moresnet und die Aufstellung zahlreicher Infotafeln und Hinweisschilder beantragt.

„Ich möchte bloß wissen, was die Anwohner zu diesem bescheuerten Namen sagen“, kommentiert der parteilose Bezirksratskollege Thomas Alfermann die neuen Anträge. Über sie wird in der Juni-Sitzung des Gremiums am 13. Juni abgestimmt.

Der nächste Schritt: Siegfried Egyptien möchte nun auch die Bushaltestelle Freboldstraße in Neutral-Moresnet umbenennen. Im Juni wird darüber im Bezirksrat abgestimmt. Quelle: Mario Moers

Von Mario Moers

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