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Stadt Hannover Vergewaltiger von dementer Seniorin zu Haftstrafe verurteilt
Aus der Region Stadt Hannover Vergewaltiger von dementer Seniorin zu Haftstrafe verurteilt
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16:47 13.06.2019
Torsten F. (l.) wird von Rechtsanwalt Roland Kogge vertreten. Dieser wird möglicherweise Revision einlegen. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Das Landgericht Hannover hat einen 43 Jahre alten Mann, der psychisch krank ist, wegen einer Vergewaltigung und zwei Fällen sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Außerdem ordnete die 18. Große Strafkammer die Einweisung von Torsten F. in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses an. Der aufgrund eines Verkehrsunfalls hirnorganisch geschädigte Täter hatte während der Weihnachtstage 2018 in einem Kirchröder Pflegeheim eine 83-jährige, demente Bewohnerin vergewaltigt; außerdem hatte er diese Frau sowie eine 84-jährige ebenfalls demente Heimbewohnerin in ihren Betten unsittlich berührt.

Der Vorsitzende Richter Patrick Gerberding beantwortete die mehrfach gestellte Frage, ob F. den geistigen Zustand und die Willenlosigkeit seiner Opfer erkennen konnte, mit einem „klaren Ja“. Der im Rollstuhl sitzende Angeklagte spreche zwar sehr verlangsamt, habe aber durch seine Äußerungen im Gerichtssaal bewiesen, dass seine Intelligenz und seine kognitiven Fähigkeiten ausreichten, der Verhandlung adäquat zu folgen.

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Tatort war das Zimmer des Täters

„Allerdings sind Sie aufgrund Ihrer Hirnschädigung unfähig, eigene Bedürfnisse aufzuschieben oder davon abzulassen“, erklärte Gerberding mit Blick auf den Täter. F. sei am 24. Dezember in starkem Maße sexuell enthemmt gewesen, als er die 83-Jährige in seinem Zimmer vergewaltigte. Neben einem Teilgeständnis hatte ein Spermafleck auf dem Nachthemd des Opfers zur Aufklärung der Tat beigetragen.

Im Verlauf des Prozesses war aufgrund der Aussagen einiger Pflegerinnen aus dem zum Birkenhof gehörenden Anna-Meyberg-Haus deutlich geworden, dass F. seit August 2018 – damals war er nach zahlreichen Zwischenfällen in den Wahrendorffschen Anstalten in die Bleekstraße umgezogen – bereits mehrfach übergriffig gegen ältere Bewohnerinnen des Pflegeheims geworden war. Heimleitung und Personal hatten diese Vorfälle bis zur Vergewaltigung der 83-Jährigen entweder ignoriert, hingenommen oder nur halbherzig unterbunden. Eine Fortbildung zum Thema „Sexualisierte Gewalt in der Pflege“ wurde von der Einrichtung erst 2019 angeboten – nach den polizeilichen Ermittlungen.

Viele Jahre Psychiatrie

Richter Gerberding wies in seiner Urteilsbegründung zudem darauf hin, dass die Aufnahme des 43-Jährigen im Anna-Meyberg-Haus von vornherein unangebracht gewesen sei. So war F. schon häufiger durch Gewaltausbrüche aufgefallen, lebte in der Bleekstraße aber in einem Wohnbereich mit vielen älteren, schwer kranken und hilflosen Frauen.

Die Kammer kam zu dem Schluss, dass die Unterbringung von F. im Maßregelvollzug alternativlos ist. Seine Hirnschädigung sei sicher nicht rückgängig zu machen, aber verhaltenstherapeutische Maßnahmen könnten seinen Zustand verbessern. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wird der Täter aber nicht ins Gefängnis wandern, sondern die Zeit seiner Haftstrafe – und möglicherweise noch viele Jahre mehr – in der Psychiatrie verbringen.

Von Michael Zgoll