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Stadt Hannover Leibniz-Professur droht das Aus
Aus der Region Stadt Hannover Leibniz-Professur droht das Aus
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20:41 08.10.2014
Von Simon Benne
Ist derzeitiger Inhaber der Leibniz-Professur: der Germanist Wenchao Li. Quelle: Martin Steiner (Archiv)
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Hannover

Sein Todestag soll im ganz großen Stil begangen werden: Am 14. November 2016 jährt sich das Sterben von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) zum 300. Mal. Bereits jetzt ist ein Marathon aus Festveranstaltungen und Lesungen geplant; allein zu einem Kongress im Juli des Jahres werden rund 350 Leibniz-Forscher aus 30 Ländern erwartet, um Hannovers größtem Gelehrten die Ehre zu geben. Doch ausgerechnet jetzt droht einem Projekt, das Leibniz’ Denken in Hannover lebendig hält, das Aus: Die Zukunft der 2010 eingerichteten Leibniz-Professur ist ungewiss.

Vor gut vier Jahren wurde der Lehrstuhl mit dem aus China stammenden Leibniz-Experten Wenchao Li besetzt. Das Budget der Stiftungsprofessur – jährlich rund 400.000 Euro – übernahm zur Hälfte AWD-Gründer Carsten Maschmeyer, den Rest teilten sich Stadt und Leibniz Universität. Im Juni 2015 läuft die Professur nun aus. Ob sie sich weiter finanzieren lässt, ist unklar: „Wir sind in Gesprächen mit Uni und Land. Alles ist offen“, sagt Oberbürgermeister Stefan Schostok.

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Li hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an Vorträgen, Symposien und Veröffentlichungen zu Leibniz organisiert. „Er ist unglaublich rührig, ein echter Glücksfall“, sagt Leibniz-Biograf Eike Christian Hirsch. Auch Rolf Wernstedt, Präsident der Leibniz-Gesellschaft, bricht eine Lanze für Li: „Er hat sich einen Namen gemacht“, sagt er. Zudem habe Li die Planungen für das Leibniz-Jahr 2016 maßgeblich mitgestaltet. Der Professor selbst stünde für eine Verlängerung bereit: „Gerade mit Blick auf das Jubiläum wäre es eine Herausforderung und eine Ehre für mich“, sagt er.

Allerdings war es ursprünglich beabsichtigt, den Posten alle fünf Jahre unter Forschern verschiedener Disziplinen – Philosophen, Mathematikern, Historikern – rotieren zu lassen, um der Komplexität von Leibniz’ Denken gerecht zu werden. Und im Rathaus heißt es, Li sei nicht genug auf den Rat zugegangen: „Einige haben den Eindruck, dass seine Arbeit zuletzt in der Stadt weniger wahrgenommen wurde als zu Anfang“, sagt Oliver Kiaman (CDU). „Ohnehin wird es ohne Maschmeyers Unterstützung schwer, die Professur fortzuführen.“ Auch Lothar Schlieckau (Grüne) verweist auf die finanziellen Engpässe bei der Stadt: „Wir werden Maschmeyers Anteil sicher nicht übernehmen“, sagt er. „Wir hätten nichts dagegen, wenn das Land die Stiftungsprofessur zu einer planmäßigen Professur machen würde.“ Diese müsste nämlich vom Land finanziert werden.

Tatsächlich sind derzeit mehrere Szenarien denkbar: Die Leibniz-Uni könnte die Finanzierung wenigstens bis zum Jubiläumsjahr aus ihrem Etat allein übernehmen. „Es gibt intensive Anstrengungen, die Stiftungsprofessur zumindest bis Ende 2016 zu verlängern“, sagt Universitätssprecherin Mechthild von Münchhausen. Oder es gelingt, doch noch einen potenten Sponsor zu finden, der die Professur langfristig sichert. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn sich die Stifter oder andere engagierte Personen dafür begeistern könnten“, sagt von Münchhausen. Optimistisch klingt das nicht.
Und so könnte Hannovers größter Gelehrter wieder einmal recht behalten: „Es gibt keinen endlichen Geist, der von der Materie absolut frei wäre“, schrieb Leibniz vor mehr als drei Jahrhunderten. Das nimmt sich aus wie die philosophische Quintessenz dieser Debatte um Gelehrsamkeit und Geld.

Wenchao Li

Derzeitiger Inhaber der Leibniz-Professur: Wenchao Li wurde 1957 in China geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie, Linguistik und Politologie in Xi’an, Peking, Heidelberg und Berlin. Nach Promotion und Habilitation an der FU Berlin hatte er mehrere Gastprofessuren inne. Seit 2007 arbeitet er in der Potsdamer Leibniz-Editionsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Neben seiner Leibniz-Professur in Hannover hat er auch das Amt des Schriftführers der Leibniz-Gesellschaft inne.

Tagung zu Leibniz

Eine internationale Tagung, veranstaltet von Stiftungsprofessor Wenchao Li, beschäftigt sich von heute bis 11. Oktober im Leibizhaus mit der Monadenlehre, die der Universalgelehrte vor genau 300 Jahren verfasste. Dazu kommen 30 Forscher aus elf Ländern nach Hannover. Unter anderem stehen Vorträge zu philosophischen, künstlerischen und soziologischen Aspekten der Lehre auf dem Programm.

Als Monade bezeichnete Leibniz das Nicht-Materielle eines jeden Lebewesens. Am Donnerstag, um 18.30 Uhr, spricht Prof. Patrick Riley von der Harvard University in einem öffentlichen, englischsprachigen Vortrag über die Monadenlehre als Gerechtigkeitstheorie. Informationen gibt es unter der Telefonnummer (05 11) 76 21  75 39. Das komplette Programm findet Sie auch hier

Andreas Schinkel 08.10.2014
Andreas Schinkel 08.10.2014