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Stadt Hannover Leibniz-Uni klagt: Firmen setzen uns unter Druck
Aus der Region Stadt Hannover Leibniz-Uni klagt: Firmen setzen uns unter Druck
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20:57 25.06.2017
„Unternehmen drohen mit Entzug von Forschungsgeldern“: Volker Epping, Präsident der Leibniz-Uni. Quelle: Archiv/M
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Hannover

„Unternehmen wie VW, Bosch und Audi schreiben großflächig Doktorandenprogramme aus, obwohl sie nicht das Promotionsrecht haben“, kritisierte Uni-Präsident Volker Epping im Gespräch mit der HAZ. Die drei genannten Firmen stünden dabei beispielhaft für viele Unternehmen.

„Die Unternehmen legen die Themen für Promotionen fest und fordern ihre Bewerber auf, sich daraufhin einen Doktorvater zu suchen“, sagte Epping. Aus seiner Sicht müssten die Themen hingegen an den Universitäten entstehen oder dort gemeinsam mit der Industrie entwickelt werden. Auch sollten Doktoranden zuerst einen Doktorvater finden. Danach könne man mit Firmen über Kooperationen sprechen. Man sei nicht bereit, „ausschließlich als Abstempler von Promotionsurkunden zu dienen“.

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Firmen hätten mit Entzug von Forschungsgeldern gedroht, um ihre Themen durchzusetzen: „Professorinnen und Professoren fühlen sich durchaus unter Druck gesetzt, dass Drittmittel gekürzt oder gestrichen werden, wenn Promotionsthemen nicht akzeptiert werden.“ Zudem hätten Unternehmen versucht, Hochschulen im Rahmen der Promotionen Verträge mit Geheimhaltungsvorschriften aufzudrängen, die mit dem „notwendigen transparenten wissenschaftlichen Diskurs“ unvereinbar seien.

Epping steht nicht allein mit seiner Kritik. Die TU 9, ein Zusammenschluss neun technischer Unis, veröffentlichte vor Kurzem einen Brief mit ähnlichen Vorwürfen. Die Promotionsthemen der Industrie werden darin als „Kuckuckseier“ bezeichnet, die man sich nicht „ins Nest legen“ lassen wolle.

Zahlreiche Konzerne rekrutieren gezielt Doktoranden. Diese werden meist für rund drei Jahre angestellt. Sie sollen üblicherweise die Hälfte ihrer Arbeitszeit für die Promotion nutzen. In Stellenbörsen beschreiben viele Firmen ihre Promotionsthemen detailliert. VW etwa sucht einen Doktoranden für die „Entwicklung von innovativen Konzepten für die Einführung und Ausbreitung von AR-Methoden in der Nutzfahrzeugentwicklung“.

VW wies die Vorwürfe zurück. Man schreibe Themengebiete aus, keine Promotionsthemen. Außerdem verlange man vor Einstellung „eine Betreuungszusage und eine bestätigte Themenabgrenzung des Professors“. Dissertationen würden nicht geheim gehalten. Geheimhaltungsvereinbarungen schließe man, wenn überhaupt, nur für den Prozess der Erarbeitung der Dissertation. Audi erklärte, dass die Themen auf Forschungsfragen von Universitäten beruhten. Die Vergabe von Drittmitteln erfolge unabhängig von Promotionsvereinbarungen. Bosch beantwortete die Fragen der HAZ zum Doktorandenprogramm nicht.

Von Christian Wölbert