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Stadt Hannover Linden: Ist der alternative Stadtteil auch ein Ort für Kinder?
Aus der Region Stadt Hannover Linden: Ist der alternative Stadtteil auch ein Ort für Kinder?
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18:50 02.08.2010
Typische Lindener: Anna Jakopovic und Tochter Greta auf dem Spielplatz am Pfarrlandplatz.
Typische Lindener: Anna Jakopovic und Tochter Greta auf dem Spielplatz am Pfarrlandplatz. Quelle: Rainer Surrey
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Das Kompliment, das Anne Jakopovic ihrem Stadtteil macht, könnte größer nicht sein. „Es kam für mich einfach nie ein anderes Viertel als Linden infrage“, sagt die 39-Jährige. „Ich habe schon als Jugendliche geschätzt, dass es hier ein buntes Miteinander von Leuten gibt, die anders sind, individueller irgendwie, erfinderischer und toleranter.“ Das allerdings hat sich geändert. Und die Wehmut darüber ist ihr anzumerken. „Hier in Linden kippt das Gleichgewicht“, sagt Jakopovic. „Es gibt inzwischen einfach zu viele Leute, die nicht arbeiten und sich auch sonst für nichts interessieren. Müll, Dreck und Glassplitter bedecken die Gehsteige, und es kümmert niemanden“, klagt die Mutter.

Jakopovic lebt seit vielen Jahren in Linden, erst in Linden-Süd an der Ricklinger Straße, jetzt in Linden-Nord. Ihre Tochter Greta ist hier geboren. Die beiden sind in vielerlei Hinsicht typische Lindener. Die Achtjährige trägt blonde Zöpfe und von ihrer Mutter selbst geschneiderte Kleidung. Sie lebt mit ihrer Mutter allein, hat jedoch guten Kontakt zu ihrem Vater und dessen Freundin, die ebenfalls in Linden leben. Greta wächst in einer großen Patchworkfamilie auf. Jakopovic hat Ethnologie studiert, das Studium aber abgebrochen. Sie arbeitet von zuHause, verdient ihr Geld mit Schnittmustern und selbst genähter Kinderkleidung.

Es ist genau das, was den Charme Lindens ausmacht, was nach Einschätzung der 39-Jährigen aus dem Gleichgewicht gerät. Linden hat den Ruf, dass hier alle nach ihrer Fasson selig werden können – vom Malocher bis zum Akademiker, vom Spießer bis zum Künstler, vom in Linden gebürtigen Urgestein bis hin zu den zahlreichen Migranten. „Es ist schade, aber es ist schwierig geworden“, sagt Jakopovic. Vor allem die Wochenenden seien schlimm. „Da wird gefeiert, was das Zeug hält und dann alles liegen gelassen“, sagt sie und ergänzt nachdenklich: „Vielleicht sehe ich das ja auch deshalb nicht so entspannt, weil ich als Mutter eben auch an Greta und ihre Zukunft denke.“

Das Urteil einer Erzieherin, die mit ein paar Kindern auf einem Spielplatz in Linden-Nord in der Sonne sitzt und ihren Namen nicht nennen möchte, fällt deutlicher aus. „Klar, die Kinder, die hier leben, kennen es nicht anders, aber ich finde schon, dass man schöner aufwachsen kann als in einem Stadtteil voller Glasscherben, Hundekot und komischen Menschen, die einen anpöbeln.“

Haben sich für Linden entschieden: Daniela Lamp mit Joris, Diana Krückeberg mit Keno und Annett Rippich mit Paula (von links)

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Bewohner Lindens sein kann, zeigen Gespräche mit anderen Eltern. Auf dem Spielplatz an der Gartenallee/Ecke Stephanusstraße sitzen Daniela Lamp, Diana Krückeberg und Annett Rippich und unterhalten sich, während ihre Kinder Joris, Keno und Paula (alle drei sind ein Jahr alt) im Sand buddeln. Rippich ist mit ihrem Mann erst vor Kurzem aus Herrenhausen nach Linden gezogen. Sie haben sich ein Häuschen im Gilde-Carrée gekauft, und Rippich sprudelt über vor Begeisterung: „Linden ist super. Wir haben einen Garten, wohnen trotzdem stadtnah, erreichen alles mit dem Fahrrad.“ Die Mischung der Menschen in Linden mag Rippich. „Da sind halt auch ein paar besondere Menschen darunter“, formuliert sie vorsichtig, „aber ich bin hier noch nie blöd angemacht worden. Im Gegenteil, die Lindener sind hilfsbereit, gerade auch mit Kindern fühlt man sich willkommen.“

Auch Aysun Tutkunkardes, ihr Mann Thomas Sundermann und ihre beiden Kinder lieben den Stadtteil Linden. Sie haben vorher in der List gewohnt. „Ich sag’ mal, ich fühle mich hier wohler, weil es nicht nur Juristen, Banker und Lehrer gibt“, sagt der 42-jährige Sachbearbeiter grinsend, „außerdem ist die Ihme mit ihrem vielen Grün klasse.“ Tutkunkardes schätzt an Linden vor allem den alternativen und multikulturellen Charme. „Ich bin halbe Türkin, und als solche ist es mir schon auch wichtig, nicht nur mit Deutschen zusammenzuleben.“ Ein Nachteil Lindens fällt der 38-jährigen Mutter dann doch noch ein. „Schöne Spielplätze gibt es hier kaum, und die, die es gibt, sind irgendwie schmuddelig und lange nicht so schön wie zum Beispiel in der List.“

Wer durch Linden fährt und Familien und Kindern auf der Spur ist, merkt schnell, dass das Bild, das der Stadtteil bietet, so unterschiedlich ist wie die Wahrnehmungen seiner Bewohner. Der Wochenmarkt auf dem Lindener Marktplatz am Sonnabendvormittag beispielsweise bietet das gleiche Bild wie der Markt auf der Lister Meile oder der am Stephansplatz in der Südstadt: Gut situierte junge Eltern mit Kleinkindern in teuren Buggys schlürfen Latte macchiato und kaufen gesundes Ökogemüse für den Nachwuchs.

Bietet ein Programm für Familien: Das Spielhaus in der Walter-Ballhause-Straße

Ganz anders sieht es in der Walter-Ballhause-Straße im Spielhaus aus. Die Betreuungseinrichtung ist seit drei Jahren städtisches Familienzentrum. Es gibt einen integrativen Kindergarten, ein offenes Betreuungsangebot mit Mittagessen und Hausaufgabenhilfe sowie eine Spielgruppe für Kinder aus Migrantenfamilien. Jetzt im Sommer läuft dort ein Ferienprogramm. Heilpädagogin Ilona Vybril und Erzieherin Gerlinde Wolff sind für die Kinder da. Sie wissen, wie wichtig das Familienzentrum ist. „Wir sind hier ganz klar in einem sozialen Brennpunkt. Wir betreuen nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern“, sagt Vybril und betont: „Linden verfügt über ein gut vernetztes soziales Angebot.“

Jakopovic bestätigt diese Einschätzung, versöhnlich stimmen können die zahlreichen sozialen Hilfsprojekte in Linden sie nicht. „Auch wenn es hart klingt, ich habe das Gefühl, dass diese Angebote nur zu gern in Anspruch genommen werden. Eigenengagement gibt es dagegen kaum“, sagt sie. Die Lindenerin trägt sich mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen. Wennigsen wäre schön, überlegt sie. Doch Greta ruft: „Nein, dann will ich lieber nach Ahlten zu Oma.“ Ihre Mutter lächelt, doch die Wehmut ist ihr anzusehen. „Eigentlich war es hier immer total schön“, sagt sie.

Julia Pennigsdorf