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Stadt Hannover Lüttje Lage: Die Socke und die Brücke
Aus der Region Stadt Hannover Lüttje Lage: Die Socke und die Brücke
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19:25 21.12.2018
Hans-Peter Wiechers Quelle: HAZ
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Hannover

Die Hündin wartete auf den Morgenspaziergang. Ich nahm ein Paar frische Socken aus dem Schrank und stellte leider fest, dass der rechte Strumpf an der Sohle ein großes Loch hatte. Ich grübelte eine Weile und sagte schließlich zu meiner Frau: „Diese Socke ist ein Sinnbild des Zustandes unserer Gesellschaft.“

Sie erträgt meine Gedanken, weil man seinen Partner mit zunehmendem Alter nachsichtiger behandeln muss, aber auch weil nicht alle meine Ideen nach zwei, drei Sätzen in dem Tümpel des Blödsinns stürzen. Manchmal - leider viel zu selten – steigen sie auch auf, schütteln alles Oberlehrerhafte ab und kreisen als Gesprächsthema über hannoverschen Frühstückstischen. Dann klingelt manchmal sogar das Telefon und eine Leserin ist dran und wir kommen ins Plaudern.

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Aber zurück zur Socke. Ich hatte sie vor nicht mal drei Wochen in einem hannoverschen Fachgeschäft gekauft. Deutsche Wertarbeit. Kein Schicki-Micki-Söckchen aus sonst wo, dem man ein grelles Muster und den klingenden Namen eines Modeschöpfers verpasst hat. Ich hatte mich von einer Fachverkäuferin beraten lassen („Nein, dieser Strumpf schneidet nicht ein am Bündchen“) und gutes Geld bezahlt.

Und jetzt ist sie in solch einem erbarmungswürdigen Zustand wie die Brücke über der Hildesheimer Straße – zugegeben auf anderem Niveau. Auch die Brücke ist deutsche Wertarbeit, auch sie ein Produkt auf das man glaubte, sich verlassen zu können – für lange Zeit. Die Erbauer hatten sie zu einem Teil des Südschnellweges gemacht. Jetzt erträgt sie nur noch Autos, die nicht schneller als 10 km/h fahren. Jetzt klingt der stolze Name „Schnell-Weg“ wie Hohn.

„Es gibt nur noch wenige Dinge in unserem Land, auf die man sich wirklich verlassen kann,“ sagte ich zu meiner Frau. Sie sagte „Quatsch!“, weil sie am Ende auch immer dafür sorgt, dass der Ehemann es sich nicht in seiner Dezemberregendepression gemütlich macht.

Von Hans-Peter Wiechers