"Lüttje Lage": Wie ich zum Murmeltier werde
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Stadt Hannover „Lüttje Lage“: Wie ich zum Murmeltier werde
Aus der Region Stadt Hannover „Lüttje Lage“: Wie ich zum Murmeltier werde
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14:11 20.04.2020
Simon Benne Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Während ich diese Zeilen schreibe, nutzt eine meiner Töchter nebenan die schulfreie Zeit, um mittels einer App völlig anlasslos die Weltsprache Schwedisch zu erlernen. „Jag är en flicka – ich bin ein Mädchen.“ Eine andere Tochter wirft sehr ausdauernd einen Tennisball an die Wand. Plack. Plock. Plack. Plock. Seit fast fünf Wochen bin ich jetzt mit drei weiblichen Teenagern und einem hyperaktiven Fünfjährigen eingesperrt. Man nennt es Homeoffice.

In einem familienpsychologischen Fachblatt – ich glaube, in der „Goldfrau mit Herz“ – las ich, dass man diese Phase intensiven Familienlebens als Chance begreifen soll. Ich habe aber vor allem gelernt, dass man grundverschiedene Auffassungen davon haben kann, wie laut Musik sein darf. Mich persönlich hat diese Zeit auch sehr dafür sensibilisiert, dass im Flur die Schuhe mal wieder wie Kraut und Rüben dastehen. Doch all meine Ermahnungen sind in den Wind gesprochen, und alle Nerven liegen blank.

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„Jag dricker kaffe – ich trinke Kaffee.“ Plack. Plock.

Kürzlich wies ich meine Töchter an, die Küche aufzuräumen. Sie reagierten mit Handbewegungen, die ich spontan gar nicht einordnen konnte. Je länger ich im Homeoffice bin, desto klarer wird mir, dass weite Teile meiner Familie mich im Grunde als Fremdkörper betrachten. Nur als der Fünfjährige – während ich ein wichtiges Telefonat führte – das Rollo aus der Halterung riss, war ich als Retter gefragt.

Han bär Handskar – er trägt Handschuhe.“ Plack. Plock.

Ich habe mir natürlich überlegt, wie ich die angespannte Gesamtsituation konstruktiv zum Positiven verändern könnte, aber ich musste feststellen, dass sogar die Fremdenlegion ihre Anwerbebüros geschlossen hat. Mir bleibt nur die innere Emigration. Jugendliche führen uns ja täglich vor, dass man daheim stundenlang schweigend auf Bildschirme starren kann und sich nicht mehr bewegen muss als Murmeltiere im Winterschlaf. So gesehen fühle ich, wie ich dank Corona immer jugendlicher werde. Oder, wie der Schwede sagt: Jag är en murmeldjur. Plack. Plock.

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Von Simon Benne