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Stadt Hannover „Mittlerweile sind Allergien eine Volkskrankheit“
Aus der Region Stadt Hannover „Mittlerweile sind Allergien eine Volkskrankheit“
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17:53 11.03.2018
Gesine Hansen, Pädiatrie-Professorin und Direktorin der MHH-Kinderklinik. Quelle: Wiechers Hans-Peter
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Hannover

 

Frau Hansen, stimmt es, dass allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis zunehmen?

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Das stimmt, seit den Sechzigerjahren haben Allergien deutlich zugenommen. Mittlerweile sind Allergien eine Volkskrankheit mit epidemischem Ausmaß. Jedes vierte Kind leidet darunter. Die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter in industrialisierten Nationen ist mittlerweile das allergische Asthma bronchiale.

Sie leiten an der MHH eine Forschergruppe, die die Entstehung von Allergien untersucht. Was passiert eigentlich bei einer Allergie?

Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem mit Abwehr auf an sich harmlose Stoffe aus der Natur, die Allergene, obwohl sie gar keine Gefahr darstellen. Beim Gesunden erkennt das Immunsystem, dass Allergene wie Hausstaubmilben, Pollen oder Katzenhaare ungefährlich sind und wird tolerant. Der Kontakt ist unproblematisch. 

Wenn dem Katzenhaar-Allergiker dagegen eine Katze über den Weg läuft, bekommt er Heuschnupfen ...

Zum Beispiel. Oft reichen bereits geringe Spuren des Allergens. Manche Kinder mit einer Erdnussallergie reagieren bereits, wenn in einer weit entfernten Ecke des Raums eine Tüte mit Erdnussflips geöffnet wird.

Warum spielt das Immunsystem verrückt ?

Wir versuchen seit Langem zu verstehen, woran das liegt. Es gibt einige Untersuchungen, die Hinweise geben, dass wir wichtige Schutzfaktoren verloren haben. Zum Beispiel wissen wir, dass eine große Anzahl an Geschwisterkindern vor Allergien schützt und dass Kinder, die auf dem Land aufwachsen und dort früh engen Kontakt zu Nutztieren und Heu haben, ein deutlich geringeres Risiko haben, an Asthma zu erkranken als Kinder in der Stadt. Dieser sogenannte „Bauernhof-Effekt“ wird wahrscheinlich durch einen Mikrobiom-Cocktail vermittelt, mit dem sich das Kind schon früh auseinandersetzt und der das Immunsystem trainiert. Viele Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Hundekontakt günstig ist.

Ist Rauchen ein Risikofaktor?

Ja. Rauchen ist Risikofaktor Nummer eins für Asthma, dies gilt auch für das Passivrauchen. Auch eine Kaiserschnitt-Geburt erhöht das Asthmarisiko und sollte nur aus medizinischen Gründen durchgeführt werden. Ebenso Übergewicht im Kindesalter. Es gibt also einiges, das wir tun können, auch wenn natürlich genetische Faktoren eine große Rolle spielen.

Allergien sind stark belastend ...

Richtig. Kinder mit einer schweren Neurodermitis zum Beispiel leiden sehr unter dem ständigem Juckreiz. Sie können nachts nicht schlafen, kratzen sich teils blutig, sind tagsüber müde und können sich in der Schule nicht konzentrieren. Kinder mit Nahrungsmittelallergien müssen ständig aufpassen, was sie essen. Jeder Kindergeburtstag oder auch der Besuch im Kindergarten werden zum Problem. 

Wie sieht die Therapie aus?

Bei den meisten Patienten kann man die Allergien gut behandeln. Ein Kind mit Asthma zum Beispiel sollte bei einer optimalen Therapie völlig uneingeschränkt sein und ohne Probleme Sport treiben können. Manche Allergien verlieren sich auch einfach mit der Zeit. Daher sollte man immer wieder prüfen, ob eine Therapie noch notwendig ist.

Kann man sagen, dass Allergien heilbar sind?

Die einzige Therapie, die aktuell zu einer Art Heilung führen kann, ist die Hyposensibilisierungstherapie, die für viele Patienten eine gute Chance darstellt. Dabei wird das Allergen erst in ganz niedriger, dann in immer höherer Dosierung verabreicht und der Patient entwickelt nach und nach Toleranz gegen dieses Allergen. Inzwischen gibt es für einige Allergene schon die Möglichkeit, eine solche Therapie ohne Spritze mit Tropfen oder einer Schmelztablette durchzuführen.

Was ist Ihr Ziel?

Das Beste wäre natürlich, wenn es uns Forschern gelänge, unseren Traum zu erfüllen, und einen Weg zu finden, wie wir die Entstehung von Allergien verhindern. Daran arbeiten wir aber noch. 

Ob Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis: Immer mehr Kinder leiden unter Allergien. Manche etwa müssen lange auf Lebensmittel verzichten, wie zum Beispiel Angelina Lemke. Die Zwölfjährige ist eins von 2,2 Millionen Allergiekindern in Deutschland. Antonia muss sich besonders schützen – viele Lebensmittel darf sie nicht zu sich nehmen, vor einem allergischen Schock ist sie nicht sicher. 

Von Gabi Stief