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Stadt Hannover MHH soll transparentes Verfahren entwickeln
Aus der Region Stadt Hannover MHH soll transparentes Verfahren entwickeln
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08:40 14.10.2014
Von Gunnar Menkens
Die MHH ist die größte Transplantationsklinik in Deutschland. Hier werden jährlich mehr als 400 Patienten Organe übertragen und Kunstherzen eingesetzt. Quelle: Körner
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Hannover

Hermann Haller, der Nierenspezialist, sitzt in seinem Büro in der Medizinischen Hochschule in Hannover. Es gibt kaum freie Flächen, Schreibtisch, ein Stehpult, Regale, Ablagen sind voll mit Büchern, Zeitschriften und riskant gestapelten Papieren. Nur der runde Besprechungstisch ist frei geräumt. Wer aus dem Fenster sieht, blickt aufs Bettenhaus. Haller ist Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen, er gehört einer Profession an, die zuletzt mit kritischen Blicken betrachtet wird, der Transplantationsmedizin. Er sagt: „Das Vertrauen schwindet.“

Skandale bei Organvergaben, manipulierte Krankenakten und Gerichtsprozesse haben die hierzulande ohnehin nicht sonderlich hohe Bereitschaft zur Organspende auf Tiefstwerte fallen lassen. Die Transplantationschirurgie muss sich Zutrauen wieder erkämpfen. Das gilt auch für die große Mehrheit all derjenigen Ärzte und Kliniken, die mit Manipulationen nie etwas zu tun hatten. Das ist die Lage 2014.

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Hermann Haller leitet das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) für Transplantationen an der MHH. Vor ein paar Jahren bemühte er sich, die Chefs von 24 Abteilungen davon zu überzeugen, dieses Zentrum zu gründen und das Wissen ihrer Abteilungen einfließen zu lassen. Damals war von einer Glaubwürdigkeitskrise noch keine Rede. Heute ist das anders, und dies ist einer der Gründe, weshalb das Bundesministerium für Bildung und Forschung die MHH mit einem besonderen Auftrag versehen hat. Mehr Transparenz soll Einzug halten und Normen sollten entwickelt werden, die der Transplantationschirurgie ein klinikübergreifendes ethisches und medizinisches Fundament verschaffen. Dafür hat der Bund der Hochschule in Buchholz bis 2018 rund 22 Millionen Euro zugesagt.

Aufgabe des IFB ist es nun, Standards für Organübertragungen zu entwickeln, die für alle Kliniken in Deutschland zum Maßstab werden könnten. Dabei geht es nicht darum, ein paar Dienstpläne zu ändern, sondern um den kompletten Ablauf. „Wir wollen eine Blaupause entwickeln, wie ein Transplantationszentrum funktioniert“, sagt Haller. Am Ende steht ein Handbuch, das auf wohl einigen Hundert Seiten die bestmögliche Praxis beschreibt. Es geht um Organisation, Operationen, Therapien, Pflege, Nachsorge und jeden einzelnen Schritt dazwischen. Technisch gesagt: Haller und sein Team entwerfen ein Qualitätsmanagement. Das Ziel: Organe sollen länger funktionieren und Patienten länger leben.

Das fremde Organ ist im Körper des Empfängers Gefahren ausgesetzt, die es früher oder später töten können. Vom Immunsystems des Patienten, das den neuen Bewohner nicht behalten will. Von Medikamenten, die das neue Organ zwar schützen, es aber zugleich angreifen. Von Infekten, weil dieselben Medikamente Abwehrkräfte schwächen. Manches Organ überlebt diese Angriffe kein Jahr, manches steht 30 Jahre durch. Jeder zehnte Patient verliert sein Spenderorgan im ersten Jahr nach der Operation. Eine transplantierte Niere schafft es im Durchschnitt zehn Jahre, Gift aus dem Körper zu ziehen, dann stirbt sie.

Die MHH wurde vom Bund auch deshalb ausgewählt, weil sie eine führende Transplantationsklinik in Europa ist. Erst vor wenigen Wochen hat eine unabhängige Kommission der Bundesärztekammer dem Haus attestiert, dass es in Hannover keine Verstöße gegen Richtlinien gab. Das Zentrum fängt nicht bei null an, worauf Hermann Haller Wert legt: „Es geht nicht darum, Qualität herzustellen, sondern Qualität aufrechtzuerhalten“. Die Hochschule will Abläufe an neuralgischen Punkten optimieren. Etwa, wenn einem Krankenhaus nachts ein Organ zur sofortigen Transplantation angeboten wird. Dann muss alles klappen wie am Tag. 24-Stunden-Einsatzbereitschaft von geeigneten Chirurgen, Internisten und Klinikpersonal. Auch mitten in der Nacht müssen Daten potenzieller Empfänger zugänglich sein. „Peinlich genau“, sagt Haller, muss etwa auch dargelegt werden, wenn ein Patient für ein Organ nicht infrage kommt. Transparenz wird zum Schlüssel eines ganzen medizinischen Zweiges. Zum Standard zählt indes auch der Alltag auf den Stationen. Etwa, dass zwei Ärzte mit ihrer Unterschrift dokumentieren, dass Patienten die richtige Bluttransfusionen bekommen. Und das IFB will Verfahren entwickeln, wie sich Teams an Regeln auch im Klinikstress halten.

Das aktuelle Projekt schreibt fort, wofür Hermann Haller sich vor Jahren auf den Weg machte, 24 Abteilungschefs zur Teilnahme zu bewegen. Schon damals zahlte der Bund 20 Millionen Euro, um Erkenntnisse über Transplantationen zu gewinnen. So entstanden etwa Reha-Programme, wie Lungen- und Herztranplantierte am besten Kraft und Ausdauer trainieren, ohne das fremde Organ zu überlasten. Daten von 6500 Nierenbiopsien sind erfasst, seit die MHH dazu übergegangen ist, schon im ersten Jahr nach der Transplantation regelmäßig zu kontrollieren, ob sich das Organ verhält, wie es sollte. Manchmal scheint die Hilfe banal, ist aber doch von entscheidender Bedeutung. Organempfänger müssen regelmäßig Medikamente nehmen, nicht alle tun das. Das IFB hat ein Programm entwickelt, dieses jeden Tag einzuüben. Grundlagenforschung befasst sich damit, Gründe für die Bildung häufiger Infekte zu finden – und zu beheben. Man kann Zellen gegen Antikörper spritzen, die das fremde Organ abstoßen wollen. Damit gute Forscher kommen, gehört zum IFB auch ein Karriereprogramm.

Ob die MHH tatsächlich die Blaupause für deutsche Transplantationschirurgie liefern wird, ist dann eine politische Frage. Bund und Länder reden mit, Ärztekammer, medizinische Fachgesellschaften. Hermann Haller weiß um die bevorstehenden Diskussionen, beim IFB entwickelte Standards zur verbindlichen Vorgabe zu machen. „Es wird Kliniken geben, die sagen: Wir machen das besser, was brauchen wir euren Rat? Bisher arbeitet jedes Zentrum sehr autonom, es gibt keine gute Standardisierung.“ In dieser Debatte dürfte es auch um die Frage gehen, ob die MHH, was sie gerne möchte, ein nationales Transplantationsregister führen sollte. Experten fordern solch eine Datenbank seit Langem, um alle Informationen über Spender und Empfänger in Deutschland an einem Ort zusammenzutragen, die der Forschung und Therapie nützen würden. Gut möglich, dass es im Vergleich dazu eine Kleinigkeit war, 24 Unterschriften von Abteilungsleitern einzusammeln.

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