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Stadt Hannover Maria Furtwängler dreht Niedersachsen-„Tatort“ in der List
Aus der Region Stadt Hannover Maria Furtwängler dreht Niedersachsen-„Tatort“ in der List
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21:11 10.05.2010
Von Bärbel Hilbig
In Hannover unterwegs: Maria Furtwängler dreht in der List.
In Hannover unterwegs: Maria Furtwängler dreht in der List. Quelle: Surrey
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Die blonde Frau in dem metallic-grauen VW-Passat hat es offenbar ausgesprochen eilig. Sie brettert den De-Häen-Platz entlang ohne Blick für die idyllischen Backsteinfassaden, hupt eine verträumte Peugeot-Fahrerin aus dem Weg und biegt eilig um die Kurve. Kaum ist die Blonde vor dem Kinderladen Villa Kunterbunt aus dem Wagen gesprungen, geht sie die gefahrene Strecke zu Fuß wieder zurück, ein Mitarbeiter bringt den Passat im Rückwärtsgang wieder in Ausgangsposition, auch die Peugeot-Fahrerin steuert ihr Auto zurück, als ob das Leben auf Rückwärtslauf gestellt wäre.

Nein, ist es nicht, Maria Furtwängler dreht seit Anfang Mai einen neuen Niedersachsen-„Tatort“ in Hannover, und am Montag nun in der List, ausgerechnet in der Gegend, in der radioaktive Altlasten gefunden worden waren. Doch der Fall Riedel-de Haën ist an diesem Morgen kein Thema am Set. Stattdessen wird gefilmt, wie die Kommissarin und gestresste Mutter Charlotte Lindholm zu ihrem Sohn David in den Kinderladen fährt.

Die Szene wird ein ums andere Mal wiederholt. Plötzlich scheppert es. Alle am Set sehen sich ungläubig an. Die Mitarbeiter am Garderobenbus in der Hertzstraße reagieren besonders verunsichert, denn eine Hausecke verdeckt ihre Sicht auf das Geschehen, doch bald ist auch hinter der Ecke klar: Furtwängler hat den Passat gegen eine rot-weiß gestreifte Sicherheitsbarke gesetzt. Statt wie bereits etliche Male an diesem Morgen energisch aus dem Wagen zu springen, bleibt die Schauspielerin erst mal genervt sitzen. Die anderen begutachten das Auto: eine kleine Schramme, das lässt sich schnell übertünchen. Bühnenbildner und Requisiteure kennen da nichts. Doch die gehetzte Autofahrt scheint aus Sicht der Aufnahmeleitung inzwischen auch gelungen.

Für die Statisten Regina Kawalek aus Springe sowie die Hannoveraner Detlef Kranpitz und Karin André, die mit ihrem eigenen Peugeot die verträumte Fahrerin mimte, ist ihr Aufnahmetag Montagmorgen damit schneller zu Ende als gedacht. Aber immerhin musste Regina Kawalek so oft um die Ecke mit der Bäckerei biegen, um dann beinahe von Furtwängler über den Haufen gerannt zu werden, dass sie eiskalte Füße bekommen hat. „Richtig dicke Winterstiefel wären gut gewesen“, sagt die 55-Jährige – strahlend, denn mit dem Dreh erfüllt sich für die begeisterte „Tatort“-Zuschauerin ein Traum. „Ich wollte einmal in meinem Leben mitspielen, und wenn man mich nur ein, zwei Sekunden sieht.“ Vor mehr als einem Jahr schickte Kawalek ein Foto an die Agentur, die für den „Tatort“ castet. Die Nachricht, dass sie tatsächlich Montag um 8.30 Uhr mitspielen darf, kam Sonnabend per E-Mail. „Aber ich hatte mir sowieso den Tag freigehalten.“ Für alle Fälle. Und dann zückt Regina Kawalek ihren Fotoapparat und macht ein Erinnerungsfoto von ihrem beiden Mitstreitern. Die drei Statisten fachsimpeln noch eine Weile in der „Lister Backstube“ weiter, wo es im Gegensatz zu draußen kuschelig warm ist. „Als Statist muss man ganz diszipliniert das machen, was einem gesagt wird. Dann geht es am schnellsten“, sagt Karin André, die ihr wahres Leben als Künstlerin in Linden verbringt. Als Statistin ist sie bereits erfahren. Vor Kurzem musste André in einem Flüchtlingsdrama mit Susanne Lothar immer wieder durch den tiefen Matsch waten. Das war anstrengend. Kein Vergleich zum x-fachen Autofahren am De-Häen-Platz.

Der neue Furtwängler-„Tatort“ mit dem Titel „Schrei nicht“, von dem Montag ein klitzekleines Stück am De-Häen-Platz entstand, wird als erste Folge komplett in Hannover gedreht. Umso größer sind dieses Mal die Chancen, dass Hannoveraner auf die eine oder andere Weise involviert sind.

So wie Eltern und Kinder des integrativen Kinderladens Villa Kunterbunt, den Lindholms Sohn besucht. Die Filmleute hatten den Kindergarten der Elterninitiative im Internet gefunden und im Vorfeld dreimal besichtigt. „Wir sind alle ein bisschen aufgeregt, vor allem für uns Eltern ist das eine tolle Aktion“, sagt Tina Frank-Schrödter vom Vorstand. Das Filmteam habe den Termin gut mit der Elterninitiative abgestimmt. „Sonst wäre es schwierig gewesen, unsere Eltern sind ja berufstätig.“ Morgens brachen die eigenen Kinder mit den Erziehern zu einer Drei-Tages-Tour auf, damit war die Bahn für die Schauspieler frei. Der fünfjährige Alexander ließ sich aber noch schnell die blonde Schauspielerin zeigen, die seine Mutter Stefanie Pitter so toll findet. „Ich bin absoluter ,Tatort‘-Fan. Und es gefällt mir besonders gut, wenn ich Hannover wiedererkenne“, sagt Stefanie Pitter.

Den fünfjährigen Ben beunruhigte die Vorstellung von einem Krimi in seinem Kinderladen dann aber doch. Seine Mutter Tina Frank-Schrödter konnte ihn im Vorfeld beruhigen. So viel sei verraten: Tote gibt es nur an anderen Orten. Ein großes Thema unter den Müttern ist dagegen, dass Maria Furtwängler am Morgen zunächst mit langem, wattierten Mantel und lila Moonboots auf dem Set erschien, bevor sie in den altbekannten Lindholm-Trenchcoat schlüpfte. Die Boots seien wirklich sehr auffällig gewesen, so die Expertinnenmeinung. Zur Ausstrahlung des „Tatorts“ im Herbst planen die Eltern ein großes TV-Happening. Natürlich nur mit der Kinderladen-Szene, die Kinder sollen schließlich mitgucken dürfen.

Mancher Passant entdeckte zudem überrascht, dass es Lindholms Filmsohn David im Doppelpack gibt: Die Zwillinge Julian und Robin wechseln sich in der Rolle ab. Wenn einer der beiden Dreijährigen genug vom Filmen hat, springt der andere ein. Am Montag mimte Julian den Sohn der Kommissarin. Doch das Warten, das beim Film unausweichlich dazugehört, kann für Dreijährige recht langweilig werden. Die Mutter der beiden ging mit Robin viel spazieren, bis er eine Klematisblüte entdeckte und ausgiebig bewunderte. „Die Zwillinge finden es besonders toll, dass sie immer mit dem Zug von Berlin nach Hannover fahren“, sagt eine Freundin der Familie. Und dann kam endlich Julian mit Frau Furtwängler aus dem Kinderladen, und die Zwillinge kurvten begeistert auf einem Dreiradtandem über den Gehweg.

Bernd Haase 10.05.2010
10.05.2010