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Stadt Hannover Die Buchlust begegnet Büchern mit Leidenschaft
Aus der Region Stadt Hannover Die Buchlust begegnet Büchern mit Leidenschaft
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00:18 22.11.2017
Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Sten Nadolny ist genau der richtige Autor, um das Leseprogramm der Buchlust im Künstlerhaus zu eröffnen, dessen gesamtes Erdgeschoss während der kleinen Messe für unabhängige Verlage zwei Tage lang zum Literaturhaus wird. Er stellt sein neues Buch „Das Glück des Zauberers“ ohne jede Eitelkeit vor, liest und plaudert entspannt, geduldig und mit hintergründigem Humor.

Nadolny muss weder sich noch anderen etwas beweisen: „Schreiben ist für mich nichts Rettendes, ohne das ich untergehe, es macht aber einen Heidenspaß.“ Mit seiner unaufgeregten Sprache zwischen warmer Alltagsnähe und geschliffenen Pointen wird er zum Botschafter einer tief empfundenen Freude an der Sprache. Damit fügt er sich nahtlos in die Buchlust ein, die seit 24 Jahren für die Liebe zum Detail wirbt, für handwerklich gut Gemachtes und ästhetisch Außergewöhnliches.

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„Von mir aus könnte diese Veranstaltung das ganze Jahr dauern“, begeistert sich Dietrich zu Klampen, der mit seinem Verlag aus Springe bereits bei der ersten Buchlust dabei war: „Wir haben ja sonst nie die Gelegenheit, unserem Publikum Bücher einmal ganz unmittelbar zu zeigen.“ Dieses Publikum könne er sich gar nicht besser wünschen, es sei neugierig, aufgeschlossen und bringe eine ausgeprägte Leidenschaft für jede Art von Büchern mit.

Etwa 2000 Besucher zählten die Veranstalter vom Literaturhaus in diesem Jahr, alle sechs im Begleitprogramm angebotenen Lesungen waren mit 150 Plätzen voll besetzt. Zu Klampen moderiert die Lesung seines Autors Christof Wackernagel selbst. Auf dessen Buch „RAF oder Hollywood“ ist er besonders stolz. „Ich habe Wackernagel jahrelang bekniet, er solle mir aufschreiben, warum er der RAF beigetreten sei“, erklärt zu Klampen. Der Autor stamme ja aus einer Künstlerfamilie und sei nicht nur ein begabter Schauspieler, sondern auch ein besonders guter Geschichtenerzähler.

Zu Klampen ist überzeugt: „Wir müssen Zeitzeugen aufschreiben lassen, wie sie die Dinge erlebt haben, sonst verlieren die jüngeren Generationen den Bezug zur Geschichte.“ Wackernagel hat sich in seinen Gefängnisjahren bis zur Freilassung 1987 von jeder Gewalt distanziert. „Wir wurden durch die Gewalt wie die, die wir bekämpft haben“, sagt er. Sein Buch ist keine Rechtfertigungsschrift, sondern eine Erinnerung, eine Gelegenheit zur Auseinandersetzung.

Die Buchlust vermittelt ihren Besuchern auch, was es bedeutet, als Verleger ein Buch durchzusetzen, weil man an dessen Stoff glaubt – gegenüber Autoren, Lesern und auch Behörden. Katharina Meyer hat den 1957 in Hamburg als Theaterverlag gegründeten Merlin Verlag von ihrem Vater Andreas übernommen. Der erlebte gleich 1960, dass Büchermachen auch etwas mit Mut und Durchhaltevermögen zu tun hat, als er den Roman „Notre-Dame-des-Fleurs“ veröffentlichte, den der homosexuelle Jean Genet im Gefängnis verfasst hatte.

Zwei Jahre dauerte der Prozess gegen das Buch, heute ein Teil der Literaturgeschichte. Am Ende gewann die „Freiheit der Kunst“ – heute ist dies der Titel eines Almanachs, den Katharina Meyer zum 60-jährigen Verlagsjubiläum veröffentlichte. „Die Buchlust ist schon aufgrund ihrer Beständigkeit die wichtigste Messe ihrer Art“, sagt sie. Sie schätze das Forum für unabhängige Verlage, weil es zeige, dass Verleger Verantwortung übernehmen und ihre Persönlichkeit in Projekte einbringen.

Beispiele finden sich beim Durchstöbern der Stände genug. Der hannoversche Wehrhahn Verlag zum Beispiel stellt den druckfrischen Roman „Furie und Fortuna. Hannover im Dreißigjährigen Krieg“ von Bodo Dringenberg und Stefan Kleinschmidt vor. Die Edition Moderne aus Zürich hat die neu erschienene Graphic Novel „Superman“ von Gion Carpeder dabei, die nüchtern gezeichnete Krisengeschichte eines Mannes, der außer Kontrolle garät.

Der Wallstein Verlag aus Göttingen präsentiert Friedrich Forssmanns schmalen Band „Wie ich Bücher gestalte“ aus der Reihe „Ästhetik des Buches“. Der Verlag Jung und Jung aus Salzburg hat von seinem Übersetzer Alexander Pechmann die unbekannte Erzählung „Ktaadn“ von Henry David Thoreau entdecken lassen. Und der Hörverlag Supposé aus Wyk auf Föhr überrascht mit Originalaufnahmen von Autoren und Wissenschaftlern, die ohne Textvorlage erzählen.

„Wir könnten die Standplätze doppelt besetzen“, sagt Kathrin Dittmer, die Leiterin des Literaturhauses. Die Verlage schätzen an der Buchlust vor allem die entspannte Atmosphäre als Rahmen für ein direktes Feedback von Lesern. „Für nächstes Jahr lassen wir uns etwas Besonderes einfallen“, verrät Dittmer. Dann feiert die Buchlust nämlich ihr 25-jähriges Bestehen.

Quelle: Schaarschmidt

Ungewöhnlicher Blick auf die Bibel

Reinhold Görg kauft sich beim Zu Klampen Verlag aus Springe den gerade erschienenen Band „Umsonst leiden. Der Schlüssel zur Hiobsgeschichte“ von Christoph Türcke. „Ich habe bereits fasziniert gelesen, wie der Autor Luther auf eine neue Weise betrachtet – mich interessiert seine Auseinandersetzung mit Religion“, sagt er.

Quelle: Schaarschmidt

Witzig gezeichnete Details für Kinder

Anni Seifert greift am Stand des Gerstenberg Verlags aus Hildesheim nach dem Kinderbuch „Wer war’s?“ von Olivier Tallec. „Jemand hat etwas getan und der Leser muss anhand von Bildern herausfinden, wer“, fasst sie zusammen: „Ich bin selbst Kinderbuchillustratorin und finde die Zeichnungen sehr gelungen und amüsant.“

Quelle: Schaarschmidt

Gut gestaltete künstlerische Freiheit

Monika Richter kauft sich gleich zwei Exemplare von „Freiheit der Kunst“ beim Merlin Verlag aus Gifkendorf. Das Lesebuch zum 60-jährigen Verlagsjubiläum spricht sie aufgrund des Titels und der Gestaltung an. „Als gelernte Bibliothekarin liebe ich gut gemachte Bücher, als Kunsthistorikerin mag ich das Nachdenken über Kunst.“

Von Thomas Kaestle

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