Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadt Hannover Montag beginnt unbefristeter Ärztestreik an der MHH
Aus der Region Stadt Hannover Montag beginnt unbefristeter Ärztestreik an der MHH
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:05 04.11.2011
Von Juliane Kaune
Foto:„David, Dialyse“: Selbst wenn Sascha David (rechts) und sein Kollege Torsten Voigtländer einem Patienten einen Katheter legen, klingelt das Handy des Intensivmediziners.
„David, Dialyse“: Selbst wenn Sascha David (rechts) und sein Kollege Torsten Voigtländer einem Patienten einen Katheter legen, klingelt das Handy des Intensivmediziners. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige
Hannover

Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn gibt es offenbar keine Frühaufsteher. Als Sascha David dort gegen 7.30 Uhr anruft, nimmt niemand den Hörer ab. Der Assistenzarzt der Medizinischen Hochschule (MHH) sitzt an seinem Schreibtisch auf Station 10 und will klären, was er bei seinem Antrag für ein neues Forschungsprojekt beachten muss. D

Das möchte er eigentlich erledigt haben, bevor der offizielle Dienst um 8.30 Uhr beginnt. Denn er weiß, dass er bis Dienstschluss zwölf Stunden später im Klinikalltag kaum mehr die Ruhe haben wird, die komplexen Richtlinien der Forschungsförderung zu besprechen.

David ist Intensivmediziner an der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen. Und er ist einer der Ärzte, für die die Gewerkschaft Marburger Bund (MB) bessere Gehalts- und Arbeitsbedingungen erstreiten will. Von Montag an wird das auch an der MHH spürbar sein: Die hannoversche Klinik ist eine von 23 deutschen Uni-Kliniken, deren Mediziner für ihre Forderungen in einen unbefristeten Streik treten.

Zentrales Argument im bundesweiten Arbeitskampf ist die besondere Situation der Ärzte an Uni-Kliniken. Mit ihren Aufgaben in Krankenversorgung, Forschung und Lehre seien sie im Vergleich zu anderen Klinikärzten am stärksten belastet, verdienten aber am wenigsten Geld, erklärt der MB.

David unterstützt den Streik, an seinem blauen Arztkittel prangt ein von der Gewerkschaft verteilter Button mit der Aufschrift. „Ich bin auch in meiner Freizeit für Sie da“ – eine Anspielung darauf, dass die Ärzte die anfallenden Aufgaben in der tariflich vereinbarten Arbeitszeit von durchschnittlich 42 Stunden pro Woche nicht leisten könnten. „Meine Arbeit an der MHH macht mir Spaß, ich habe mich bewusst dafür entschieden“, betont der 33-Jährige, der seit 2006 dort tätig ist.

„Aber die Verteilung ist ungerecht, ich möchte nicht für mehr Leistung schlechter bezahlt werden.“ Gleichwohl wird David sich kaum aktiv am Streik beteiligen. „Die Arbeit, die in der Intensivmedizin anfällt,“ sagt er, „kann man nicht einfach liegen lassen.“ Das MHH-Präsidium hat mit den streikenden Ärzten eine Notdienstvereinbarung geschlossen, die sicherstellen soll, dass der Klinikbetrieb so weit aufrechterhalten wird, dass Patienten keinen Schaden nehmen. Besonders sensible Bereiche wie die Notfall- und die Intensivmedizin gehören dazu.

David ist zuständig für schwerstkranke Patienten, die mit einem akuten Nierenversagen auf den neun MHH-Intensivstationen an die Dialyse angeschlossen sind. Ob Herztransplantierte, Leukämiepatienten, Hirnverletzte oder andere Unfallopfer – der junge Arzt überwacht, in welchem Zustand die Nieren der Patienten infolge ihrer anderen schweren Erkrankungen sind. 19 Namen stehen auf seiner Liste für den morgendlichen Rundgang, der mindestens zweieinhalb Stunden dauert.

David wirft einen konzentrierten Blick auf die Überwachungsmonitore neben den Betten, kontrolliert die mit Blut gefüllten Dialyseschläuche, berät sich mit Stationsärzten und macht sich unablässig Notizen auf seinem Klemmbrett. „Diese Patienten“, sagt er, „kommen gar nicht erst in eine andere Klinik.“ Sie benötigten eine hochkomplexe medizinische Versorgung, wie es sie nur an einer Hochschulklinik gebe. Sein Handy klingelt. „David, Dialyse“ – so wird er sich an diesem Tag noch Dutzende Male melden, wenn Kollegen aus anderen Abteilungen seinen Rat benötigen.

Davids gesamter Arbeitstag ist eng getaktet: Nach der Betreuung der Intensivpatienten hat er in seinem Arztzimmer eine knappe Stunde Zeit, die Post zu öffnen und E-Mails zu beantworten. Um 12 Uhr muss er schon wieder zur Dienstbesprechung mit Kollegen aus der Nierenklinik, um 13 Uhr folgt die Übergabe an die Dialysepfleger. Eine Viertelstunde später steht ein Studentenseminar zum Thema Palliativmedizin und Dialyse im Terminkalender, für das der Assistenzarzt kurzfristig eingesprungen ist und auf das er sich kaum vorbereiten konnte.

Um 14 Uhr muss einem Patienten, der aus einer anderen Klinik eingeliefert wurde, ein Katheter für die Blutwäsche gelegt werden, weil die transplantierte Niere nicht mehr arbeitet. Eine Pause hat David bis dahin noch nicht gemacht – in der Theorie stehen ihm bei einer Zwölfstundenschicht eine Stunde und 15 Minuten Auszeit zu. „Ich hole mir ohnehin immer nur ein Brötchen“, sagt er. Dann betreut er Dialysepatienten auf der Normalstation, bis um 16 Uhr die zweite Runde auf der Intensivstationen ansteht. Das sind die einigermaßen planbaren Aufgaben. Ohne Zwischenfälle.

„An solchen Tagen“, sagt der junge Mediziner, „schaffe ich es nur ausnahmsweise, auch mal im Labor zu arbeiten.“ Dort aber warten umfangreiche Versuchsreihen auf ihn. David, der im Sommer von einem zweijährigen Forschungsstipendium an der renommierten US-Universität Harvard in Boston an die MHH zurückgekehrt ist, forscht an der Entwicklung von neuen Therapien gegen Blutvergiftung. An der MHH will er ein eigenes Labor mit diesem Schwerpunkt aufbauen – für das er dringend den Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellen muss. Meist bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach Dienstende oder in der Freizeit die Forschung voranzutreiben.

Beim Thema Überstunden weicht David aus. „Grundsätzlich gibt es Freizeitausgleich“, sagt er nur. Laut MB gaben in einer Umfrage fast die Hälfte der an Uni-Klinken beschäftigten Ärzte an, ihre Arbeitszeit werde nicht systematisch erfasst. Im MHH-Einsatzplan hat David jeweils eine Woche frei, nachdem er zuvor zwei Wochen lang an jeweils fünf Tagen von 8.30 bis 20.30 Uhr eingeteilt war und auch am dazwischenliegenden Wochenende arbeiten musste. Das ist hart am Limit dessen, was das Arbeitsschutzgesetz erlaubt.

Dann gibt es regelmäßig Nächte, an denen der junge Arzt sich zu Hause einsatzbereit halten muss. Da klingele fünf- bis zehnmal das Telefon, meist müsse er auch noch für mindestens eine Stunde in die Klinik fahren, berichtet er. „Ich beschwere mich nicht, aber anstrengend ist das schon.“ Seine Freundin habe Verständnis: „Sie ist Klinikärztin.“ Notwendigkeiten des Alltags aber blieben auf der Strecke. „Seit ich vor drei Monaten aus den USA zurückgekehrt bin, habe ich noch keinen Festnetzanschluss.“

Auch an diesem Wochenende muss David arbeiten. Am Sonntag hat er bis um 16 Uhr Dienst. Eine halbe Stunde vorher ist Anpfiff beim Heimspiel 96 gegen Schalke. „Ich hoffe“, sagt er, „dass ein Kollege mich früher ablöst.“ Vielleicht klappt es, vielleicht mal wieder nicht.

Stadt Hannover Verfahren wegen Urkundenfälschung - Schwarzfahrer fälscht Kontrolleursausweis
Bernd Haase 03.11.2011
Andreas Schinkel 03.11.2011
Stefanie Kaune 03.11.2011