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Stadt Hannover Neugeborenes einen Tag vor Heiligabend in „Babykörbchen“ gelegt
Aus der Region Stadt Hannover Neugeborenes einen Tag vor Heiligabend in „Babykörbchen“ gelegt
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20:45 29.12.2011
Von Veronika Thomas
Im Jahr 2001 wurde das „Babykörbchen“ am Friederikenstift in Betrieb genommen.
Im Jahr 2001 wurde das „Babykörbchen“ am Friederikenstift in Betrieb genommen. Quelle: Archiv
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Hannover

Einen Tag vor Heiligabend ist ein neugeborenes Mädchen anonym im „Babykörbchen“ des Diakoniekrankenhauses Friederikenstift abgegeben worden. Das Kind war wenige Tage alt. Um 17.05 Uhr wurde der Alarm auf der Geburtshilfestation der Klinik ausgelöst, der automatisch nach dem Schließen der sogenannten Babyklappe ertönt. Das noch namenlose Kind sei gesund und nach der Erstversorgung in das Kinderkrankenhaus auf der Bult verlegt worden, sagte Achim Balkhoff von der Unternehmenskommunikation der Diakonischen Dienste Hannover.

Sofern sich die Mutter oder die Eltern des neugeborenen Mädchens nicht innerhalb der nächsten acht Wochen melden, weil sie ihr Kind zurückholen möchten, wird es in eine Adoptivfamilie vermittelt. Sie soll bereits gefunden worden sein. Damit die Eltern beweisen können, dass das Kind ihr eigenes ist, finden alle Mütter oder Eltern, die ihr Neugeborenes zumeist aus Verzweiflung anonym in das vorbereitete Wärmebettchen legen, ein Stempelkissen und einen Notizblock vor. Damit können sie den Fußabdruck ihres Kindes nehmen – auch zur Erinnerung. Das am 23. Dezember in der Dunkelheit anonym abgegebene Kind ist das elfte, das innerhalb des zehnjährigen Bestehens des „Babykörbchens“ abgegeben worden ist. Drei der Kinder wurden anschließend von ihren Müttern zurückgeholt, die anderen leben in Adoptivfamilien.

„Wir freuen uns, dass wir einer verzweifelten Mutter und ihrem Kind helfen konnten“, sagte Pastor Heino Masemann vom Landesverein für Innere Mission, der erst in diesem Jahr die Trägerschaft für das „Netzwerk Mirjam“ übernommen und es inzwischen in „Notruf Mirjam“ umbenannt hat. Dazu gehört neben dem „Babykörbchen“ auf dem Gelände des Friederikenstifts ein umfangreiches Netzwerk, das Schwangeren in Not zur Seite steht. Zentrales Angebot ist ein kostenloser 24-Stunden-Notdienst. Unter der Nummer (08 00) 6 05 00 40 erhalten Frauen jeden Alters Rat und Hilfe, egal ob sie gewollt oder ungewollt schwanger geworden oder als Mütter mit ihren Kräften am Ende sind.

Das „Netzwerk Mirjam“ war 2001 von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und dem Diakonischen Werk unter der Schirmherrschaft von der damaligen Landesbischöfin Margot Käßmann ins Leben gerufen worden, nachdem in mehreren deutschen Städten Neugeborene vor Arztpraxen, Kirchen und Krankenhäusern ausgesetzt worden waren. Damals entstanden die ersten sogenannten Babyklappen, heute gibt es bundesweit fast 100, fünf davon in Niedersachsen. Bei der Inbetriebnahme 2001 rechneten die hannoverschen Initiatoren mit jährlich drei bis vier anonym abgegeben Kindern. Im Schnitt war es ein Baby pro Jahr, zuletzt wurde 2009 ein Säugling hineingelegt.

2008 stand die Einrichtung „Babykörbchen“ in der Kritik, weil es einer Mutter offenbar nicht gelungen war, die defekte Babyklappe zu öffnen: Am 2. Januar 2008 fand ein Mitarbeiter der Klinik nur zwei Meter vom Körbchen entfernt auf dem eiskalten Betonboden einen erfrorenen Säugling in einem Stoffbeutel, eingewickelt in ein T-Shirt. Techniker der Dekra stellten in einem Gutachten fest, dass sich die Tür der Klappe verzogen hatte. Der später auf den Namen „Mose“ getaufte Junge wurde auf dem Stöckener Friedhof beigesetzt. Die Suche nach seiner vermutlich aus Osteuropa stammenden Mutter wurde eingestellt.