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Stadt Hannover Opfer aus Siebzigern bricht Schweigen
Aus der Region Stadt Hannover Opfer aus Siebzigern bricht Schweigen
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19:52 18.03.2010
Von Simon Benne
Es gibt dieses Foto, das Täter und Opfer gemeinsam zeigt – und zugleich nicht zeigt: Pater E. fotografierte bei der Fahrt ins Pfingstlager 1972 zwei Jugendliche am Zugfenster. Dabei nahm er ungewollt auch sein eigenes Spiegelbild mit auf. Und links von ihm, verdeckt von einer Hand, spiegelt sich der junge Thomas K. in der Scheibe, den der Priester über Jahre hinweg missbrauchte.
Es gibt dieses Foto, das Täter und Opfer gemeinsam zeigt – und zugleich nicht zeigt: Pater E. fotografierte bei der Fahrt ins Pfingstlager 1972 zwei Jugendliche am Zugfenster. Dabei nahm er ungewollt auch sein eigenes Spiegelbild mit auf. Und links von ihm, verdeckt von einer Hand, spiegelt sich der junge Thomas K. in der Scheibe, den der Priester über Jahre hinweg missbrauchte. Quelle: Handout
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Das Zimmer kann er noch genau beschreiben, nach so vielen Jahren. Der Schreibtisch. Das Sofa am anderen Ende. Die weinroten, dicken Wollvorhänge, die der Pater immer zuzog, wenn er mit Thomas K. allein war. Das Zimmer lag im Keller des Friedrich-Spee-Hauses an der Hildesheimer Straße, wo damals die Jesuiten ihren Sitz hatten. Und als Thomas K. gerade 13 Jahre alt war, wurde es zum Tatort von Verbrechen, die strafrechtlich verjährt, aber für ihn noch lange nicht vorbei sind. Jetzt, als Thomas K. mit seiner Freundin aus dem Urlaub zurückkam, sah er das Bild des Paters in der HAZ: „Das ist er ja“, war seine erste Reaktion. Seitdem schläft der 51-Jährige schlecht. „Es rumort in mir“, sagt er. Nachts spült die Erinnerung immer neue Details in ihm hoch. Die vielen Berichte über Kindesmissbrauch haben ihn in jene Zeit zurückversetzt, als er ein 13-jähriger Schüler war, das Kind tiefgläubiger Katholiken. Zurück ins Hannover des Jahres 1972.

Wenn es um Missbrauch geht, ums Vertuschen und Beschönigen, schwingen oft Vorstellungen vom erzkonservativen Katholizismus alten Schlages mit. Von der verknöcherten Fünfziger-Jahre-Kirche mit ihrer schwülen Sexualitätsverteufelung, die sich im fortschrittsresistenten Milieu eben bis in die neunziger Jahre gehalten habe. Doch zu eben dieser Kirche war Pater Bernhard E. damals der fleischgewordene Gegenentwurf.

Der junge Jesuit kam 1971 als Jugendseelsorger nach Hannover, und damalige Schützlinge sprechen noch immer mit Hochachtung von ihm: Engagiert, herzlich, dynamisch sei er gewesen. Liberal. Nicht so verklemmt. Seine Jugendmessen in der Herz-Jesu-Kapelle waren voll – man spielte Gitarre, sang neue Lieder. Pater E. verkörperte die moderne Kirche, die Aufbrüche nach dem Konzil. „Er war revolutionär“, sagt Thomas K. „Bei Messen saßen wir alle im Altarraum, die Distanz zwischen Priester und Gläubigen war aufgehoben.“ Theater, Tischtennis, Krökeln – das Haus stand Jugendlichen jeden Tag offen. „Er hat die Rolle des Freundes nicht nur gespielt“, sagt Thomas K. noch heute.

Er selbst war über einen Religionslehrer zu den Jugendgruppen dort gekommen, zur „Marianischen Kongregation“ und zur „Gemeinschaft christlichen Lebens“. Und als Pater E. dem mäßigen Schüler Nachhilfestunden anbot, am Rande der Gottesdienste und Gruppenstunden, waren seine Eltern begeistert.

Es war im Büro des Paters dann buchstäblich ein Vortasten. Freundschaftlich und anfangs unverfänglich. Der Arm auf der Schulter. Die Hand auf dem Bein, beim Vokabellernen. „Er hat gezielt die Hemmschwelle heruntergefahren“, sagt Thomas K. heute. Er lächelt manchmal verlegen, wenn er darüber redet. Er spricht gepresst, aber er spricht über das, worüber er so lange geschwiegen hat. „Als er anfing zu küssen, war mir schon klar, dass das nicht mehr normal ist“, sagt er. „Und irgendwann wurde dann die Hose aufgemacht.“ Er weiß noch, dass er danach manchmal Schokolade bekam. Und er erinnert sich an die geraunten Worte: „Das bleibt aber unter uns.“

Über welchen Zeitraum er missbraucht wurde? „Das ging zwei Jahre.“ Wie oft? „Hunderte Male.“ Wie er die Situation damals empfand? „Ich finde in meiner Erinnerung keine bewusste Betrachtung dazu.“ Lange habe er darüber nachgedacht, warum er sich damals nicht wehrte. An ein Gefühl der Lähmung erinnert er sich. Daran, dass der Pater doch zugleich Autoritäts- und Vertrauensperson war. Und daran, dass er doch seinen ganzen Freundeskreis im Spee-Haus hatte. „Ich hätte einfach daheimbleiben können, als es in die Zeltlager oder nach Berlin ging“, sagt Thomas K. heute. Bei der Berlin-Fahrt habe die Jugendgruppe in der Wohnung von Pater E.s Mutter übernachtet, mit Schlafsäcken im Wohnzimmer. Nachts habe der Pater ihn dann ins Schlafzimmer geholt. „Ich fuhr mit, obwohl ich doch genau wusste, was dort passieren würde“, sagt er. Von diesem Gedanken ist es nur ein kleiner Schritt bis zu jenem Schuldgefühl, mit dem Opfer sich selbst bisweilen innerlich zu Mittätern erklären. Zur „Identifikation mit dem Aggressor“, wie manche Psychologen sagen.

Eine seltsame Geschichte erzählt Thomas K., wenn er davon berichtet, wie er sich von Pater E. löste. Bei einem Zeltlager schleuderte er unbeobachtet eine Flasche in jene Höhle, in der die Gruppe bald Messe feiern sollte. Ein unvermittelter Wutausbruch. „Der Schuldige sollte sich melden und die Scherben wegräumen. Man drohte, die Messe abzusagen – doch ich schwieg.“ Schließlich nahm ein anderer Junge die Schuld auf sich, obwohl alle wussten, dass er es nicht gewesen war. Das war Thomas K.s innerer Ausstieg. Er hatte sich behauptet. Noch immer verbrachte er seine Freizeit im Friedrich-Spee-Haus – doch der Pater ließ ihn in Ruhe: „Zwischen uns herrschte eine üble Spannung, wenn wir uns sahen“, sagt Thomas K.

Bald danach kamen Gerüchte auf. „Der E. schwult wieder rum“, kicherten jetzt andere Jungen. Und als die Mutter eines anderen Opfers bei Thomas K.s Eltern anrief, erzählte er ihnen alles. „Jetzt wussten viele davon – und dann, 1975, war der Pater plötzlich weg.“ Vertuschen und Versetzen statt Aufklären und Verhindern – das war über Jahrzehnte kirchliche Praxis. Sicher ist, dass E. nach Berlin ging. In die Jugendarbeit. Doch was genau zur Versetzung führte, ist noch unklar. In den alten Bistumsakten findet sich kein Hinweis auf sexuelle Übergriffe. Und die Juristin Ursula Raue, die für den Jesuitenorden Missbrauchsfälle untersucht, muss E.s Ordensakten erst noch genauer unter die Lupe nehmen. „Es ist aber klar, dass es auch in anderen Städten zu Missbrauch gekommen ist“, sagt sie. In Hannover sind Pater E.s Übergriffe die einzigen, die aus den vergangenen 40 Jahren in der katholischen Kirche bislang bekannt wurden. Doch das will nicht viel heißen.

Auch Thomas K.s Familie meldete den Fall damals nicht, und auch später war der Missbrauch selten Thema. Oft regiert in betroffenen Familien das Schweigen: Ein Seelsorger, der Kinderseelen zerstört – da klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander, dass es leicht fällt, die unwahrscheinlich erscheinende Wahrheit auszublenden. Es siegt der Glaube, dass Abgründe sich schließen, wenn man nur nicht hineinsieht.

Pater E. machte unterdessen Karriere: Er gründete das Hilfswerk „Ärzte für die Dritte Welt“, wurde mit mehreren Ehrendoktortiteln und einem „Bambi“ geehrt. Joschka Fischer und Helmut Kohl lobten seine Arbeit, Exbundesbankchef Hans Tietmeyer und „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler engagierten sich im Hilfswerk. Erst im Februar, als drei weitere Opfer aus Hannover ihn beschuldigten, erstattete der 70-Jährige Anzeige gegen sich selbst. „Es tut mir außerordentlich leid, was anderen durch mich geschehen ist“, erklärte er verschämt. Das Verfahren wurde inzwischen eingestellt, die Taten sind verjährt.

Thomas K. trat mit 18 aus der Kirche aus. Er beschreibt sich selbst als sensibel, wenn er andere leiden sieht: „Dann fühle ich mich, als ob ich selbst das Opfer wäre.“ Nur, wenn es um Missbrauch geht, sei er seltsam teilnahmslos. Seine ersten Beziehungen mit Mädchen gingen übers Küssen kaum hinaus: Sexualität war für ihn lange mit Angst und inneren Widerständen belegt. Dennoch hat er nie eine Therapie gemacht; auch mit seinen späteren Freundinnen sprach er eher in Andeutungen über seine Geschichte.

Den Schritt in die Öffentlichkeit wagt er erst jetzt. „Ich überlege, ob ich Anzeige erstatte“, sagt er. Natürlich weiß er, dass die Taten längst verjährt sind. „Aber vielleicht fühle ich mich dann besser, wenn das alles offiziell dokumentiert wird – ich habe dabei nichts zu verlieren.“ An einem Treffen mit Pater E. hat er kein Interesse. Lange hätte er ihn gerne mit seiner Vergangenheit konfrontiert. „Doch das ist vorbei“, sagt Thomas K. „Ich hätte ihm nichts mehr zu sagen.“

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