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Stadt Hannover Polizei sammelt Daten zu Flüchtlings-Straftaten
Aus der Region Stadt Hannover Polizei sammelt Daten zu Flüchtlings-Straftaten
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00:17 01.11.2015
Von Tobias Morchner
Bislang war es den Beamten überhaupt nicht möglich, die Vorfälle, in die Flüchtlinge als Opfer oder Täter involviert waren, gesondert zu erfassen und auszuwerten. Quelle: dpa/Symbolbild
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Hannover

Wie das Innenministerium auf Anfrage bestätigte, soll in der elektronischen Software Nivadis, mit der alle Vorgänge der Polizei landesweit erfasst werden, künftig ein zusätzliches Eingabefeld etabliert werden. „Mithilfe dieses sogenannten Auswertemerkers soll die Erstellung aussagekräftiger Kriminalitätslagebilder verbessert werden“, teilt Svenja Mischel vom Innenministerium mit. Straftaten gegen oder von Flüchtlingen könnten mit der neuen Funktion künftig zielgerichteter ausgewertet werden.

Bislang war es den Beamten überhaupt nicht möglich, die Vorfälle, in die Flüchtlinge als Opfer oder Täter involviert waren, gesondert zu erfassen und auszuwerten, weil in dem Computersystem schlicht kein Eingabefeld für dieses Kriterium vorhanden war. Gesondert erfasst wurde bislang dagegen, wenn die Polizisten ein Vergehen beispielsweise der organisierten Kriminalität zurechneten.

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Erstmals sollen belastbare Zahlen präsentiert werden

Mit dem Schritt wollen die Behörden den Gerüchten entgegentreten, die seit dem Beginn der Flüchtlingskrise kursieren und zum Teil sogar gezielt gestreut werden. Regelmäßig tauchen insbesondere im Internet Hinweise auf angebliche Verbrechen auf, die von Flüchtlingen verübt worden sein sollen. Anfang der Woche kursierte gar ein Eintrag, in Hannover sei ein zwölfjähriges Mädchen von einem 49-jährigen Asylbewerber missbraucht worden. Den genauen Tatort und den Zeitpunkt des Übergriffs blieb der Verfasser des Textes ebenso schuldig wie den Hinweis auf die genaue Quelle der Informationen. Nach Angaben der Polizei hat dieser Übergriff in Wirklichkeit nie stattgefunden. Durch die erstmalige, systematische Erfassung der Straftaten gegen und von Flüchtlingen wollen die Behörden diesen Entwicklungen im Internet entgegentreten und zum ersten Mal belastbare Zahlen präsentieren.

Bislang gibt es nur Schätzungen zu Asylbewerber-Kriminialität

Denn die bislang getätigten Aussagen der Polizei bezüglich der Straftaten im Zusammenhang mit Flüchtlingen basieren insbesondere rund um die sogenannten Notunterkünfte auf Schätzungen und Stichproben. Demzufolge hat die Polizei bislang keinen signifikanten Anstieg von schweren Delikten rund um die Asylunterkünfte festgestellt. Lediglich die Zahl der Ladendiebstähle sei gestiegen, teilt die Behörde mit. Vollkommen offen ist, wann erste valide Zahlen dieser neuen Erfassungsmethode vorliegen und was aus ihnen abzulesen sein wird. Grundsätzlich werden die Polizei-Kriminalstatistiken für ein Jahr im Frühjahr des darauffolgenden Jahres präsentiert.

Kritik an der neuen Methode

Kai Weber, Geschäftsführer des Niedersächsischen Flüchtlingsrats, hält den Vorstoß der Behörden für fragwürdig: „Die Kategorie Flüchtling ist schwer zu fassen – wer fällt denn in dieses Raster und wer nicht?“ Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen in prekären Lebenssituationen häufiger straffällig werden als andere. „Aber das trifft eben auf Deutsche genauso zu wie auf Flüchtlinge“, sagt Weber. Anstatt Straftaten von Flüchtlingen zu erfassen, sollte die Polizei nach Ansicht des Geschäftsführers lieber die Anzahl rassistisch motivierter Delikte gegen Ausländer statistisch erfassen.

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