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Stadt Hannover Trauer, Verzweiflung, Wut
Aus der Region Stadt Hannover Trauer, Verzweiflung, Wut
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00:19 20.08.2014
Von Jörn Kießler
„Es ist Wut“: Sayf Suliman bangt um seine Familie im Nordirak.
„Es ist Wut“: Sayf Suliman bangt um seine Familie im Nordirak. Quelle: Jörn Kießler
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Hannover

Seine Gefühle in Worte zu fassen fällt Salyf Suliman nicht leicht. „Es ist Wut“, sagt der 25-Jährige. „Am Anfang war es Trauer, dann Verzweiflung, doch jetzt bin ich einfach wütend.“ Die Wut kommt immer wieder in ihm auf, wenn er den Eindruck hat, dass er seinen Verwandten und Freunden im Irak nicht helfen kann. Wenn er merkt, dass ihn mehr als 3000 Kilometer von seinem Onkel und seinem Cousin trennen, die sich gerade bei Singal den Kämpfern der Terrorgruppe Islamischer Staat entgegen stellen. Und wenn er nicht weiß, wie es dem Rest seiner Familie im Nordirak geht. Salyf Suliman ist Jeside und wohnt in Lehrte.

Geboren wurde Salyf in Mossul. Im Alter von fünf Jahren kam er mit seinem Vater und seiner Mutter nach Deutschland. „Mein Vater sagte damals, der Irak sei nicht das Land, in dem seine Familie leben soll“, erzählt Salyf. Dem Beispiel der kleinen Familie folgte aber nur ein Bruder der Mutter. Viele Onkels und Tanten, aber auch unzählige Freunde blieben in dem Krisengebiet. „Wir versuchen täglich, mit ihnen zu sprechen“, sagt Suliman. „Doch manchmal erreichen wir sie nicht.“ Obwohl sie wissen, dass es Regionen gibt, in denen die Mobiltelefone keinen Empfang haben, ist es immer wieder ein Schock für sie.

Sein Onkel und seine Familie lebten bis vor Kurzem in Singal, der Stadt, die vor wenigen Tagen von den IS-Truppen eingenommen wurde. Daoud brachte kurz davor seine Familie in Sicherheit, in die östlich gelegene Stadt Dohuk. Er selbst und sein 20 Jahre alter Sohn reisten aber über Syrien zurück in das Gebirge im Norden des Landes, wohin nach den Angriffen unzählige Jesiden geflüchtet waren. „Mein Onkel hat uns erzählt, dass die Straße zwischen dem Sindschar-Gebirge und der syrischen Grenze von IS-Truppen kontrolliert wird“, sagt Salyf. „Als ich verstand, dass er und sein Sohn Rashed versuchten, die Menschen über diese Straße nach Syrien zu bringen, wollte ich selbst in den Irak und mit ihnen kämpfen.“

Das Jesidentum ist eine Religion, zu der man nicht konvertieren kann. Man wird als Jeside geboren. Legt man den Glauben einmal ab, kann man ihn nie wieder annehmen. „Wenn wir nicht kämpfen, dann gibt es uns bald nicht mehr“, sagt Suliman. Er kämpft nun von Deutschland aus, auf seine Weise. „Mein Onkel sagte mir, dass es wichtiger sei, dass mein Vater und ich zu Spenden aufrufen, als dass wir in den Irak kommen.“ Seitdem versucht der junge Mann alles, um auf die Situation in seiner Heimat aufmerksam zu machen. Er schreibt in sozialen Netzwerken das auf, was sein Onkel ihm berichtet. Er erinnert immer wieder daran, wie wichtig es ist, dass Hilfsgüter auch an der richtigen Stelle ankommen. Viele der Lieferungen gingen an die kurdische Regierung. „Die greift aber nicht aktiv in den Kampf ein“, sagt Suliman. „Sie nutzt die Waffen nur, um sich zu schützen.“ Daher geht er auch immer wieder auf die Straße - in Hannover, Bielefeld, sogar vor dem Europäischen Parlament in Brüssel.

Als er davon berichtet, verdunkelt sich sein Blick. „Damals stand ein Junge neben mir, der versuchte, seine Familie zu erreichen“, erzählt Salyf. Irgendwann ging dort jemand ans Telefon, es war aber nicht der Vater des Jungen. „Es war ein IS-Kämpfer“, sagt Salyf. „Er sagte dem Jungen, dass er keine Familie mehr habe und legte auf.“

Spendenaufruf

Die Ezidische Akademie e.V. sammelt unter folgender Bankverbindung Spenden für die verfolgten Jesiden im Irak:

Kontoinhaber: Ezidische Akademie e.V.
Kontonummer: 910041768
Bankleitzahl: 250 501 80
IBAN: DE87250501800910041768 
BIC: SPKHDE2HXXX.

Betreff: Humanitäre Hilfe schingal      

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