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Stadt Hannover Als Albert Schweitzer an seine Schule nach Hannover kam
Aus der Region Stadt Hannover Als Albert Schweitzer an seine Schule nach Hannover kam
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20:55 03.10.2019
Im Kreis der Honoratioren: Albert Schweitzer (mit Schnauzbart) besucht 1959 die Albert-Schweitzer-Schule. Quelle: Wilhelm Hauschild
Linden-Nord/Limmer

Ein älterer, staubiger Straßenkreuzer hielt auf dem Schulhof. „Heraus stieg ein alter Herr, weißhaarig, leicht gebeugt, altväterlich gekleidet, mit einem buschigen Schnurrbart unter der kräftigen Nase“, schrieb tags darauf die HAZ. Der 84-Jährige, der sich am 5. Oktober 1959 in Hannover die Ehre gab, war damals schon so etwas wie eine lebende Legende: Albert Schweitzer, Mediziner und Musiker, Theologe und Pazifist, war wenige Jahre zuvor mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden. Sein Wirken als „Urwalddoktor“ im afrikanischen Lambarene hatte Generationen fasziniert.

In Hannover besuchte der gebürtige Elsässer die Schule, die acht Jahre zuvor nach ihm benannt worden war. Eigentlich waren schon Herbstferien, doch der Direktor trommelte kurzerhand alle verfügbaren Schüler zusammen, als er erfuhr, dass Schweitzer auf der Durchreise einen Zwischenstopp in Hannover einlegen würde.

Empfang durch Honoratioren

Lehrer, Eltern, Schüler und vor allem die Honoratioren der Stadt huldigten dem berühmten Menschenfreund: Man hielt feierliche Reden, Oberstadtdirektor Karl Wiechert und Oberbürgermeister August Holweg kredenzten Schweitzer einen Bildband über Hannovers Zerstörung und Wiederaufbau. Vom Kultusminister bis zu den Schulräten gaben sich wichtige Persönlichkeiten ein Stelldichein in der Schule, die damals noch an der Fröbelstraße lag und 2012 an die Liepmannstraße umzog.

Ein Zufallsfund: Schulleiterin Ayten Ciftci und Bernd Stöckmann mit den entdeckten Dokumenten. Quelle: Simon Benne

Jetzt sind überraschend Dokumente aufgetaucht, die an diese fast vergessene Visite erinnern. Der frühere Kriminalbeamte Bernd Stöckmann, der seit zwei Jahren als pädagogischer Mitarbeiter an der Schule tätig ist, suchte eigentlich ganz andere Unterlagen, als er im Schulkeller auf einen verstaubten Archivschrank stieß. Darin entdeckte der 64-Jährige Fotos und Papiere sowie Tonbänder und Acht-Millimeter-Filmrollen, die den Besuch Schweitzers dokumentieren. „Wir hatten gar nicht gewusst, dass unser Namenspatron jemals hier gewesen war“, sagt Stöckmann.

Nach seinen Recherchen war die Lindener Schule die erste in Deutschland, die 1951 nach Albert Schweitzer benannt worden war – heute gibt es Dutzende Bildungsstätten mit diesem Namen. Die Schulleiterin Ella Krieser, die im Februar 1959 verstorben war, hatte stets intensiven Kontakt mit Schweitzer gepflegt. Seinen Hannover-Besuch verband dieser auch mit einer „Wallfahrt“ zu ihrem Grab in Kirchrode, wie er selbst sagte.

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt

Zuvor ließ der 84-Jährige sich geduldig Klassenzimmer zeigen und nahm Schecks für die Arbeit in Afrika entgegen. „Machen Sie alles mit mir, was Sie vorhaben“, sagte er, „schonen Sie mich um Gottes willen nicht, das kann ich am wenigsten vertragen.“ Schweitzer trug sich auch ins Goldene Buch von Hannover ein. Da er dafür nicht ins Rathaus fahren wollte – der alte Herr wünschte eigentlich kein großes Tamtam – wurde dieses eigens in die Schule gebracht.

Später geriet Schweitzer wegen seines patriarchalen Umgangs mit Afrikanern auch in die Kritik, doch in der Schule zeigte er sich 14 Jahre nach Krieg und Diktatur vor allem als Humanist: Die Menschlichkeit sei verloren gegangen, sagte er in seiner Rede, und um ihr wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, müsse man bei der Arbeit mit Kindern in der Schule beginnen.

Albert Schweitzer in Hannover

„Er steht für Menschlichkeit“

Die historischen Filmaufnahmen von jenem Oktobertag 1959 wurden mittlerweile am Filminstitut Hannover digitalisiert. Die Dokumente könnten den Grundstock zu einer Schulchronik bilden, sagt die derzeitige Schulleiterin Ayten Ciftci. Auch eine Ausstellung in der Aula sei angedacht. „Albert Schweitzer steht für Menschlichkeit und soziales Engagement – Werte, die uns an unserer Schule auch heute wichtig sind.“

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Von Simon Benne

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