Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadt Hannover „Fangprämie“ für Üstra-Kontrolleure
Aus der Region Stadt Hannover „Fangprämie“ für Üstra-Kontrolleure
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:24 04.06.2015
Von Andreas Schinkel
Aufschreiben lohnt sich: Protec-Mitarbeiter im Einsatz in der Stadtbahn. Quelle: Harald Koch
Anzeige
Hannover

In kaum einer anderen Großstadt gehen den Fahrkartenkontrolleuren so viele Schwarzfahrer ins Netz, wie in Hannover. 64.000 Menschen ohne Ticket erwischten die insgesamt 80 Kontrolleure im vergangenen Jahr in Hannovers Stadtbahnen. Jetzt wird bekannt, dass sich der Eifer zumindest für einen Teil der Prüfer auch in barer Münze auszahlt.

20 Kontrolleure, die für die Sicherheitsfirma Protec arbeiten, erhalten vom kommunalen Verkehrsunternehmen Üstra eine Prämie für ertappte Schwarzfahrer. „Bis zu 800 Euro im Monat bekommen die Protec-Mitarbeiter dadurch zusätzlich“, sagt Üstra-Sprecher Udo Iwannek.

Anzeige

Arbeitsanreiz oder Kopfgeld?

Die Üstra will das Geld nicht als Fangprämie oder Kopfgeld verstanden wissen. „Wir geben unseren Kontrolleuren einen Arbeitsanreiz“, sagt Iwannek. Schließlich wolle man verhindern, dass die Kontrolleure ihre Arbeitszeit mit Kaffeetrinken verbringen. „Unsere Leute sollen schon intensiv kontrollieren“, sagt Iwannek. Die übrigen 60 bei der Üstra angestellten Ticketprüfer seien von der Regelung ausgenommen. Sie werden nach dem Tarif im öffentlichen Dienst bezahlt, die Protec-Bediensteten erhalten dagegen nur den Mindestlohn von 8,50 Euro plus Zulage.

Kontrolleure, die nicht genügend Schwarzfahrer aufschreiben, nimmt die Üstra genauer unter die Lupe. Stimmen die Fallzahlen nicht, werden die Mitarbeiter zum Gespräch gebeten. „Das ist ein ganz normales Verfahren, das es auch in anderen Betrieben gibt“, sagt Iwannek.

Streit mit Rentnern eskaliert

Der Verdacht drängt sich auf, dass Kulanz und Freundlichkeit leiden, wenn für Kontrolleure nur der erwischte Schwarzfahrer zählt. Vor ein paar Wochen beschwerten sich zwei Rentner über ein allzu robustes Auftreten von Üstra-Kontrolleuren. Der Streit eskalierte und gipfelte in einer körperlichen Auseinandersetzung, über die die HAZ berichtete. Am Ende beschuldigten sich Rentner und Kontrolleure gegenseitig, handgreiflich geworden zu sein.

Die Üstra betont, dass Beschwerden über unfreundliches oder aggressives Verhalten von Kontrolleuren die absolute Ausnahme bleiben. „Auf 1000 Kontrollen kommt vielleicht eine Beschwerde“, sagt Iwannek. Zudem sei die Zahl der Klagen über Mitarbeiter, die eine Prämie bekommen, nicht höher als die Zahl der Beschwerden über die übrigen Kontrolleure, die keinen Schwarzfahrerbonus kassieren. „Das beweist, dass Fahrgäste nicht unter unserem Anreizsystem leiden“, meint Iwannek.

Genug Spielraum für Kulanz

Spielraum für Kulanz sieht die Üstra genug. Um in den Genuss der Sonderzahlung zu kommen, müssen die Protec-Kontrolleure erwischte Schwarzfahrer lediglich aufschreiben. Ob die registrierten Fahrgäste am Ende ein Bußgeld zahlen müssen, entscheide sich erst in einem zweiten Schritt. „Im Kundenzentrum prüfen wir die Aussagen der Kunden nach und verzichten gegebenenfalls auf das Bußgeld“, sagt Iwannek. Eine häufige Begründung für die Fahrt ohne Ticket sei der Hinweis auf einen defekten Kartenautomaten. „Solche Rechtfertigungen können wir sofort überprüfen“, sagt Iwannek.

In der Regionspolitik, die der Üstra auf die Finger schaut, hält man sich mit einer Bewertung zurück. Die SPD denkt noch darüber nach, wie sie die Prämienregelung findet, die CDU hat nichts einzuwenden. „Schwarzfahrer verhalten sich unsozial. Je mehr von ihnen erwischt werden, desto besser“, sagt CDU-Regionspolitiker Oliver Brandt. Zudem seien die Protec-Leute schlecht bezahlt.

Hannover auf einem Sonderweg

Die Verfahrensweise von Protec, Kontrolleuren Prämien für erwischte Schwarzfahrer zu zahlen, ist in anderen Städten in Deutschland weniger verbreitet.
Zwar beschäftigen manche Verkehrsbetriebe ebenfalls externe Dienstleister für die Fahrscheinkontrollen, so wie die Dresdner Verkehrsbetriebe AG. Jedoch werden dort keine Zulagen für ertappte Schwarzfahrer gezahlt.
Auch in Köln und Bremen erhalten die Kontrolleure keine Zulagen nach dem hannoverschen Modell. „Wir wollen nicht, dass Streit unter den Kollegen entsteht, wer welchen Schwarzfahrer zuerst entdeckt, oder wer in einer Schicht mehr erwischt hat“, sagt Jörg Speitel von der Bremer Straßenbahn AG auf Nachfrage der HAZ. „Bei uns gibt es Kopfgeldprämien grundsätzlich nicht, und das ist auch noch nie Diskussion gewesen.“

Stadt Hannover Polizeihubschrauber erschreckt Tiere - Land muss für verletzte Haflinger zahlen
Michael Zgoll 04.06.2015
04.06.2015
Stadt Hannover Geschäftsführung gibt Probleme zu - Das neue Siloah fährt Verluste ein
06.06.2015