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Stadt Hannover „Spuren lügen nicht“: So arbeiten die Unfallexperten der Polizei
Aus der Region Stadt Hannover „Spuren lügen nicht“: So arbeiten die Unfallexperten der Polizei
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00:18 05.05.2019
Unfallaufnahme aus der Höhe: Stefanie Adrian und Lars Garbers bei der Arbeit auf der B 188. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn biegt Polizeioberkommissarin Stefanie Adrian in einem Bulli vom Welfenplatz in die Celler Straße ein und beschleunigt den Wagen. Nach wenigen Metern, an der Kreuzung mit der Lister Meile, muss sie das Einsatzfahrzeug wieder abrupt abbremsen. Unmittelbar vor dem VW überquert eine Fußgängerin mit Kopfhörern im Ohr seelenruhig die Straße und lässt sich auch nicht von dem Lärm des Polizeiwagens abhalten.

Die beiden Beamten vom Verkehrsunfalldienst (VUD) der Polizeidirektion Hannover sind an diesem Montag auf dem Weg zur Bundesstraße 188. Zwischen Burgdorf und dem Schwüblingser Kreisel sind zwei Fahrzeuge zusammengestoßen, heißt es in der ersten Meldung der Leitstelle. In einem der Wagen sei eine Person eingeklemmt, der Rettungshubschrauber sei angefordert worden – ein typischer Fall für die Einsatzkräfte des VUD. Stefanie Adrian, Lars Garbers und ihre rund 20 Kolleginnen und Kollegen werden immer dann gerufen, wenn es bei einem Unfall Verletzte zu beklagen gibt. Sie müssen den Unfallort genau untersuchen und vermessen, alle Spuren genau dokumentieren und mit Zeugen sprechen, durchschnittlich 1600 Mal pro Jahr in der Stadt und im Umland.„Bekommt die überhaupt etwas mit“, fragt Adrians Kollege Lars Garbers vom Beifahrersitz.

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Stefanie Adrian und Lars Garbers vom VUD Quelle: Foto: Heidrich

An der Unfallstelle auf der B 188 blicken die beiden Helfer des VUD auf ein Trümmerfeld. Fahrzeugteile liegen meterweit verstreut über beide Fahrspuren. Öl ist ausgelaufen. Ein Mercedes Vito mit zertrümmerter Front, herausgerissenen linken Vorderreifen und zwei aufgeplatzten Airbags steht noch auf der Straße. Auf einem Parkplatz an der Bundesstraße steht ein silberner Golf verkeilt in einen Mercedes. Rettungskräfte sind noch damit befasst, den eingeklemmten und schwer verletzten Fahrer des VW aus dem Wrack zu befreien. Auf den ersten Blick stellt es sich so dar, als ob die Fahrerin des Vito aus unbekannten Gründen in den Gegenverkehr geraten und dort mit einem entgegenkommenden VW Golf zusammengeprallt ist. Ob die Spurenlage dieser ersten Einschätzung auch stand hält, muss der Verkehrsunfalldienst jetzt herausfinden.

Beamte suchen subjektive und objektive Befunde

Stefanie Adrian und Lars Garbers teilen sich die Arbeit an der Einsatzstelle genau auf. Die 47-Jährige spricht mit den Zeugen und, soweit das möglich ist, mit den Beteiligten des Unfalls. Der 32-Jährige sammelt die Fakten vor Ort zusammen. „Subjektive und objektive Befunde suchen“ nennen die beiden das. Für den 32-jährigen Polizisten geht es zunächst an das Vermessen der Unfallstelle. Mit Kreide und einem Messgerät zum Rollen geht Garbers die Unfallstelle ab und markiert die wichtigsten Punkte der Kollision, sowie die Länge und die Breite der Unfallstelle mit der Kreide auf der Straße. „Spuren lügen nicht“, sagt er.

Stefanie Adrian und Lars Garbers vom VUD Quelle: Foto: Heidrich

Dann holt er einen Fotoapparat und macht akribisch Bilder von der Unfallstelle. Dazu nimmt er auch einen drei Meter große Maßstab zu Hilfe. Inzwischen ist es 14.45 Uhr. Der Unfall vor rund 75 Minuten geschehen, wann die Straße wieder frei gegeben werden kann, ist unklar. Die ersten Lastwagenfahrer im Stau werden ungeduldig. „Lasst uns doch an der Seite vorbeifahren, da ist doch Platz genug für einen Panzer“, sagt einer von ihnen. Der Mann hätte um 14 Uhr Feierabend gehabt, seine Spedition ist in unmittelbarer Nähe. „Um drei hätte ich beim Geburtstag meines Schwiegersohns sein sollen und jetzt stehe ich hier“, sagt der Fernfahrer. Doch die Polizisten bleiben eisern.

Besuch bei Verletzten im Krankenhaus

Garbers und Adrian müssen den Unfallort so genau dokumentieren, damit im Zweifelsfall ein unabhängiger Gutachter das Geschehen ohne Schwierigkeiten nachvollziehen und, wenn es ganz hart kommt, nachstellen kann. Fehlt ein Detail, trägt der Verkehrsunfalldienst die Schuld. Um alle Einzelheiten eines Unfallgeschehens festhalten zu können, setzten die Polizisten regelmäßig auch einen sogenannten Laserscanner ein, der Aufnahmen in 3D anfertigen kann. „Für ein Bild benötigt das Gerät allerdings sieben bis acht Minuten, wir benötigen zwischen acht und 25 Aufnahmen, da kann man sich leicht ausrechnen, wie lange das braucht“, sagt Garbers.

Stefanie Adrian und Lars Garbers vom VUD Quelle: Foto: Heidrich

Polizeikommissarin Adrian hat in dem demolierten Vito die Handtasche der Fahrerin entdeckt, die die 49-Jährige dort vergessen hat. „Wir fahren gleich sowieso noch in die Krankenhäuser, um und nach den Verletzungen der Beteiligten zu erkundigen, da können wir die Tasche gleich mitnehmen“, sagt sie. So geht es nach dem Abschluss der Unfallaufnahme zunächst ins Klinikum Großburgwedel zur Fahrerin des Vito. Von dort nach Hannover ins Vinzenzkrankenhaus, in dem die Beifahrerin aus dem Golf versorgt wird. Letzte Station für die VUD-Mitarbeiter ist dann die Medizinische Hochschule. Dorthin war der Fahrer des VW gebracht worden. Dessen Verletzungen sind zum Glück nicht so schwer, wie zunächst befürchtet. „Ein Arm ist gebrochen und er hat sich eine Prellung des Brustkorbes zugezogen“, sagt Adrian.

Sie ist erst kürzlich vom regulären Streifendienst zum Verkehrsunfalldienst gewechselt. Doch die neue Aufgabe hat bereits Spuren hinterlassen. „Ich fahre privat jetzt deutlich vorsichtiger Auto, besonders auf Landstraßen, die von Bäumen gesäumt sind“, sagt sie. Auch Lars Garbers, der von der Autobahnpolizei zum VUD gewechselt ist, hat sein Verhalten auf der Straße verändert. „Ich fahre auch Motorrad und ziehe dabei so viele Protektoren wie möglich an – auch wenn es nur für den Weg zum Bäcker ist“, sagt er.

Zurück in der Dienststelle am Welfenplatz müssen Stefanie Adrian und Lars Garbers den Unfall von der Bundesstraße 188 zu Papier bringen und ihren Bericht schreiben. Während sie vor ihren Rechnern sitzen, ruft wieder die Leitstelle beim VUD an. In Seelze ist der Fahrer eines Pedelecs durch die Heckscheibe eines Autos gekracht und in dem Wagen stecken geblieben. Auf der Landesstraße 412 zwischen Burgdorf und Immensen hat ein Imbisswagen mit dem Außenspiegel einen 77-jährigen Radfahrer erfasst und dabei tödlich verletzt. Diese beiden Unfälle übernehmen die Kollegen von Stefanie Adrian und Lars Garbers. Doch zum nächsten Zusammenstoß mit Verletzten müssen die beiden wieder anfahren.

Auch die Unfallforschung der MHH ist vor Ort

Fahren die Beamten des Verkehrsunfalldienstes zu einem Einsatz raus, sind auch meist die Kolleginnen und Kollegen der Unfallforschung der Medizinischen Hochschule Hannover nicht weit. Seit 46 Jahren analysieren die Wissenschaftler mit Unterstützung der Bundesanstalt für Straßenwesen Unfälle. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten die Daten über 30 000 Unfällen mit 56 000 Fahrzeugen und 40 000 Verletzten erfasst. Die vor Ort gesammelten Daten geben sie in Computer ein und können dann in den Rechnern den Unfall noch einmal exakt so simulieren, wie er sich auf der Straße zugetragen hat. Auf dieser Basis erarbeiten sie Vorschläge zur Entschärfung von Gefahrenpunkten.

Aufgrund der Analysen der MHH-Spezialisten wurden aber auch die Sicherheitsgurte in Autos verbessert, serienmäßig Antiblockiersysteme (ABS) in Fahrzeuge eingebaut und die Schutzkleidung für Motorradfahrer verbessert. Viele Neuerungen stießen bei den Verkehrsteilnehmern zunächst auf Ablehnung. So wurden die von der Unfallforschung entwickelten Schutzanzüge für Motorradfahrer mit eingebauten Protektoren anfangs als Ritterrüstung verhöhnt. Als die Forscher 1984 die erste Studie zum Nutzen des Fahrradhelms vorlegten, erhielten die Wissenschaftler böse Briefe.

Von Tobias Morchner

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