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Stadt Hannover „Fast wie in Italien“: Der neue Propst Christian Wirz zeigt sein Hannover
Aus der Region Stadt Hannover „Fast wie in Italien“: Der neue Propst Christian Wirz zeigt sein Hannover
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16:07 17.10.2019
„Die Frage nach Gott präsent halten“: Der neue Propst Christian Wirz beim Bummel durch die Altstadt. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Nirgends ist Hannover so italienisch wie hier. Christian Wirz blickt an der Fassade der Basilika St. Clemens empor, dem nördlichsten Außenposten des venezianischen Barocks. „Wenn ich drüben aus meinem Fenster sehe, kann ich mir fast vorstellen, dass ich in Italien bin“, sagt der 45-Jährige und lacht. Vor wenigen Wochen ist er in die benachbarte Propstei eingezogen. Als neuer Propst ist er der oberste Vertreter von rund 150 000 Katholiken in der Region.

Mit Propst Wirz durch Hannover

Italien ist für ihn vertrautes Terrain. In Rom hat der Theologe, der fließend Italienisch spricht, studiert. An der Gregoriana, der päpstlichen Elite-Uni, promovierte er über Odysseus‘ Sirenen-Abenteuer. In jener alten Geschichte lauscht der Held den betörenden Gesängen der Sirenen, doch weil er dabei an den Mast seines Schiffes gefesselt ist, kann er ihren todbringenden Verlockungen nicht erliegen. Eine Metapher auch für den Umgang mit den trügerischen Verheißungen der Welt. „Odysseus hört zu, aber er ist gebunden – das hat mir immer gut gefallen“, sagt Wirz. Offenes Ohr und fester Standpunkt also.

Faible für den Orient

Mit seiner kleinen Brille und dem Priesterkragen sieht der großgewachsene Theologe aus wie ein gewitzter britischer Landpfarrer, der einem Krimi von Chesterton entstiegen und irgendwie im multikulturellen Ambiente der Calenberger Neustadt gelandet ist. Zwischen den arabischen Schriftzügen der Geschäfte fühlt er sich wohl: „Ich habe ein Faible fürs Orientalische“, sagt Wirz, der bei einem Projekt der Malteser im Libanon seit Jahren regelmäßig im Sommer Behinderte betreut.

„Fast wie in Rom“: Christian Wirz mit HAZ-Redakteur Simon Benne vor der Kuppel der Clemenskirche. Quelle: Samantha Franson

Vor einem türkischen Elektroladen bleibt er stehen: „Erzähl der Welt, was du zu sagen hast“, steht im Schaufenster. „Da geht es um Handys, aber das gilt genauso für den Glauben, gerade in einer Großstadt“, sagt er. Wie sein Vorgänger Martin Tenge will auch er in Hannover den Dialog zwischen den Religionen pflegen: „Wir haben das gemeinsame Anliegen, die Frage nach Gott in der Gesellschaft präsent zu halten.“

Mit großen Schritten geht es Richtung Altstadt. Unterwegs zitiert der Intellektuelle schon mal aus dem Stegreif Adorno oder Augustinus, dann wieder würdigt er das Flair des Flohmarkts am Leibnizufer. Dass der Bischof ihn nach Hannover geschickt hat, sei für ihn schon eine Überraschung gewesen, gesteht er – doch der passionierte Kinogänger schwärmt bereits von den kulturellen Angeboten der Stadt.

Unterricht bei Gabriel

Er selbst stammt aus Goslar, wo der spätere SPD-Chef Sigmar Gabriel sein Gemeinschaftskundelehrer war: „Er war streng, aber gerecht – und sein Unterricht war ziemlich kurzweilig“, erzählt er mit breitem Lächeln. Ansonsten war Christian Wirz‘ Kindheit gut katholisch: Ein Onkel war Diakon, der Vater leitete die katholische Grundschule, seine Tante Ingeborg war Ordensschwester und Direktorin der St.-Ursula-Schule in Hannover. Wie selbstverständlich wurde Wirz Ministrant und Jugendvertreter im Pfarrgemeinderat. Ein katholisches Milieu, das es so kaum noch gibt.

„Erzähl der Welt, was du zu sagen hast“: Diese Werbung eines türkischen Handyladens machte Wirz zum Thema seines Einführungsgottesdienstes in der Basilika St. Clemens. Quelle: Samantha Franson

Missbrauchsskandale haben die Kirche in Verruf gebracht, die Austrittszahlen sind hoch, der Priestermangel eklatant. Wirz selbst war zuletzt als Pfarrer in Gronau für 41 Dörfer zuständig. „Das ist heutzutage Standard“, sagt er nüchtern. Neben dem Job als Propst soll er künftig auch weiterhin Offizial bleiben, oberster Richter am Kirchengericht des Bistums – eine gewaltige Doppelbelastung. Doch die Personaldecke der Diözese ist dünn. Viele Katholiken hoffen daher darauf, dass der Zölibat, die verpflichtende Ehelosigkeit für Priester, bald gelockert wird. „Er ist kein Dogma, aber ich würde mich freuen, wenn es weiterhin auch zölibatäre Priester geben würde“, sagt Wirz.

Respekt vor Luther

Der neue Propst ist durchaus traditionsbewusst; in Gronau zelebrierte er Messen gelegentlich auf Latein. „Das ist eine von vielen möglichen Arten, Gott zu begegnen“, sagt er bedächtig, wenn man ihn danach fragt. Für die Frauen, die heute in der Kirche aufbegehren, zeigt er gleichwohl Verständnis: „Das ist ein Riesenthema, das viele Menschen beschäftigt“, sagt er. „Wir müssen auch in Hannover darüber nachdenken, wie wir die Teilhabe von Frauen verbessern können.“

„Einer, der Gott sehr ernst genommen hat“: Christian Wirz am Luther-Denkmal. Quelle: Samantha Franson

Die Glocken läuten, als er vor der Marktkirche stehen bleibt. „Von meinem Schlafzimmer aus geht mein erster Blick jeden Morgen zu ihrem Turm“, sagt Wirz. An der Ecke steht das Luther-Denkmal. Wie hält Hannovers oberster Katholik es mit dem Reformator? „Luther war einer, der Gott sehr ernst genommen hat“, sagt er respektvoll, „das kann uns Leitfaden in der Ökumene sein.“

„Guten Kaffee gibt es hier auch“: der neue Propst vor dem Kirchenladen ka:punkt. Quelle: Samantha Franson

Wirz will noch weiter, zum Kirchenladen ka:punkt in der Grupenstraße. Die kleine Kapelle im Keller, eingerichtet zur Expo 2000, ist der einzige katholische Gottesdienstraum in der Altstadt. Der Laden selbst bietet Lebensberatung an und ist Ort von Vorträgen, Besucher können hier aber auch einfach ungezwungen Zeitung lesen. „Jeden Monat kommen 5000 Menschen hierher, vom Obdachlosen bis zum Geschäftsmann“, sagt Wirz, „das ist eine Anlaufstelle mitten in der City.“ Es klingt, als würde er sich so seine Kirche wünschen: nah bei den Menschen, gut besucht, offen für alle. Wirz nickt zufrieden. „Und richtig guten Kaffee gibt es hier auch.“

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