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Stadt Hannover Geheimcode Leibniz
Aus der Region Stadt Hannover Geheimcode Leibniz
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10:04 11.01.2015
Von Simon Benne
„Dieser Apparat war die erste rein mechanische Kodiermaschine“: Erwin Stein präsentiert die Machina deciphratoria in der Leibniz-Ausstellung der Uni.  Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Sein Name war Leibniz. Gottfried Wilhelm Leibniz. Und obwohl der geniale Gelehrte vor 300 Jahren lebte, hätten Geheimdienstler des 20. Jahrhunderts wohl ihre helle Freude an ihm gehabt: Schon anno 1686 präsentierte Leibniz dem Kaiser in Wien bei einer Audienz seine Pläne für eine Machina deciphratoria – einen Apparat, um geheime Texte in Agentenmanier zu verschlüsseln.

Zu Leibniz’ Lebzeiten wurde die Chiffrier­maschine nie gebaut, doch das haben ein paar versierte Tüftler nun in fünfjähriger Kleinarbeit nachgeholt. Leibniz-Experten wie die Professoren Herbert Breger und sein Kollege Nicholas Rescher von der Uni Pittsburgh leisteten die gedankliche Vorarbeit, der Garbsener Ingenieur Klaus Badur konstruierte die Details des Apparats. In seiner Feinmechanikerwerkstatt in Garbsen baute Gerald Rottstedt dann zwei Exemplare des Geheimschriftapparates zusammen. Eins für Pittsburgh, eins für Hannover.

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Ein Meilenstein in der Geschichte der Kryptografie

„Leibniz hat sich ausführlich mit Kryptografie beschäftigt, mit der Verschlüsselung geheimer Texte“, sagt Erwin Stein. Der Mechanikprofessor konnte die Chiffriermaschine jetzt in die von ihm initiierte Leibniz-Ausstellung im Welfenschloss aufnehmen. Die Fritz-Behrens-Stiftung, die den Bau der Maschine mit 40.000 Euro unterstützte, hat diese als Dauerleihgabe für die Ausstellung in der Universität zur Verfügung gestellt.

Die Konstruktion markiert einen Meilenstein in der Geschichte der Kryptografie. Schon in der Antike hatten römische Feldherren Botschaften mit primitiven Codes verschlüsselt. Später schickten sich Geheimschreiber Zettel mit Buchstabensalat: Nur, wer eine passende Schablone aufs Blatt legte, konnte den Text lesen. Der englische Gelehrte John Wallis (1616–1703) verwandte dann als Erster die „symmetrische Substitution“, bei der jeder Buchstabe im Alphabet einfach um drei Stellen verschoben wurde – „a“ wurde im verschlüsselten Text zu „d“, ein „b“ zu einem „e“. Leibniz schrieb seinem Kollegen Wallis aus Hannover gern kodierte Briefe – und er führte die Chiffrierkunst ins Zeitalter der Mechanik.

Wichtiger Vorreiter

„Wie auf einem Claviocord“, so notierte Leibniz, sollten Bediener die 26 Buchstabentasten der Maschine betätigen. Heute erinnert der Apparat eher an eine Schreibmaschine als an ein Tasteninstrument, aber von Schreibmaschinen konnte Leibniz ja noch nichts wissen. Herzstück seines technischen Wunderwerks aus Wellen, Zahnrädern und Messingtasten ist eine Staffelwalze mit unterschiedlich langen Zähnen. Eine ganz ähnliche hatte Leibniz auch beim Bau seiner berühmten Rechenmaschine verwandt. Für den Chiffrierapparat recycelte er die eigene Idee kurzerhand: „Leibniz dachte nicht produktorientiert, sondern systemorientiert – so, wie es zum Beispiel im Autobau heute wieder Mode ist“, sagt Erwin Stein.

Die Machina deciphratoria: Benutzer tippen ihren Text in die Tastatur ein, die mit ihren 26 Buchstaben bereits sehr an die Tastatur späterer Schreibmaschinen erinnert. Die Staffelwalze kann in sechs verschiedenen Positionen stehen – daraus ergeben sich die Codes. Sie dreht sich bei jedem Tastendruck ... ... und sorgt dafür, dass auf einer Anzeigentrommel für jeden eingetippten Buchstaben ein anderer angezeigt wird.

Hätten die Tüftler Badur und Rottstedt nicht zuvor schon Leibniz’ Rechenmaschine nachgebaut – die Konstruktion der komplizierten Chiffriermaschine wäre ihnen wohl nie gelungen. Denn schon deren Bedienung bleibt für Laien kryptisch: Absender vertraulicher Nachrichten tippen ihren Text Buchstabe für Buchstabe in die Tastatur ein. Je nach Stellung der Staffelwalze wird jeder Buchstabe in einen anderen übersetzt, der in einer Anzeige erscheint. Den kodierten Text muss der Schreiber per Hand zu Papier bringen; an einen integrierten Drucker hatte Leibniz nicht gedacht. Um die Botschaft zu entschlüsseln, muss der Empfänger eine baugleiche Maschine haben – und wissen, in welcher Stellung die Staffelwalze steht.

„Dieser Apparat war die erste rein mechanische Kodiermaschine“, sagt Stein. „Noch im Zweiten Weltkrieg arbeitete die berühmte Enigma-Chiffriermaschine nach dem gleichen Prinzip – nur, dass diese elektromechanisch funktionierte.“ Heute allerdings seien Verschlüsselungen, bei denen einfach ein Buchstabe durch einen anderen ersetzt wird, nicht mehr tauglich, sagt Stein: „Moderne Computerprogramme könnten sie binnen Sekunden knacken.“

Zur Person

Er gilt als Hannovers größter Gelehrter: Gottfried Wilhelm Leibniz, geboren 1646 in Leipzig, wurde 1676 von Herzog Johann Friedrich nach Hannover gerufen. Hier arbeitete er als Hof­bibliothekar – und er beschäftigte sich mit Philosophie und Mathematik, mit Ingenieurskunst, Theologie und Geschichte. Er selbst sagte über sich, er habe schon beim Erwachen so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreiche, um sie aufzuschreiben. Dabei schrieb der Universalgelehrte so viel wie kaum ein anderer Mensch: Sein Nachlass umfasst allein 150.000 Briefe, die heute zum Unesco-Welterbe zählen. Sie werden in der hannoverschen Leibniz-Bibliothek verwahrt – ebenso wie die berühmte Rechenmaschine, die Leibniz konstruierte. 

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