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Stadt Hannover „Eine Preiserhöhung ist nötig“
Aus der Region Stadt Hannover „Eine Preiserhöhung ist nötig“
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00:15 04.02.2017
Üstra-Chef André Neiß. Quelle: Michael Thomas

Herr Neiß, der Nachbarlandkreis Hameln hat zum Ende des vergangenen Jahres etwas geradezu Revolutionäres gemacht: Er hat die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr gesenkt und die Tarifstruktur radikal vereinfacht. Ist so etwas auch in Hannover denkbar?

Meiner Meinung nach nicht - aber letztlich ist das eine politische Entscheidung. In Hameln tut man das, um die Menschen an Bus und Bahn heranzuführen. In Hannover haben wir aber eine grundlegend andere Situation: Hier verzeichnen wir für 2016 eine Steigerung der Fahrgastzahlen um 3,8 Prozent. Bundesdurchschnitt sind 1,8 Prozent.

Wie kommt es zu diesem Zuwachs?

Sicherlich zum einen durch den starken Zuzug in die Region Hannover, zum anderen aber auch durch das gute Angebot im Nahverkehr. Dabei waren die Rahmenbedingungen aus unserer Sicht noch nicht einmal optimal - schließlich hatten wir weder einen starken Anstieg der Spritpreise noch einen besonders harten Winter, der die Radfahrer zu uns gelockt hätte. In dem Fall wären die Zahlen noch besser ausgefallen.

Nun haben Sie stets Lobbyarbeit für einen Nahverkehr gemacht, der durch die Nutzer finanziert wird. Sie könnten auch sagen: Langsam reicht es mit den Preiserhöhungen.

Wenn man in das neue rot-schwarze Koalitionspapier guckt, dann steht da, dass die Kosten für den ÖPNV weitgehend gedeckt werden sollen. Um das zu tun, brauchen wir Einnahmen. Insofern bleibe ich dabei, dass das eine politische Entscheidung ist.

Die Üstra hat 13 Jahre in Folge die Fahrpreise erhöht. Wird es 2017 wieder eine Preiserhöhung geben?

Die Fahrpreise werden nicht von der Üstra erhöht. Die Fahrpreise werden im GVH (Großraumverkehr Hannover, d. Red.) abgestimmt. Aber ja, ich denke, es ist nötig.

Als Chef eines kommunalen Unternehmens sind Sie an die Entscheidungen eines schwerfälligen Gremiums gebunden, in dem darüber hinaus auch oft nicht unternehmerisch gedacht wird. Wie funktioniert die Arbeit in diesem Spannungsfeld?

Warum gibt es kommunale Unternehmen? Weil die Kommune der Meinung ist, dass ein privatwirtschaftlich angelehntes Unternehmen manches besser kann, als es die Verwaltung selbst könnte. In den letzten Jahren ist viel restrukturiert worden. Die kommunalen Unternehmen machen einen guten Job, die Zahlen sprechen für sich. Es gab ja auch mal die Idee, den Nahverkehr zu privatisieren. Die ist aber schnell wieder in der Versenkung verschwunden.

Ist der Nahverkehr als kommunales Unternehmen der Königsweg?

Es ist ideal, ja.

Nun leistet sich die Region für den Betrieb von Bussen und Bahnen in Stadt und Umland zwei Unternehmen - die Üstra und Regiobus. Ergibt das noch Sinn?

Auch das ist eine Entscheidung, die der Eigentümer trifft. Da will ich gar nicht hineinreden.

Aber zu bewältigen wäre das mit einer Firma?

Machbar ist vieles, aber die Entscheidung trifft der Eigentümer.

Nun fordern Sie als Chef dieses kommunalen Unternehmens angesichts der steigenden Fahrgastzahlen die Anschaffung von 24 neuen Stadtbahnen. Die Region ist bisher dagegen und will lieber die alten, grünen Bahnen aufbereiten. Warum brauchen Sie unbedingt neue?

Zunächst einmal schaffen wir ja schon eine Menge neuer Bahnen an. Zweimal 50 sind schon bestellt, weitere 46 sind auf dem Weg - das ist klasse. Wir sagen nun: Wir brauchen noch 24 weitere. Wir haben das eingehend mit dem Aufsichtsrat und Mitarbeitern der Regionsverwaltung besprochen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass dies für die Kunden, aber auch betrieblich und betriebswirtschaftlich ideal wäre.

Dennoch gibt es bei der Region Zweifel. Warum?

Weil die Befürchtung besteht, dass es nicht genug Hochbahnsteige gibt, die wir für die neuen Bahnen brauchen. Im Moment fehlen an strategischer Stelle vier - der am Bahnhof Nordstadt auf der Linie 6 und drei entlang der Linie 2 in Rethen. Wir benötigen nur auf einer der beiden Linien 2 oder 6 durchgehend Hochbahnsteige, um alle TW 3000 einsetzen zu können. Das ist beherrschbar, meine ich. Dazu kommt: Es gibt gewisse Zeitfenster für Zuschüsse, die wir nutzen sollten.

Über welche Preise und welche Förderung reden wir da?

Eine Bahn kostet am Ende je nach Angebot rund 3 Millionen Euro. Wir gehen von Fördermitteln von rund 50 Prozent dieser Summe aus. Wenn wir die bekämen, wären wir auch in der Lage, die Summe als Unternehmen selbst zu finanzieren - auch wegen der günstigen Zinssituation.

Im vergangenen Jahr sind Sie im Zuge der Diskussionen über Mitarbeiter-Boni hart mit Regionspräsident Hauke Jagau aneinandergeraten. Hat die Diskussion über die neuen Bahnen vielleicht auch mit einem gestörten Arbeitsverhältnis zu tun?

Nein, dazu sind wir zu professionell. Außerdem ist unser Arbeitsverhältnis völlig intakt.

Werden diese Bahnen, wenn sie denn kommen, schon autonom fahren?

Nein, aber weit weg ist das nicht. Da muss man nur nach Nürnberg gucken, wo so etwas schon getestet wird. Allerdings sind Stadtbahnen da technisch noch nicht so weit wie Autos.

Welche Zukunftspläne haben Sie noch?

Es geht darum, dass man sich Gedanken darüber macht, wie die Mobilität der Zukunft aussieht - etwa im Jahr 2030.

Wir dachten, das hätte es schon gegeben: den Stadtdialog 2030. Nur war der reichlich wenig konkret.

In der Tat wäre es wichtig, im Dialog mit Stadt und Region so etwas zu erarbeiten - und zwar wirklich gestaltend. Die Digitalisierung bietet Chancen, aber auch Gefahren. Ich will vermeiden, dass wir zum Lohnkutscher werden und die Reifen aufpumpen, während Google die Fahrpläne macht. Da koordiniert dann niemand mehr irgendetwas, wenn per Internet Autos hin und her geschickt werden.

Liegt die Zukunft der Üstra auch im Individualverkehr?

Sicherlich. Mir geht es da hauptsächlich um die erste und letzte Meile der Fahrt - also zu und von der Bahnstation. Da wird man sicher auch individuelle Lösungen anbieten müssen.

Hat das im politischen Raum schon jeder verstanden, oder sind Sie da fünf Jahre zu früh?

Nein, zu früh ist das nicht. Ich denke schon, dass das verstanden ist.

Zurück in die Gegenwart: Wie läuft es mit dem Alkoholverbot, das seit Anfang des Jahres gilt?

Gut. Wir haben im Januar 1462 Personen angesprochen - und ungefähr doppelt so viele Raucher. Das ist also nicht viel. Es läuft wesentlich ruhiger, als wir gedacht hätten.

Wie gehen Sie mit großen Menschenmengen um, etwa bei Fußballspielen - gehen Sie da auch jedem Biertrinker hinterher?

Da müssen wir auch erst Erfahrungen sammeln. Sicher muss man an solchen Tagen die Verhältnismäßigkeit beachten.

Seit Monaten streiten Sie sich mit der Landesdatenschutzbeauftragten Barbara Thiel um die Videoüberwachung in Bussen und Bahnen. Gibt es da Fortschritte?

Im Moment bleibt Frau Thiel da hart, was mir unerklärlich ist. Gerade angesichts der Fälle von Misshandlungen, die wir zuletzt in anderen Städten hatten und die mithilfe von Videoaufzeichnungen aufgeklärt werden konnten. Ich gehe davon aus, dass es demnächst eine gesetzliche Regelung geben wird, die in unsere Richtung geht.

Letztes Thema: Wie viele Schlecker-Frauen arbeiten jetzt eigentlich bei der Üstra? Sie hatten da vor einiger Zeit einen PR-Coup gelandet.

Wir haben Ende 2012 und Anfang 2013 insgesamt fünf ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen als Stadtbahnfahrerinnen eingestellt. Vier davon sind nach wie vor bei uns beschäftigt.

Wo sind die anderen hin?

Weitere Bewerberinnen sind beim Eingangstest durchgefallen oder haben die Ausbildung nicht zu Ende gebracht.

Mit ihrer Rock-Kampagne haben Sie generell auf weibliche Bewerber abgezielt. Wie erfolgreich war das?

Insgesamt sehr. Im Gesamtunternehmen ist der Frauen-Anteil gegenüber 2010 von 12,9 Prozent auf 19,1 Prozent gewachsen. Auch im Fahrdienst, auf den die Kampagne ja hauptsächlich abzielte, sind wir vorangekommen.

In diesem Fahrdienst gab es vor Jahren noch einen Personalmangel. Ist der überwunden?

Ja, das Problem haben wir nicht mehr.

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