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Stadt Hannover „Jeder sucht einen Punkt, um anzukommen“
Aus der Region Stadt Hannover „Jeder sucht einen Punkt, um anzukommen“
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15:03 21.12.2018
Treffen zum Advent (v.l.): Susanna und Eckard Bretzke, Mina Bajrić und Sohn Edin. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

 Am Tag, als der Arbeiter Ferid Bajrić zum Personalchef des staatlichen Holzsägewerks in Kozarska Dubica bestellt wurde, erreichte ihn der Krieg. Etliche Männer im Betrieb hatten dieses Gespräch schon hinter sich, jetzt war er dran. Bajrić wusste, was seine Vorgesetzten verlangten. Als Soldat sollte er für Serbien kämpfen, nur dann könnte er, nach Wochen an der Front, zurück an seinen Arbeitsplatz. Doch Ferid Bajrić, ein Bosnier, weigerte sich, auf Landsleute zu schießen, Jugoslawen wie er, und er weigerte sich, in einem irrsinnigen Bürgerkrieg zu sterben.

Seine Botschaft an die Serben war: Ihr könnt mich nicht erpressen. Ich bin keiner von euch. Ich gehorche nicht. Er machte nicht mit, obwohl er wusste, dass die neuen Herren zurückschlagen werden. Krieg kennt keine Zwischentöne, nur Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind. Wer nicht mit den Machthabern paktierte, verlor seine Existenz, die Verhältnisse waren erbarmungslos. So begann die Flucht von Ferid und Mina Bajrić und ihrer jungen Söhne Elvir, Edin und Elvedin. Erst in einem hannoverschen Pfarrhaus, mehr als 1200 Kilometer entfernt, sollte die Reise enden.

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Der Familie blieb nach diesem verheerenden Gespräch im Werk nicht viel Zeit. Seine Stelle verlor Ferid Bajrić sofort, die Betriebswohnung würden sie bald räumen müssen. Mancher im Ort versuchte bereits, rechtzeitig Stücke aus der Beute zu reißen, bevor andere es taten. Die Familie lebte noch im Haus, als Leute klingelten und durch die Wohnung geführt werden wollten. Würde ja bald frei werden, sagten die Besucher, die Familie müsste doch sowieso ausziehen.

Edin Bajrić, der mittlere Sohn, war in diesen Tagen zwölf Jahre alt. Er verstand wohl, dass etwas passieren würde, doch die Tragweite war ihm lange nicht bewusst. In diesem Dezember 2018, ein viertel Jahrhundert später, erinnert er sich an die Flucht. „Ich war damit beschäftigt, was ich mitnehmen sollte, welches Spielzeug und so. Erst bei der Abfahrt im Auto wurde mir klar, dass es kein Zurück gibt.“ Sein Bruder Elvir war zwei Jahre älter. „Für mich war es sehr schwer, ich bin dort aufgewachsen, und plötzlich musste ich mich von Freunden und Großeltern verabschieden. Ich habe in Hannover lange nur an die Heimat gedacht.“ Mutter Mina war optimistisch. Sie glaubte, die Familie werde Dubica bald wiedersehen, die nahen Berge und Una, den Fluss. „Erst mal raus, zur Ruhe kommen“, erzählt sie, das war der Plan, und dann zurück nach Hause, so bald der Krieg vorbei war.

Auf dem Markt in Dubica verkaufte Mina Möbel, Geschirr und Geräte. Die Familie brauchte Geld für die Flucht. Ein Konvoi brachte sie dann über die kroatische Grenze, bis das Ziel erreicht war, ein Ort fern vom Krieg. Elvir erinnert sich, wie in der Dunkelheit Lichter auftauchten, ein Kino, glaubt er, endlich waren die Bosnier in Sicherheit und voller Erleichterung, „einige sprangen von den Wagen und küssten den Boden“. Bald ging die Fahrt weiter, das Ziel hieß Deutschland. Familie Bajrić hatte die Adresse einer Familie, die sich dem Land Niedersachsen gegenüber verpflichtet hatte, für Flüchtlinge dieses Krieges aufzukommen.

Im Pfarrhaus der Titus-Gemeinde in Vahrenwald warteten Pastor Eckard Bretzke und seine Frau Susanna am 11. März 1993 auf einen Anruf. Sie wussten nicht, wer da aus Bosnien kommen und ob es menschlich passen würde. Doch darauf kam es ihnen nicht an, als sie sich bei der Hilfsorganisation „Den Krieg überleben“ meldeten. Das Paar hatte Überzeugungen, nicht nur in der Theorie. „Man darf nicht zusehen, wenn der Hass ausbricht und Menschen abgeschlachtet werden“, sagt Eckard Bretzke. Sie richteten fürsorglich Zimmer her, füllten Schränke mit Kleidung und bezogen Betten. Unter jedes Kopfkissen legten sie Schokolade. Es sollte sich behaglich anfühlen für die unbekannten Gäste.

Eckard Bretzke ist selbst ein Kind des Zweiten Weltkrieges. Nach der Flucht aus Pommern erlebte seine Familie in Norddeutschland, wozu Menschen fähig sind, im Guten wie im Schlechten. In Stade wurden Mutter, Schwester und Großmutter freundlich aufgenommen und in einem Zimmer untergebracht. Dann kam Eckards Vater zurück. Nun hatten sie Anspruch auf zwei Räume, der Familie wurde ein Hof zugewiesen. Doch beim Bauern stießen sie auf eisige Ablehnung. Eckard Bretzke weiß noch, welche Kargheit sie empfing. „In den Zimmern war nichts, aber auch gar nichts. Kein Bett, kein Tisch, kein Stuhl, kein Ofen.“ Als der junge Eckard den Landwirt um etwas Stroh als Unterlage für seine Oma bat, lehnte der Bauer schroff ab. „Stroh“, sagte er dem Kind, „brauche ich für mein Vieh.“ Noch heute, mehr als 70 Jahre später, ist Eckard Bretzke die Erschütterung über dieses Erlebnis anzumerken. Als der Bürgerkrieg in Jugoslawien ausbrach, wieder mitten in Europa, wieder mit endlosen Flüchtlingstrecks, war er entschlossen zu helfen. Und er wollte mehr anbieten als nur Stroh.

Familie Bajrić kam am 12. März 1993 auf dem Hauptbahnhof in Hannover an. Es war 00.12 Uhr, die Söhne haben diese Uhrzeit nie vergessen. Eckard Bretzke holte sie ab. Was war das für eine Überraschung, als die bosnischen Flüchtlinge die Umrisse eines Pfarrhauses sahen. Mina konnte in dieser Nacht kaum schlafen. „Was ist das für ein großes Haus“, fragte sie sich, und was sind das für Leute, die wildfremde Menschen bei sich aufnehmen? In Bosnien hatte sie erlebt, wie Landsleute und Nachbarn zu Feinden werden können. Und jetzt passierte das Gegenteil, Hilfe statt Vertreibung, geleistet von Unbekannten, denen egal war, ob sie Bosnier waren, Muslime oder Christen. Pastor Bretzke hat ihnen später erklärt, was diese Leute denken: „Weil man Mensch ist, lebt man zusammen. So gehört sich das.“

Knapp drei Jahre lang wohnten die beiden Familien unterm Pfarrhausdach zusammen, Spenden mancher Gemeindemitglieder halfen beim Lebensunterhalt. Wenn Elvir, Edin und Elvedin, der Jüngste, in ihre Zimmer wollten, mussten sie immer durchs Esszimmer der Bretzkes laufen, aber Susanna sagte gelassen, die Kinder sollten einfach machen. In Sprachförderklassen lernten sie gemeinsam mit Spaniern und Thailändern diese neue Sprache. Deutsche Menschen stellten sie sich groß und blond vor, wie sie es in Dubica gehört hatten, aber hier war dann alles anders. Mina Bajrić, ein fröhlicher und herzlicher Mensch, arbeitete im Haushalt und verdiente später Geld als Reinigungskraft. Ferid bekam eine Stelle in der Zentrale des Rossmann-Konzerns.

Im Alltag kam die Familie gut zurecht, doch Gesetze machte den Flüchtlingen das Leben schwer. Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitserlaubnisse wurden immer nur befristet verlängert, „ein teuflisches System“, sagt Pastor Bretzke, das zu ständiger Unsicherheit führe. Ferid Bajrić verlor 1998 seine Stelle, gegen den Willen seines Arbeitgebers, weil Arbeitsplätze nun vorrangig an EU-Ausländer vergeben werden sollten. Mitten im Studium erhielt Edin die behördliche Forderung zur Ausreise. Bruder Elvir lernte Glaser, als ihn die gleiche Nachricht erreichte. Doch Eckard Bretzke, im Notfall ein widerspenstiger Geist, wehrte sich. Eine Petition ging an den Landtag, wo inzwischen eine rot-grüne Mehrheit regierte. Man schloss einen Deal: Rückzug der Petition, die Familie kann bleiben, muss aber von eigenem Einkommen leben. Erst 2005, zwölf Jahre nach ihrer Ankunft, erteilten Behörden dauerhaftes Bleiberecht.

All das ist lange her. Geblieben ist der regelmäßige Kontakt der Familien, menschlich hatte es dann doch sehr gepasst. Eckard Bretzke lebt im Ruhestand. Ferid Bajrić, der sich nicht in den Krieg zwingen ließ, ist gestorben. Mina, 61 Jahre alt, arbeitet, wie sie es immer getan hat, und wo das Deutsch nicht reicht, helfen Hände und Füße. Elvir, 40, dem der Abschied aus seiner Heimat so schwerfiel, ist Glasermeister im eigenen Betrieb und selbst Vater. Edin, 38, arbeitet als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Architektur der Leibniz Universität. In zahlreichen Ausstellungen befasste er sich bislang mit dem ewigen Menschheitsthema von Vertreibung und Flucht, es hat ihn nicht losgelassen. Aus seiner eigenen Flucht hat er etwas gelernt. „Jeder, der sich auf so einen langen Weg macht, sucht einen Punkt, an dem er ankommen will. Ich habe mich verabschiedet von dem Gedanken, dass Dubica mein Zuhause ist.“

Hannover als Zufluchtsort

Nach dem Beginn des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien suchten immer mehr Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland Zuflucht, doch die Städte fühlten sich bald überfordert von dem Andrang. Hannover wies schon im Juli 1993 Flüchtlinge aus Bosnien ab, Unterkunft gab es nur noch in Notfällen, etwa für Kranke und Schwangere. Zwischenzeitlich kamen jeden Tag 20 bis 30 Menschen, und Stadt und Land begannen, um die Aufenthaltskosten zu streiten.

Im September 1993 lebten bereits 1356 Menschen aus dem zerfallenden Jugoslawien in der Landeshauptstadt. Gleichzeitig musste die Stadt mehr als 2800 weitere Asylbewerber unterbringen. Bürgerkriegsflüchtlinge fanden provisorisches Obdach in Turnhallen, Wohnheimen, Containern und zu Hunderten im leer stehenden ehemaligen britischen Militärhospital, wo es nach einiger Zeit zu Konflikten mit Anwohnern kam. Nach weiteren zwei Jahren und einem eskalierenden Balkankrieg lebten mehr als 2200 Bosnier in Hannover. gum

Von Gunnar Menkens