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Stadt Hannover Warum die Meeresbiologin Antje Boetius erschüttert über das Klimapaket ist
Aus der Region Stadt Hannover Warum die Meeresbiologin Antje Boetius erschüttert über das Klimapaket ist
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18:58 09.10.2019
Der Oktober hat es in sich für Antje Boetius. Erst bekam sie das Bundesverdienstkreuz, dann folgt der Leibniz-Ring. Quelle: Rolfes
Hannover

Als die Biologiestudentin Antje Boetius zum ersten Mal den Meeresgrund fotografierte, glaubte sie noch an persönliches Pech. Statt maritimer Vielfalt in mehr als vier Kilometern Tiefe erwischte ihre Linse ein von Fischern ausgeworfenes Bodenschleppnetz, in dem sich einige Tiere verfangen hatten, das schon – aber sie war erschrocken, Reste von Zivilisation zu finden, wo nie Menschen gewesen waren: Coladosen, Müll, Plastiktüten. Es war Anfang der Neunzigerjahre, von Mikroplastik und quadratkilometergroßen treibenden Abfallinseln war noch nicht die Rede. Das Projekt untersuchte die Frage, ob auch die Tiefsee Umweltschutz benötige. Und danach sah es aus.

Oben an Deck war die junge Frau auf dem besten Weg, ihren beruflichen Traum zu verwirklichen. Mit Meeren und Ozeanen wollte sie ihren Lebensunterhalt verdienen, das stand früh fest. Schon als Kind lauschte Antje Boetius Erzählungen ihres Großvaters, der zur See fuhr und Walfänger war. Dieses Mädchen las von Abenteuern des Kapitän Nemo und fantasierte sich 20.000 Meilen unters Meer. Aus Darmstadt, wo Boetius von ihrer Mutter großgezogen wurde, ging es zum Urlaub stets an Küsten, nach Norwegen, Richtung Atlantik oder die Niederlande.

Eine öffentliche Person

Jetzt sitzt Antje Boetius, 52, im Restaurant des Bremer Überseemuseums. Sie hat eine Stunde aus ihrem Terminplan abgezwackt, die einzige Lücke in den nächsten Wochen, aber von Unruhe und Gehetztsein ist nichts zu spüren. Aus der Studentin ist eine vielfach ausgezeichnete öffentliche Person geworden. Boetius ist Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, Mitglied in Akademien und Räten, sie hat mehr als 40 Forschungsreisen hinter sich, publiziert in Fachblättern und vertritt ihr Gebiet auf Konferenzen wie in populären Medien. Man staunt beim Durchblättern, wie viel Lebenslauf in ein Leben passen kann, wenn Interesse von Energie befeuert wird.

Unterwegs und bei der Arbeit: Die Meeresbiologin und Direktorin vom Alfred-Wegener-Institut, Antje Boetius. Quelle: Kerstin Rolfes/dpa/Alfred Wegener Institut

So viel Einsatz und Erfolge brachten ihr unter anderem den Deutschen Umweltpreis und den Leibniz-Preis ein. Die jüngste Ehrung überreichte in der vergangenen Woche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem roten Teppich seines Amtssitzes. Man kann sich täuschen aus der Ferne, aber auf Bildern von der Veranstaltung wirkt sie immer noch ein wenig überrascht, das Bundesverdienstkreuz bekommen zu haben. Dabei hatte Steinmeier eine „international renommierte Wissenschaftlerin“ gewürdigt, deren Stimme große Glaubwürdigkeit habe.

„Ich bin erschüttert“

Zuletzt musste sich diese Wissenschaftlerin allerdings mit handfester Politik beschäftigen. Gemeinsam mit Kollegen der Nationalakademie sammelte und interpretierte Boetius Daten und Fakten zu Folgen des Klimawandels, sie lagen der Bundesregierung vor, ehe die das Klimapaket beschloss. Das Ergebnis? „Ich bin erschüttert. Aus unserer Arbeit ist leider kein Ansatz entstanden, wie man die Ziele in der Zeit erreicht, die Bürgern bereits versprochen worden sind. Wenn diese Politik sich fortsetzt, verlieren wir die Menschen, die sich bereits entschieden haben, anders zu leben.“ Sie sagt das nicht zornig, nicht abschätzig, sie wundert sich, wie Berlin Erkenntnisse beiseite schiebt.

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„Schwierig, wenn man nicht gehört wird“

Dennoch: Eine Menge Arbeit war nahezu vertan. Ein Vorschlag im Gutachten war, den Preis für CO2 deutlich, aber sozial abgefedert zu erhöhen. Die große Koalition verständigte sich auf 10 Euro pro Tonne. Viel zu wenig, um die Erderwärmung aufzuhalten, meint sie. Antje Boetius glaubt an Fakten. Wenn Wissenschaftler übereinstimmend erklären, dass zwei plus zwei vier ergibt, mag sie nicht recht einsehen, wenn Politiker erklären, drei wäre auch ein schönes Ergebnis.

Noch ein Schluck vom doppelten Espresso, dann erklärt die Wissenschaftlerin gerade heraus, wie so etwas bei ihr ankommt, dieses Ignorieren von Forschungsergebnissen: „Das ist schon schwierig. Wir tun, was von Wissenschaftlern gefordert wird, Dialog, Beratung, forschen nach Lösungen. Und am Ende wird man gefragt und nicht gehört. Es geht ja nicht um ein paar Sonderlinge, sondern um Tausende von Wissenschaftlern, die vor Risiken des Klimawandels warnen.“

Nun ist Antje Boetius keine wütende Person. Sie ist freundlich, zugewandt, kann über sich lachen. Von Selbstgerechtigkeit, wie sie an Hierarchiespitzen nicht selten anzutreffen ist, fehlt jede Spur. Die Direktorin kommt nicht vorbei, erklärt die Welt und geht wieder. Trotzdem ist sie überzeugt von dem, was sie tut. Und man kann wohl von Leidenschaft sprechen, mit der sie für Ozeane kämpft, für die eine weiter aufgeheizte Erde Leben vernichtende Folgen haben würde. Auf Tauchfahrten in engen Kapseln ist sie dieser Welt und ihren absonderlichen Kreaturen sehr nahe gekommen. Quallen, Krebsen, Tintenfischen, „unglaubliche Lebewesen“. Fische, die sich mit Lichttentakeln die Dunkelheit selbst erleuchten.

Shitstorms und Beleidigungen

Wovon jene trüben Zeitgenossen weit entfernt sind, die regelmäßig Shitstorms und Beschimpfungen ans Institut absenden. Leute, die behaupten, Frauen könnten sowieso nicht rechnen und Klimawandel gebe es nicht. Mit diesen Menschen zu diskutieren hat sie keine Lust. „Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, die jegliche wissenschaftliche Grundlage abstreiten. Das wäre, als würde man mit Leuten diskutieren, die glauben, die Erde sei eine Scheibe, die wollen auch keine logischen Argumente hören.“ Und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Keine Wut, kein Zorn.

Eine andere Frage ist, warum die öffentliche Debatte über Klimawandel in Gesellschaft und Politik erst richtig in Gang gekommen ist, nachdem in Stockholm die Schülerin Greta Thunberg einen Sitzstreik begann, der sich zur globalen Fridays-for-Future-Bewegung gesteigert hat. Reichte es nicht, was Wissenschaftler wie Antje Boetius seit Langem an Wissen zusammengetragen hatten? Reagieren Politiker tatsächlich nur auf Druck von der Straße?

„Diese großartige Jugendbewegung“

Die Erklärung von Antje Boetius dafür ist: „Ich glaube, die Dinge fallen zusammen. Die Wissenschaft hat geliefert, Deutschland hat Klimaziele formuliert, lange bevor Greta Thunberg gestreikt hat. Dann kamen zwei extrem heiße und trockene Sommer, die genauso verlaufen sind, wie Klimaforscher vorhergesagt haben, allerdings noch nicht jetzt. Zusammen mit dieser großartigen Jugendbewegung hat das die Wahrnehmung für Klimawandel verstärkt.“ Daraus wurde dann allerdings das Klimapaket, das sie erschüttert. Im Überseemuseum würde sie gern noch erzählen, dass es teurer sei, nicht in Klimaschutz zu investieren: Milliarden Euro in wenigen Jahren wären es, „über Strafzahlungen an die EU, verpassten Küstenschutz, beschädigte Wälder und zerstörte Bahnstrecken“.

Deprimierende Aussichten. Antje Boetius überlegt manchmal, wie man solche Themen dem Publikum kulturell näher bringen könnte, irgendwie optimistischer, am Theater etwa. Und sie macht sich Gedanken darüber, ob ein Mensch zu sein zwangsläufig bedeuten muss, mit der Natur im Konflikt zu leben. Aber jetzt sind wir schon in ihrer Freizeit angelangt.

52 Brillanten erinnern an Mikroorganismen: Der Leibniz-Ring symbolisiert das Fachgebiet der diesjährigen Preisträgerin Antje Boetius. Konzipiert und angefertigt wurde der Ring von Alena Jakunina Uthe und Nico Starke aus Pforzheim. Quelle: Rainer Dröse

Ein Ring wie ein Meeresschwamm

Sie hat bereits zahlreiche Auszeichnungen, nun kommt eine weitere hinzu: Am 21. Oktober erhält Antje Boetius den Leibniz-Ring, den der Presse Club Hannover zum 22. Mal für besondere Verdienste verleiht. Am Dienstag wurde bekannt, wie das Schmuckstück aussehen wird: Der aus Apricotgold gefertigte Ring hat die Form eines Meeresschwammes und ist mit vielen kleinen Poren durchsetzt – auf diese Weise soll er das Fachgebiet der Meeresbiologin Boetius symbolisieren.

Die 52 Brillanten,die ihn zieren, sollen an die Mikroorganismen erinnern, an denen Boetius forscht. Und ein besonderer Clou kommt noch hinzu: Fluoreszierende Materialien lassen den Ring im Schein von Schwarzlicht in einem Spektrum von Tiefseeblau bis Korallenrot leuchten.

Ausgedacht und angefertigt haben dieses besondere Schmuckstück Alena Jakunina Uthe und Nico Starke.

Die beiden Pforzheimermachten in dem bundesweiten Goldschmiedewettbewerb um den schönsten und kreativsten Ring das Rennen. 37 Betriebe hatten sich mit ihren Entwürfen beteiligt – und die Jury kürte einstimmig den „Schwammring Illuminare“ zum Sieger. Für die Pforzheimer war es ein doppelter Erfolg: Schon im vergangenen Jahr hatten sie den Leibniz-Ring für den damaligen Preisträger Klaus Meine, Frontmann der hannoverschen Band Scorpions, angefertigt. Die Laudatio bei der mit 3500 Euro dotierten Ringprämierung hielt Sabine Wilp von der Handwerkskammer Hannover. Schirmherrin und Jurymitglied Eske Nannen von der Kunsthalle Emden war kurzfristig erkrankt.

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