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Stadt Hannover Was bedeutet der Mindestlohn für Hannover?
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19:17 04.01.2015
Von Andreas Schinkel
Ingo Schröder, Geschäftsführer von „Mein Taxi“, blickt mit vorsichtigem Optimismus ins neue Jahr, denn das Schlimmste ist überstanden. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Auf der Rückbank des Taxis ist der Mindestlohn zuerst zu spüren. Punkt Mitternacht sind in der Silvesternacht die Taxameter umgesprungen. Die Fahrt kostet in Hannover nun mehr, die Tarife sind erhöht. Nach jahrelangem politischen Hin- und Her gilt seit dem Neujahrstag: Kein sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter darf mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde nach Hause gehen.

Viele Hannoveraner fragen sich nun, ob ihnen jetzt eine Teuerungswelle bevorsteht. Ziehen die Bierpreise in der Stammkneipe kräftig an? Muss man für einen Friseurbesuch tiefer in die Tasche greifen? Wird das Essen im Restaurant zum Luxus?

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Wie so oft gibt es keine einfachen Antworten. Selbst in den betroffenen Branchen ist man zurückhaltend und verweist auf „den Markt“, der sich entwickeln müsse und auf den man reagieren werde. Die Unsicherheit und Sorge vieler Geschäftsleute vor der Zukunft mit der neuen Vorgabe ist deutlich zu spüren. Doch es gibt auch einige Unternehmer, die voller Hoffnung auf die neue gesetzliche Regelung schauen.

Dramatischer Preisanstieg beim Friseur bleibe aus

„Einen Haarschnitt für sechs Euro wird es jetzt nicht mehr geben, jedenfalls nicht mit legalen Mitteln“, sagt Stefan Golletz, Geschäftsführer der Friseurinnung Hannover. Das sei auch gut so, denn die Billiganbieter hätten die Branche in Verruf gebracht und die beruflichen Perspektiven für angehende Friseure verdüstert. Er begrüße also den Mindestlohn. „Gute Gesellen haben wir aber schon immer ordentlich bezahlt“, sagt Golletz. Daher werde ein dramatischer Preisanstieg für Haarschnitte ausbleiben.

Tatsächlich hat der Innungsverband des niedersächsischen Friseurhandwerks für das abgelaufene Jahr 2014 einen Mindeststundensatz von 8,17 Euro empfohlen. Damit sind junge, ausgelernte Kräfte auf einen Monatslohn von rund 1350 Euro gekommen. Ihr Gehalt steigt durch den neuen Mindestlohn um rund 50 Euro. So zumindest in der Theorie, in der Praxis dürfte es etliche Betriebe geben, die der Empfehlung der Innung nicht gefolgt sind. Für sie steigen die Personalkosten jetzt erheblich. „Ich habe schon Schilder in Schaufenstern gesehen mit der Aufschrift: ,Wir zahlen Mindestlohn, daher steigen die Preise’“, sagt Golletz.

Ob der Kneipenabend oder der Restaurantbesuch in Hannover kostspieliger wird, mag Kirsten Jordan vom Branchenverband für das Hotel- und Gaststättengewerbe (Dehoga) nicht prognostizieren. „Ich denke, dass die Betriebe im Stadtgebiet nicht so stark betroffen sind wie im Umland“, sagt sie. Erfahrungsgemäß beschäftigten meist Gaststätten auf dem Lande Aushilfs- und Servicekräfte, die deutlich unterhalb der neuen Lohngrenze bezahlt werden.

Bis zu 30.000 Euro Bußgelder können drohen

Mehr Sorgen als ein möglicher Preisanstieg bereitet Jordan die Bürokratie, die die Gastwirte jetzt zu bewältigen haben. Das Mindestlohngesetz verpflichtet Geschäftsführer, die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter genau zu dokumentieren. Damit soll verhindert werden, dass der Mindestlohn ausgehebelt wird. Eine Kellnerin etwa könnte zwar den gesetzlichen Stundenlohn bekommen, doch würde der Verdienst dahinschmelzen, wenn sie länger arbeiten müsste. „Eine Kontrolle ist zwar sinnvoll, aber auch eine Belastung für die Betriebe“, sagt Jordan. Die Dehoga-Vertreterin rät allen Gastronomen, die Dokumentationspflicht ernst zu nehmen. „Bei Verstößen drohen bis zu 30.000 Euro Bußgeld“, sagt sie.

Streng genommen hatten Kellner, Theken- und Küchenpersonal bereits in der Silvesternacht ab 0 Uhr einen Anspruch auf den Mindestlohn von 8,50 Euro. Die höheren Personalkosten hätte ein Clubchef dann ab Mitternacht auf seine Gäste umlegen können. „In der Praxis haben die meisten Gastronomen ihre Mitarbeiter in der Silvesternacht noch nach den alten Tarifen bezahlt“, sagt Hermann Kröger, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Schließlich wechsele man die Pferde nicht in vollem Galopp.

„Der Umsatz darf nicht einbrechen“

Im Taxigewerbe ist der Preisanstieg schon lange beschlossene Sache. Eigentlich hatten Hannovers Taxiunternehmer gefordert, dass die Tarife um 25 Prozent steigen, damit sie ihren Fahrern den gesetzlich geforderten Stundenlohn zahlen können. Der Rat der Stadt hatte noch im Dezember einen Anstieg um rund 20 Prozent genehmigt, im Umland fällt die Erhöhung geringer aus. „Das Mindestlohngesetz wird Arbeitsplätze kosten - auch in Hannover“, sagt Michael Frenzel, Taxiunternehmer und Sprecher der hannoverschen Taxibranche. Denn selbst bei den gestiegenen Preisen könne es sich ein Unternehmer nicht mehr erlauben, an durchschnittlichen Wochentagen viele Fahrer auf die Straße zu schicken.

Tatsächlich verbringen Hannovers Taxifahrer viel Zeit mit Warten, sodass der Stundenlohn bisher bei niedrigen sechs bis 6,50 Euro lag. Frenzel hofft, dass der erzwungene Lohnanstieg mit den erhöhten Taxipreisen aufgefangen werden kann. „Dabei darf der Umsatz nicht einbrechen“, sagt Frenzel. Zwar verzeichne man bei jeder Tariferhöhung einen leichten Rückgang, doch danach steige die Nachfrage wieder. „Wir hoffen auf das Verständnis unserer Fahrgäste“, sagt Frenzel.

Diesen Satz dürften auch Gastronomen und Friseure unterschreiben.

Friseur Reza Mahramzadeh:

„Bei uns bleibt alles beim Alten.“

Reza Mahramzadeh kann dem neuen Mindestlohn nur positive Seiten abgewinnen – obwohl er als Friseur in einer Branche arbeitet, die die Auswirkungen besonders zu spüren bekommen müsste. „Ich bezahle meine Mitarbeiter bereits sehr gut“, sagt der Inhaber des Friseursalons am Georgswall. Die Einführung des Mindestlohns bedeute also keine Gehaltssteigerung für seine zwei Gesellen und eine Meisterin. Insofern fühle er sich auch nicht veranlasst, die Preise anzuheben. 33 Euro bezahlt man bei ihm für einen Herrenhaarschnitt, ab 48 Euro kostet der Schnitt für die Damen. Damit liegt Mahramzadeh im oberen Preissegment. „Für die Discount-Friseure mit ihren Zehn-Euro-Angeboten wird es jetzt eng“, sagt er. Der Mindestlohn bereinige den Markt, hofft er – und mache den Friseurberuf wieder attraktiver. „Ich würde gern mehr Auszubildende einstellen, aber die Nachfrage ist gering“, sagt der Salon-Chef. Dabei gehöre das Friseurhandwerk zu den schönsten Berufen. Man müsse sich jedoch Zeit nehmen für die Kunden, nicht im Akkord arbeiten und nur auf den Umsatz schauen. „Bei uns bleibt eigentlich alles beim Alten“, sagt er.

Café-Inhaber Dietmar Engel:

„Preiserhöhungen sind eine Option.“

18 Jahre gibt es das Café Konrad nun schon in Hannovers Altstadt, jetzt steht der Traditionsgaststätte eine der größten Veränderungen bevor. „Selbstverständlich werden wir den Mindestlohn zahlen, aber wir müssen überlegen, wie wir die steigenden Personalkosten gegenfinanzieren“, sagt Inhaber Dietmar Engel. Preiserhöhungen seien eine Option, aber sie müssten im Rahmen bleiben. Zudem denkt er darüber nach, sein gastronomisches Konzept zu ändern, um Kosten zu sparen. „Wir müssen überlegen, ob wir frisch zubereitetes Essen rund um die Uhr anbieten“, sagt Engel. Dazu sei ein hoher Personalaufwand nötig und den könne man sich womöglich nicht mehr leisten. „Einige Stammkunden werden verärgert sein, wenn sie um 16 Uhr nicht mehr ein frisches Chili con Carne serviert bekommen“, meint der „Konrad“-Inhaber. Vielleicht werde er auch die Öffnungszeiten verändern, morgens früher beginnen und abends eher schließen. Er versteht nicht, warum er Studenten und Aushilfskräften, die von ihrem Nebenjob nicht leben, ebenfalls den Mindestlohn von 8,50 Euro zahlen muss. „Da hat der Gesetzgeber alle über einen Kamm geschoren“, ärgert er sich.

Taxiunternehmer Ingo Schröder:

„Die Umsätze dürfen nicht einbrechen“

Ingo Schröder, Geschäftsführer von „Mein Taxi“, blickt mit vorsichtigem Optimismus ins neue Jahr, denn das Schlimmste ist überstanden. „Die Umsätze dürfen nicht einbrechen, dann schaffen wir es mit dem Mindestlohn“, sagt Schröder. Das Unternehmen stand am Abgrund, Schröders Vorgänger, Thomas Nipp, hatte allen 60 Fahrern gekündigt, weil er sich nicht in der Lage sah, ihnen ab 2015 den Mindestlohn zu zahlen. Dagegen klagte mehr als die Hälfte der betroffenen Fahrer, ein beispielloses Verfahren. „Letztlich wurde dadurch Druck auf die Politik aufgebaut, die Tarife zu erhöhen“, sagt Schröder. Um rund 20 Prozent sind die Taxipreise am 1. Januar gestiegen.
Inzwischen sind die Klagen zurückgezogen, die schwarzen Taxen fahren wieder. Knapp 50 Voll- und Teilzeitkräfte zählt das Unternehmen jetzt, verteilt auf 23 Fahrzeuge. „Wir sind unterbesetzt und suchen dringend Personal“, sagt der Geschäftsführer. Sollten Konkurrenten wegen hoher Personalkosten auf Fahrer verzichten wollen, seien diese herzlich willkommen. „Ich hoffe, dass der Taxiberuf attraktiver wird“, sagt Schröder.

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